Volver la Vista – Friedolin Schönwieses Blick auf Mexiko und Österreich

„Mir ist dasselbe passiert wie den Leuten im Film“

| |

Fridolin Schönwieses schöner Dokumentarfilm Volver la vista über Österreich, Mexiko und die wechselseitigen Klischeevorstellungen, Missverständnisse, Ähnlichkeiten und Gegensätze startet dieser Tage nun auch in den Bundesländern.

Welchen Ursprung Länder- und Kulturklischees auch immer haben, sie graben sich tief ins kollektive Bewusstsein. Fridolin Schönwieses Volver la vista – Der umgekehrte Blick beschäftigt sich mit Menschen, die im jeweils anderen kulturellen Kontext leben und aus ihrer (geografisch entrückten) Position heraus in einer „umgekehrten Sicht“ über ihr eigenes Land reflektieren. Schönwiese ist mit seinen Kameramännern – beide bekamen bei der Diagonale 2005 den AAC-Award für die Beste Kamera – in dieses Phänomen eingetaucht, und zwar aus dem Blickwinkel des jeweils anderen Landes: in Österreich mit dem Mexikaner Rafael Ortega und in Mexiko mit dem Österreicher Johannes Hammel. Ähnlich gingen Michael Palm und Antonio Fernandez Ros bei der Auswahl der Musik vor. Herausgekommen ist eine hintergründige, liebenswerte Studie zum Thema „Heimat, wo ist das?“

„Mich hatte schon immer die Vehemenz der Klischees und der stereotypen Vorstellungen fasziniert, die in Europa mit Mexiko in Verbindung gebracht werden. Im Jahr 2000 gestaltete ich als Artist in Residence eine Ausstellung in Mexico City. Mit einer Kollektion von importierten (Konsum-)Objekten wollte ich die mexikanischen Ausstellungsbesucher damit konfrontieren, wie man in Österreich Mexiko wahrnimmt. Die Reaktionen auf diese Zerrbilder waren beeindruckend. Daraus entwickelte ich meine Gedanken und Erfahrungen zu einem Dokumentarfilm für das Kino weiter.“

„Es hat eine Faszination, wie stark und unbelastet die Traditionen in Mexiko gepflegt werden, während man in Österreich zum Großteil ein Problem damit hat. Hierzulande ist man in einer gewissen Form der Heimatpflege gefangen, die schwer zu verbalisieren ist. Man landet sofort in dieser Schublade von Volksliedwerk und Ähnlichem. Wenn in Mexiko gefeiert wird, dann singen die Leute bis um drei in der Früh mexikanische Lieder, und alle können die Texte.“

„In Mexiko verursacht der Film so etwas wie eine kollektive Emotionsgeladenheit. Die Leute lachen genau an den

komplementären Stellen. Bei der KZ-Szene spüre ich einen ähnlichen Stress beim Publikum in Österreich wie beim Thema der Conquistadores in Mexiko. Dort wurde ich auch gefragt, warum ich das schäbige Mexiko zeige, die häss

lichen Szenen. Was aber, wie ich meine, sehr gut heraus kommt, ist, dass es in Mexiko erst dahinter sehr schön ist. Es gibt wunderschöne Innenhöfe, die man von außen nicht sieht. In Österreich ist es mehr diese Repräsentanzschönheit, und man findet die Tristesse, die Nachkriegswitwen und Bassena-Schiachheiten hinter den schönen Fassaden.“

„Der Wiener Totenkult und die Begräbniskultur kommen der mexikanischen Art, Totenfeste zu machen, schon irgendwie nahe. In Mexiko gehen die Leute aber am Tag der Toten richtig auf die Friedhöfe feiern mit Musik und Picknick.

Wobei das wiederum ein Beispiel ist, wie Brauchtum zum Teil verloren geht, weil der Tourismus das

mittlerweile auch gecheckt hat, wie attraktiv so was sein kann.“



„Für 15-jährige mexikanische Mädchen gibt es nichts Schöneres, als auf einen typisch wienerischen Ball zu gehen.

Die ,höheren’ Töchter, die in Wien ins Internat gingen, wurden früher auf extra im Parkhotel Schönbrunn organi

sierte Bälle geführt, und zwar von speziell ausgesuchten Gardisten des österreichischen Bundesheers.

Es ist immer noch eine Tradition in Mexiko, solche Bälle für junge Mädchen zu organisieren.

Diese ‚Quinze anos‘-Feiern gibt es noch überall.“