Eines der Spielfilm-Highlights der Viennale ist William Friedkins grimmige Komödie Killer Joe. Der legendäre Regisseur im Gespräch.
Ich kann das puritanische Amerika nicht leiden. Es interessiert mich nicht, was brave Hausfrauen gut finden“, sagt William Friedkin im Gespräch zu seinem Film Killer Joe, eine „Komödie für Leute, die den Witz verstehen“. Killer Joe, Friedkins neuerliche Kollaboration mit dem Autor Tracy Letts, ist wohl eine der provokantesten Arbeiten im US-Kino der letzten Jahre und lässt, wie ihr voriger gemeinsamer Film Bug, Friedkins Lust am Spiel mit Grenzen erkennen: Matthew McConaughey ist hier der korrupte Cop Joe, Auftragskiller im Nebenjob und berufener Sexsüchtiger. Er wird von einem jungen Mann namens Chris (Emile Hirsch) engagiert, um ihn und seine Schwester Dottie (Juno Temple in einer genialen Performance zwischen Lolita und Baby Doll) sowie seinen einfältigen Vater Ansel (Thomas Haden Church) von der bösen Stiefmutter Sharla (Gina Gershon) zu befreien. Sprich: sie umzulegen, auf dass man die Lebensversicherung kassiere. Es ist allerdings ein Plan, den niemand so recht durchgedacht hat.
In nur 19 Tagen hat Friedkin in der texanischen Einöde gedreht, „zwischen Trailerparks und Waffennarren“, und explizit, wie man es von ihm kennt. Friedkin, der nicht nur mit The French Connection (1971) sondern auch mit The Exorcist (1973), Sorcerer (1977), Cruising (1980) und To Live and Die in L.A. (1985) das US-Kino nachhaltig geprägt hat, zählt zur Generation „New Hollywood“, die künstlerischen und kommerziellen Erfolg vereinen konnte. Er fand einen eigenen Weg, den Cop-Film, aber auch das Horror- und das Action-Genre neu zu interpretieren, indem er sie oft bis an die dünne Linie zum Hyperrealismus und zur Halluzination trieb. Er wandte sich dabei stets seinen Lieblingsthemen zu: Verrücktheit, die schmale Grenze zwischen Gut und Böse, und oft ging er absichtlich zu weit, um das Publikum bewusst und nachhaltig zu verstören. Theater plus Humor plus sexuelle Gewalt, das ist auch das Prinzip von Killer Joe. Der Großteil des Films spielt an einem einzigen Ort, in einem heruntergekommenen Wohnwagen. Von einer Familien-Verschwörung ausgehend, entwickelt sich in der Konfrontation dieser dysfunktionalen Charaktere miteinander schnell eine gewalttätige und obszöne Farce. Der 77-jährige Regisseur, einst wegen seines ungestümen Temperaments auch als „Hurricane Billy“ bekannt, macht kein Hehl aus seiner Unzufriedenheit mit der aktuellen Filmproduktion in den USA. Er positioniert sich dabei gern als isoliert, gar marginalisiert und sieht das aktuelle US-Kino als einen „Club, zu dem ich gar nicht gehören will“.
In Killer Joe spürt man wieder dieses typisch Klaustrophobische Ihres Kinos. Zuletzt haben wir das so in Bug gesehen.
Ich bin ein großer Fan dieser Klaustrophobie. Jene meiner Filme, die ich am liebsten mag, handeln von Menschen in klaustrophobischen Situationen, wie zum Beispiel The Birthday Party. Das ist mir eigentlich sogar der liebste meiner Filme – er spielt im Prinzip in nur einem Raum. Auch ein Drittel der Handlung von The Exorcist spielt sich in einem Raum ab. Die Drehbücher, die Tracy Letts für Bug und Killer Joe geschrieben hat, sind brillant und sie bringen meine Lieblingsthemen auf den Punkt: Paranoia und Obsession. Diese Themen entfalten sich am besten in einem limitierten Raum, nicht in der offenen Landschaft. Auch in The French Connection ist das nicht anders: Obwohl ich dafür in ganz New York gedreht habe, ist es im Grunde ein klaustrophobischer Film, denn diese Typen sind in ihrer eigenen Welt gefangen. Aber ich sollte nicht immer wieder von diesem Film anfangen.
