Vlado Škafar – Mama (2016)

Vlado Škafar

Warten auf die Vibes

| Barbara Wurm |
Das Filmmuseum würdigt den slowenischen Filmemacher, Autor und Kurator Vlado Škafar mit einer kleinen Werkschau.

Das Werk von Vlado Škafar ist ein Geheimtipp und, was gut ist: wird es immer bleiben. Schließlich braucht das Weltkino angesichts seines Erlöschens durch die totale Mutation zur Filmindustrie vereinzelte Perlen: fragile, doch konsistente Selbstbefragungen des Seins, des menschlichen Daseins. Sie werden ewig auffindbare bleiben.

Škafars Werk ist zudem überschaubar, zumindest das filmische (aktuell schreibt er). Auch das ist gut. Die Querverbindungen tun sich in der Tiefe auf. In der Struktur, der Anlage, der Haltung zum Gegenüber, das nie Schauspieler wird, immer Mensch bleibt – mit dem Škafar viel Zeit, oft Jahre, verbringt, damit sich die richtigen Vibes einstellen, um im Übergangsbereich von dokumentarischer Natürlichkeit und fiktionaler Möglichkeit jene Bilder und Szenen wieder-zu-kreieren, die sich über die Zeit zu seiner Gedankenwelt formiert haben. „Sich-Aufeinander-Sensibilisieren“ nennt er das – und fügt hinzu, würden wir unsere Beziehungen so leben, alles wäre sehr viel besser.

Die Bezüge weisen zwar hinüber in die filmischen Welten der Leisen wie Aleksandr Sokurov – auch Kieslowski, Kiarostami, Tarkovskij –, die Škafar nicht zuletzt als Programmgestalter der Slowenischen Kinemathek in Ljubljana und als Gründer des Insider-Festivals „Kino Otok“ in Izola kennt, sie stellen sich aber vor allem innerhalb seines fünf Langfilme und einige kürzere Arbeiten umfassenden Œuvres her. Das Filmmuseum zeigt vier lange und einen Kurzfilm, nicht dabei ist der in seinen Entgrenzungen an Werner Herzog erinnernde Skispringerfilm Peterka: leto odločitve (Peterka: Jahr der Entscheidung, 2003), eine Comeback-Story, die gleichzeitig eine des Coming-of-Age ist.

Vom Älterwerden und dabei Jungbleiben, vom Reifen und weiter Wachträumen handelt diese Werkschau, die mit dem bestimmt traurigsten der Filme, Otroci (Brief an ein Kind, 2008), eröffnet. Traurig, weil er nicht nur Glück und Liebe auf intime Weise zur Sprache bringt, sondern auch das Reden über den Schmerz und den Tod versucht. Es sind einfache Menschen, die Škafar befragt; ihre sich in „gesteuerten Monologen“ herauskristallisierenden Er- und Bekenntnisse sind nicht banal, gehen nah – weil wir uns als Verwundbare wiederfinden (und Lichtjahre von heutiger Ego-Dokument-Kultur entfernt).

In Deklica in drevo (Ein Mädchen und ein Baum, 2012), seinem ersten Film mit Bild- und Lichtgestalter Marko Brdar, der ihm ein Gleichgesinnter wird, lässt Škafar die Zeit vergehen. Ein eigenes Film-Universum, fast utopische Kino-Idyllen etablierend – Blätterrauschen, Wind in den Zweigen, Tongemälden gleich. Die zwei „Mädchen“ sind knapp 90 Jahre alt, Erinnerungen tauchen auf und wieder ab. „Ich dachte, wir machen einen Film über das Vergehen. Jetzt erkenne ich, dass wir einen Film über das gemacht haben, was bleibt.“

Zwei Menschen und ihre (nicht immer einfache) Beziehung prägen auch die beiden stilistisch herausragenden Filme mit den komplementären Titeln Oča (Papa, 2010) und Mama (2016). Vater und Sohn haben einander länger nicht gesehen und entdecken, was ein schöner Sonntag für die Menschheit bringen kann. Die Mutter sperrt die suchtgefährdete Tochter weg und wird dabei auf sich zurückgeworfen. Rückzug aus dem Alltag, in den Tag.

Wer Familie und Bindung kennt und Freiheit leben will, ist goldrichtig: Vlado Škafar erfindet die gefundene Welt neu, als Schöpfermythen des Realen, als erhabenes Dasein. Sein.