SPARTA

Sparta

Vom Erbe der Väter

| Alexandra Seitz |
Ulrich Seidls „Sparta“, Teil zwei des mit „Rimini“ begonnenen Diptychons über die Saat patriarchaler Gewalt, die unterschiedlich aufgeht

Die Geschichte der elenden Brüder geht weiter. Während Richie Bravo im winterlichen Rimini mehr schlecht als recht über die Runden kommt, ist Ewald unterwegs in Rumänien. Er arbeitet als Kraftwerksingenieur, findet sich ein im Betrieb, schaut in der Leitzentrale, in den Werkshallen und bei den Turbinen nach dem Rechten, adjustiert und notiert, drückt auf Knöpfe, legt Schalter um, klappt den Laptop zu, fährt wieder.

Er hat auch eine Freundin dort, die ihn in einer kleinen Wohnung in einem hässlichen Neubau erwartet und auf die Heirat mit dem Österreicher hofft, denn überall ist es besser als hier. Die Freundin arbeitet in einer resopalmöblierten, neonbeleuchteten Bar mit Plastikzelt vor dem Eingang und kleidet sich, selbst wenn sie ihre Mutter besucht, mit einem gewissen Nuttenschick. Ihre Stiefel machen einer Domina alle Ehre, doch Ewald ficht dies nicht an, selbst nicht, wenn wundervolle Reizwäsche zum Einsatz kommt und er zuvor noch einen Schnaps trinkt. Ewald bringt nicht nur bei seiner Freundin keinen hoch, Frauen überhaupt lassen ihn kalt, denn Ewald kämpft mit einem Dämon, der viel schrecklicher ist, als eine Vagina Dentata es jemals sein könnte. Es sind die kleinen Jungs, die es Ewald angetan haben, jene zwischen sechs und vierzehn, in denen die Männlichkeit noch schlummert, allenfalls zu erahnen ist. Manchmal regt er sich auch bereits, der Mann, aber er ist eben (noch) nicht zugerichtet und zugespitzt zu jenem harten Burschen, der keinen Schmerz kennt und keine Tränen … Sie wissen schon, man nennt das heute „toxisch“.

Hohe Wellen

Sparta ist das Bruderstück zu Rimini und vollendet Ulrich Seidls Diptychon „über die Unentrinnbarkeit der eigenen Vergangenheit und den Schmerz, sich selbst zu finden“; so der Regisseur, der die Drehbücher zu beiden Filmen gemeinsam mit seiner langjährigen Koautorin Veronika Franz schrieb. Doch während Rimini im Februar 2022 unter großem Hurra im Rahmen des Wettbewerbs der Berlinale uraufgeführt worden war, ereilte Sparta kurz vor seiner geplanten Weltpremiere beim Toronto International Film Festival im September desselben Jahres ein Skandal, der dieselbe zügig platzen ließ.

Mit untrüglichem Gespür für das perfekte Timing hatte das Hamburger Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ einen Bericht über „Vorfälle“ veröffentlicht, die sich im Rahmen der Dreharbeiten zu Seidls Film 2018 und 2019 in der Gegend von Satu Mare, Transsylvanien (aka Siebenbürgen), zugetragen haben (sollen). Die Rede ist von Machtmissbrauch und Manipulation, von Verletzung der Aufsichtspflicht und von Ausbeutung. Alles sehr hässlich, geht es da doch um minderjährige Laiendarsteller aus prekären Verhältnissen. Allerdings auch nicht wirklich neu, insofern Seidls Arbeiten im Allgemeinen weder für überschwängliche Empathie noch für überragende Subtilität bekannt sind. Umso berüchtigter aber dafür, ihr Publikum mit der Selbstentblößung von Menschen zu konfrontieren, die sich über Kontext und Wirkung oftmals sehr wahrscheinlich nicht im Klaren sind.

Jedoch wird einerseits niemand dazu gezwungen, in einem Seidl-Film mitzuwirken, und andererseits kann man es wohl kaum jemandem zum Vorwurf machen, wenn er die Welt nicht durch die rosa Brille betrachten möchte. Dass mit den von Seidl bevorzugt eingesetzten Laiendarstellern und -darstellerinnen immer auch eine gehörige Portion hässliche Wirklichkeit auf die Leinwand platzt und dass mit diesem Hereinplatzen sich die (immer auch moralische) Frage nach der Position des Publikums stellt: Macht sich mitschuldig, wer sich das ansieht? – genau das zeichnet ja die Filme Ulrich Seidls aus.