Warum denn nicht?
Rückblickend fühlt es sich oft so an, als hätte der Film wenig mit mir zu tun, denn viele Dinge liefen dabei ganz anders ab, als ich sie geplant hatte. Das begann schon bei den Darstellern: Ich wollte damals Jean Sorel aus Belle de Jour für die Rolle des kriminellen Alain Charnier, aber die Agentur schickte Fernando Rey. Er konnte kaum Englisch, und als ich ihm sagte, für die Rolle müsse zumindest der Bart weg, sagte er: „Auf keinen Fall.“ Und dann musste ich auch noch Gene Hackman nehmen.
Gene Hackman war nicht vorgesehen?
Nein, er war der Einzige, der frei war, der gut spielen konnte und den das Studio zahlen wollte. Ich wollte ihn nicht, und er hasste seine Rolle. Aber er brauchte auch einen Job. Ich erinnere mich an die Szene – wir mussten sie gefühlte fünftausendmal drehen – in der er einen Kriminellen jagt und ihn dann ohrfeigen soll. Hackman streichelte ihm über die Wange und meinte, das müsse reichen, er könne niemanden schlagen, nicht einmal in einem Film. Es war eine Tortur, ihn dazu zu bringen.
Killer Joe hat in den USA ein NC-17-Rating für „die explizite Darstellung von Gewalt und Sexualität“ bekommen …
Dieses Rating ist einfach absurd.
Frustriert Sie das?
Nein, ich bin ja überzeugt, dass dieser Film ein NC-17-Rating verdient. Ich habe ihn ja nicht für kleine Kinder oder Teenager gemacht. In der Praxis bedeutet es aber eine Zensur, obwohl es Aufgabe der Eltern sein sollte, zu entscheiden, wie reif ihr Kind ist, was man ihm zumuten kann. J. J. Abrams hat mir erzählt, sein Vater habe ihn in The Exorcist migenommen, als er sechs Jahre alt war. Er wurde auch nicht verrückt.
Sie haben einmal erzählt, dass Sie mit vier Jahren zum ersten Mal im Kino waren, aber durch die laute Musik in der Dunkelheit so erschrocken sind, dass Ihre Mutter Sie wieder hinaustragen musste.
Es war mein allererster Film, None But the Lonely Heart, in diesem dunklen Raum, mit fremden Menschen, dann plötzlich Lichter, der Vorhang ging auf, und dann diese Musik – ich fing an laut zu schreien. Ich habe ihn mir erst Jahre später wirklich angesehen.
Wie wurden Sie die Angst vor dem Kino los?
Indem ich es zu einem Teil von mir machte. Bevor sie mich einschüchtern können, grabe ich mich in Drehbüchern, Theaterskripten oder Opern immer so lange ein, bis sich irgendwie ein Konzept auftut, mit dem ich mich ihnen annähern kann. Die schwierigen Stoffe sind ja die interessanten, das erzählt Ihnen jeder, es ist aber wahr. Wenn ich einen Film mache, ist es nicht so, dass mich das Publikum nicht interessiert, ich will nur nicht vom Publikum abhängig sein. Ich weiß, was das Publikum will: Superhelden, Videospiele und dumme Komödien. Vielleicht könnte ich einen Hit-Blockbuster machen, aber den könnte ich mir dann nicht ansehen. Ich mache Filme, die ich mir selber ansehen würde.
Gibt es solche Filme im US-Kino heutzutage?
Gäbe es wohl, das Problem sind aber die Studios. Clint Eastwood und David Cronenberg haben unlängst in Interviews davon erzählt, wie schwierig es war, ihre jüngsten Filme finanziert zu bekommen. Die Studios gehen kein Risiko mehr ein, oft heißt es lapidar: „Drama? Nehmen wir nicht mehr.“ Das Zielpublikum für die großen Studios liegt zwischen 18 und 29 Jahren, die füttern die Maschinerie am besten. Aber als Regisseur kannst du keinen „Film für das Publikum“ machen. Kein wirklich guter Regisseur würde sich einem Film jemals so annähern, denn ums Publikum kann es letztlich nicht gehen.
