„OUT 1 – Noli me tangere“, 1971 als Arbeitskopie uraufgeführt in Le Havre, 1990 von seinem Regisseur Jacques Rivette als fast 13-stündiger Film mithilfe des WDR fertiggestellt. Ein Denkmal in der Geschichte des modernen Kinos – nun bei der Viennale und als DVD-Edition.
Prometheus in Fesseln“ und „Sieben gegen Theben“ – zwei Theatergruppen unter der Leitung von Michèle Moretti und Michel Lonsdale erarbeiten sich, im Stil des Living Theatre, die antiken Aischylos-Dramen. Der Film „dokumentiert“ diese Proben, zeigt Studien mimischen, gestischen Ausdrucks in mitunter zehnminütigen Einstellungen, was den spannenden Werkeindruck einer Rohschnittfassung vermittelt. Zur Entstehungszeit von OUT 1, damals, in der Folge des Pariser Mai 1968, hatte man noch Zeit, sich einem Zustand unbestimmten Wartens hinzugeben – ein Warten auf das Urteil der Geschichte?
„France, Paris 1970. Da sind wir und warten ab.“
(Jacques Rivette, 1972)
Die Idee der verschworenen Geheimorganisation, welche die Folge der Begegnungen in OUT 1 motiviert, kam Rivette erst kurz vor Drehbeginn, nachdem er das Vorwort von Honoré de Balzacs „Geschichte der Dreizehn“ gelesen hatte. Hier fand er das einende Prinzip, den dramaturgischen Motor. „Zur Zeit des französischen Kaiserreichs trafen in Paris dreizehn Männer [in OUT 1: Männer und Frauen, Anm.] zusammen, die von gleichen Gefühlen durchdrungen waren. (…) Sie scheuten keine Gefahr und kannten keine Furcht. Kein Herrscher, kein Henker, kein Heiliger – nichts vermochte sie abzuschrecken. Sie fragten nicht nach gesellschaftlichen Vorurteilen, sondern nahmen einander so, wie sie waren. In ihrem Charakter lag unzweifelhaft etwas Verbrecherisches, zugleich aber auch gar manches von dem, was das Wesen bedeutender Männer bedingt. Und damit dieser Geschichte auch die düstere Poesie des Geheimnisses nicht fehle: Jene Männer blieben unbekannt, (…)“
Jean-Pierre Léaud, Ikone der Nouvelle Vague, mysteriöser taubstummer Einzelgänger, Typ eines erleuchteten Verrückten, der anfangs von Café zu Café zieht und Umschläge mit dem Aufdruck „Le message du destin [Schicksalsbotschaften] / 1 Franc“ – darin herausgerissene Buchseiten –, begleitet von nötigendem Mundharmonikaspiel, an Gäste verteilt, ihn führen seinerseits mysteriöse Botschaften auf die Spur jenes Partisanenordens, einer verschworenen Elite von untergründiger Macht. Die zweite „unschuldige“ Figur, als unentwegte Geldbeschafferin durch Zufallsbekanntschaften, Betrügereien und ungeschickte Erpressungen streunt sie auf Irrwegen durch die Stadt, spielte die in den End-Sechzigerjahre-Filmen Jean Luc Godards entdeckte Juliet Berto. Diese beiden „Naiven“ sind bis zum letzten Akt von dem Glauben erfüllt, dass es diese Verschwörung, die Schattenherrscher, wirklich gibt, wenngleich, so sieht es Rivette, Verschwörung immer aus einem Kindheitsbedürfnis ausgedacht wird, „pour accepter le malheur“. Menschen akzeptierten nicht, dass es keinerlei Erklärung gäbe. „C’est tout.“
„Noli me tangere“ [Berühre mich nicht] – ein Motiv aus der religiösen Malerei, insbesondere der Renaissance, das sich auf Christus nach der Auferstehung bezieht, welcher den Menschen noch einmal erscheint – dieses Motiv hat Rivette erst während der Montage als Titel in Betracht gezogen: „OUT 1 ist ein Film, in dem die Personen sich aufeinander zubewegen, ohne sich je wirklich zu berühren. Sobald sie sich nahekommen, entsteht wie in der Elektrizität so etwas wie ein Gegenstrom, der sie sofort auseinander bringt.“ Dagegen sei OUT 1 „bloßes Etikett, … ein rein schriftlicher, … vorläufiger Titel, aber es wird keinen endgültigen Titel geben …“ (Jacques Rivette)
