Filmkritik

Virgin Mountain / Fúsi

| Oliver Stangl |
Das Kind im Manne

Als das paranoide Schachgenie Bobby Fischer nicht mehr in die USA konnte, weil ihm dort zehn Jahre Haft drohten (Fischer hatte u.a. mit einem Auslandsspiel gegen ein Embargo gegen Serbien-Montenegro verstoßen und sich über 9/11 erfreut gezeigt), bot ihm Island 2005 die Staatszugehörigkeit an. Man habe bereits 300.000 Verrückte auf Island, da komme es auf einen mehr oder weniger nicht mehr an, so der damalige Ministerpräsident. Nur eine von zahlreichen Anekdoten, die die Vorliebe der Isländer für, sagen wir einmal, Exzentriker belegen. Ein Herz für Außenseiter hat auch der isländische Filmemacher Dagur Kári, dem 2003 mit der Tragikomödie Nói albínoi über einen Einzelgänger, der Anwalt werden will, der Durchbruch gelang. Auch in Káris neuem Film steht ein Solitär im Mittelpunkt: Fúsi (Gunnar Jónsson) ist Mitte 40, extrem übergewichtig und lebt immer noch bei seiner Mutter. Das ödipal geprägte Leben des Junggesellen scheint in seiner Routine und Passivität unerschütterlich: Bei seiner Arbeit als Gepäckfahrer am Flughafen nimmt er das Mobbing der Kollegen wehrlos hin, sein aufregendstes Hobby ist das Nachstellen von Schlachten aus dem Zweiten Weltkrieg mittels selbst gefertigter Miniaturen. Sex, geschweige denn eine Beziehung, hatte er noch nie (und ist als „Virgin Mountain“ des internationalen Filmtitels quasi das menschgewordene Gegenstück zum Venusberg aus der Tannhäuser-Sage). Als ihm aber der windige Freund seiner Mutter die Teilnahme an einem Line-Dance-Kurs schenkt, lernt er die in einem Blumenladen arbeitende Sjöfn kennen und beginnt ein wenig aufzutauen. Doch was sich zunächst wie eine schöne Liebesgeschichte anlässt, wird durch Sjöfns schwere Depressionen schnell zu einem Kampf um eine stabile Beziehung. Als dann noch Fúsis Freundschaft zu einem Mädchen aus der Nachbarschaft in den Verdacht sexuellen Missbrauchs gerät und seine Mutter, nachdem sie von ihrem Freund verlassen wurde, stärker denn je auf ihn angewiesen zu sein scheint, sind die Zeiten der Routine vorbei – Fúsi muss sich dem Leben stellen.

Mit Fúsi ist Kári ein sympathischer kleiner Film gelungen. Die Nebenfiguren mögen ein wenig unterentwickelt sein und sozialpolitische Komponenten wie Vorurteile und Arbeitsdruck werden nur angerissen, doch der sensationelle Jonsson verleiht der Titelfigur im wahrsten Wortsinn Gewicht: Bleibt zunächst ein wenig unklar, ob Fúsi geistig etwas langsam ist, bekommt man durch Jonssons sensible Darstellung, die zwischen sanfter Komik und Ernsthaftigkeit pendelt, bald ein Gespür für einen bloß extrem schüchternen Mann mit einem großen Herzen und vielen Talenten. Kleine Moral des offenen Endes: Man muss auch mal was Gutes für sich selber tun.