Kann ein Film wie Killer Joe die Regeln dessen ändern, was das Publikum will?
Es fallen mir nur eine Hand voll Filme ein, die das Potenzial dazu hatten: The Birth of a Nation (1915) zum Beispiel. Nicht nur in Hinblick darauf, wie er eine epische Geschichte erzählte und dabei ein Massenpublikum anzog, war der Film kontroversiell, sondern er hat auch die Art verändert, wie Filme gemacht wurden. Der nächste war Citizen Kane (1941); sein Einfluss auf die narrativen Möglichkeiten in einem Film war enorm. Danach kam Godards Außer Atem (1960). Als ich The French Connection drehte, hatte ich Godard und seine Jump Cuts im Sinn. Aber heute? Ich weiß es nicht. Es ist eher wahrscheinlich, dass ein All-American Film wie Killer Joe am Ende zu heftig für das amerikanische Publikum ist. Ich respektiere deren Meinung nicht; es ist kein Publikum, das herausgefordert werden will, sie wollen sich nur „gut fühlen“ und „Spaß haben“. Sie wollen Opium für die Augen, aber nicht fürs Hirn. Killer Joe ist sicher eine Herausforderung an so ein Publikum, das ist mir klar. Ich erwarte auch kein Massenpublikum dafür, aber das ist mir egal.
Ist Ihre Vorliebe für die eher explizite Darstellung von Gewalt und Sexualität in Ihren Filmen auch ein wenig verbunden mit einer Unnachgiebigkeit gegenüber solch einem Massenpublikum?
Was ist schon Pornografie? Oder gut oder böse? Für Viele ist „Ulysses“ von James Joyce oder Henry Millers „Tropic of Cancer“ pornografisch. In French Connection ist der Polizist ein böserer Mensch als der französische Drogenhändler. Ich glaube nicht an die Klischees menschlichen Verhaltens. Zu der Zeit, als ich The Boys in the Band und Cruising machte, gab es tatsächlich Leute, die dachten, dass Schwulsein böse sei. The Boys in the Band war für mich eine Liebesgeschichte – zufällig über zwei Männer. Cruising benutzt einen S&M-Hintergrund, um die Geschichte einer seltsamen Polizeiprozedur zu erzählen. Ich glaube ja, dass die meisten Menschen sexuell verwirrt sind.
Sie selbst auch?
Heute finde ich den Gedanken, dass jemandes Tochter eine Nutte wird, sehr traurig. Ich könnte jetzt keinen Sex mehr mit einer Prostituierten haben, egal wie schön sie wäre. Aber das war früher ganz anders. In den Siebzigern hatten die Regisseure Wohnwagen am Set, und in den Pausen gab es Blowjobs. Es interessiert mich aber nicht, Sex auf der Leinwand zu zeigen. Ich finde das in Wahrheit meistens sehr albern. Haben Sie jemals zwei Menschen beim Sex zugesehen? Es ist ein lächerlicher Anblick, es macht mir keinen Spaß, das auf einer Leinwand zu zeigen.
Ist Killer Joe eine Liebesgeschichte? Zumindest ist der Film schon berühmt für zwei – sagen wir – ungewöhnliche Szenen: für eine Anfangssequenz, die mit einer Großaufnahme weiblicher Genitalien endet, und für eine Vergewaltigungsszene mit Chicken Wings.
Ich hatte deswegen an Tracy geschrieben und gesagt: „Wenn wir das zeigen, kriegen wir ein X-Rating. Könnte ich sie nicht von hinten zeigen?“ Darauf hat er mir geantwortet: „Fürchte dich nicht vor der Pussy! Der Anfang ist ein Signal an das Publikum: Sie sollen sich anschnallen, denn das nun hier wird eine ungewohnte Erfahrung werden.“ Das hat seine Idee unterstrichen, dass dieser Film ja eine Komödie ist. Eine Komödie für Leute, die den Witz verstehen.