Wie der Lauf des Wassers im Fluss
Ästhetisch wird die Markierung deutlich, die Jacques Rivette mit OUT 1 – einem cineastischen Solitär von 13 Stunden in 8 Akten – hinterlassen hat. Total frei und schauspielerischem Improvisationsvermögen vertrauend, ist er zugleich konstituiert aus Elementen „großen Kinos“: Intrigen, Geheimnissen, Konflikten, rätselhaften Botschaften und Abenteuern. In seinem Fundament wirkt Louis Feuillades Fantômas-Serie fort. „Spiel, in jedem Sinne des Wortes, war die einzige Idee hinter OUT 1: das Spiel der Akteure, das Spiel zwischen den Charakteren, spielen wie Kinder spielen, und ein soziales Spiel, so wie Gruppen bei einer Zusammenkunft interagieren.“ So Rivette, der schon immer fasziniert war von der Arbeit mit Schauspielern [vgl. Paris nous appartient (1960) und L’Amour fou (1968)]; als Denkmal solchen innovativ-schöpferischen Prozesses ist OUT 1 ein Wunderwerk an Unvorhergesehenem, auf Momente der Entdeckung setzend, ein Recht auch auf darstellerische Leere reklamierend, dabei sich nie wiederholend und wie der Lauf des Wassers im Fluss geschmeidig ausweichend, wenn ein Hindernis den Weg blockiert. Alles nahm eine Richtung, die sich an Ort und Stelle aus Dialog und Spiel der Figuren ergab, für deren Konzeption die Schauspieler, mit denen sich Rivette vorab ausgiebig verständigt hatte, komplett selbst verantwortlich waren. So machte man sich auf eine Reise, so Michel Lonsdale, ohne recht zu wissen wohin.
Die Möglichkeit von Drama
Außer einer fünfseitigen Projektbeschreibung gab es kein Drehbuch, nur den knapp skizzierten Ablauf einer erfundenen Chronologie von Begegnungen, ein Diagramm mit Koordinationspunkten und einen Kostenplan für sechs Wochen. „Wir hatten eine Liste von mitwirkenden Personen und wollten die Geschichte einer Nachforschung drehen. Was aber innerhalb der einzelnen Sequenzen gesprochen werden sollte, war völlig offen. Es geschah dann ausschließlich nach dem Prinzip: Heute drehen wir drei Szenen mit Doniol-Valcroze, eine erste Szene, in der er Michel Lonsdale trifft, eine zweite Szene, in der er Françoise Fabian trifft, und eine dritte mit Juliet Berto, …“ (Rivette, 1972). Es kam vor, dass nachträglich Szenen, etwa der Diebstahl eines Briefes, gedreht wurden, um zu motivieren, was eine Figur im improvisierten Dialog gesagt hatte. Bernadette Lafont spricht nachträglich von Augenblicken, die Rivette den Akteuren zu entreißen und in eine Szene umzusetzen verstand, die bisweilen Ergebnis einer Panik vor laufender Kamera war, etwa die unwillkürliche Reaktion auf eine vereinbarte Ohrfeige. „Es bestand große Komplizenschaft zwischen uns“, befand der mit völlig unangestrengter Erfindungsgabe in der Szene ausgestattete Jean-Pierre Léaud über die Arbeit mit Rivette, dem Geheimnisvollen, der, so Michel Lonsdale, wie kein anderer das Kind in sich bewahrt habe.
Als Ziel – „le but“ – der Kollektivarbeit nannte Rivette lapidar „le sentiment“ – die Empfindung zwischen den Personen zu evozieren. OUT 1, erklärte sein Kollege der Nouvelle Vague bzw. in der Redaktion der „Cahiers du cinéma“, Eric Rohmer 1972, schildere die Möglichkeit von Drama, nicht das Drama selbst, der Film gleiche einem Reagenzglas, in dem das Leben unaufhörlich entsteht, einem Experimentierfeld, auf welchem das Vermögen des Kinos in Kenntnis des Menschen offenbar würde. Besser kann man es nicht sagen.