Insofern ist es einigermaßen verlogen, nunmehr so zu tun, als habe man nicht geahnt (oder sich doch wenigstens vorstellen können), dass dergleichen Strategien, Narrative aus dem Realen zu schürfen, riskant sind. Anders gesagt hat so etwas früher oder später einfach einmal passieren müssen, weil Seidl es mit jedem seiner Filme aufs Neue herausgefordert hat. Und also nahm das Festival in Toronto den Film aus dem Programm, womit wiederum es sich keinen Gefallen tat, Stichwort „cancel culture“. Rasch wurde die ganze Sache zum gefundenen Fressen für die hyperventilierende, woke Gegenwarts-Gesellschaft – hoch her ging es im Wasserglas, Schwaden heißer Luft stiegen auf, durch die asozialen Medien fegte mehr als ein Shitstorm und als sich der Staub gelegt und die Wogen geglättet hatten, standen nicht wenige unbequeme Wahrheiten im Raum.* Daneben blieb unter anderem die Frage offen, wie Sparta sich wohl ansähe, wüsste man nichts vom Skandal? Wie würde die Geschichte Ewalds auf uns wirken, hätte sich Sparta nicht bereits unter dem Titel „Kinderschänderfilm“ in die Gehirne geätzt?** Tja.

Besonders leid tut es einem in dem Zusammenhang um Georg Friedrich, der sich in der Rolle des still und leise an sich selbst verzweifelnden Pädophilen an eine alles andere als alltägliche schauspielerische Herausforderung gewagt hat. In jeder Sekunde hochkonzentriert, gelingt es ihm, das Sparta zugrundeliegende Thema mit seiner gesamten Physis und in seiner ganzen Tragik sichtbar zu machen. Eine Leistung, die Respekt und Achtung verdient. Vor allem aber einen klaren Blick.

Erinnern wir uns an Rimini***, Teil eins des Diptychons, in dem von Ewalds Bruder berichtet wurde, Richie Bravo. Der führt im winterlich melancholischen, titelgebenden Sehnsuchtsort eine recht prekäre, um nicht zu sagen erbärmliche Existenz als abgehalfterter Schlagersänger und auf ältere Damen spezialisierter Gigolo. Bis er eines Tages von seiner Vergangenheit eingeholt wird: Die nicht gekannte Tochter will den nicht geleisteten Unterhalt auf einen Schlag und zwar sofort. Bravo begreift diese Forderung als „die letzte Chance, ein guter Mensch zu werden“. Das führt in der Folge zu elenden Machinationen, die zwar beileibe kein Seelenheil konstituieren, in ihrer hilflosen Niederträchtigkeit aber doch – und das ist vor allem der unbedingt solidarischen Verkörperung der Figur durch Hauptdarsteller Michael Thomas zu danken – sehr zu Herzen gehen.

Böse Spiele

Wo Richie keine Hemmung kennt, lautstark die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, da bleibt Ewald im Hintergrund und bemüht sich um Unauffälligkeit. Konfrontationen geht er aus dem Weg, er redet wenig und leise; er mag ein großer kräftiger Mann sein, doch er wirkt verloren, verunsichert und verängstigt. Im Konfliktfall würde Richie großmäulig auftrumpfen und Ewald dem Fluchtinstinkt nachgeben.

Das Scharnier dieser so verschiedenen Brüder bildet, logisch, der Vater. Der kurvt in einem Altersheim irgendwo in Österreich schwer dement mit seinem Rollator herum und sucht nach dem Ausweg. Nicht, dass ihm das bewusst wäre, denn ihm ist nur noch sehr wenig bewusst. Immerhin der Nazi, der steckt fest in ihm drin, eingefleischt sozusagen. Und auch wenn er kaum mehr Wörter hat, „Jedem das Seine“, das weiß er doch ganz genau. Gespielt wird dieser gefährliche Alte von Hans-Michael Rehberg in seiner letzten Rolle mit einer besonders perfiden Mischung aus demenzbedingter Hilflosigkeit und altersstarrsinniger Verbohrtheit. Man hätte gern Mitleid mit ihm, wie er da, schwach und gebrechlich, am Fenster steht, das erste Lied der Schubertschen Winterreise hört und nach seiner „Mama“ flennt. Doch das verbietet sich. Der verdämmernde Nazi ist das Symbol der Weitergabe der patriarchalen Gewalttradition vom Vater an den Sohn – „…hart wie Kruppstahl…“, Sie wissen schon.

Und der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch. Zu sehen in einer der Schlüsselszenen von Sparta, in der der von Ewald in aller gebotenen Heimlichkeit geliebte, zartgliedrige Bub Octa-vian von seinem Stiefvater einer jener Abhärtungsmaßnahmen unterzogen wird, mit denen vermeintliche Männer vermeintlich Männer schaffen. Dem Stiefvater nämlich passt es nicht, dass seine Jungs so viel Zeit mit dem Fremden verbringen; das Treiben im alten Schulhaus ist ihm suspekt. Ewald hat es – das wie so viele andere zeichenhaft für die Vernachlässigung der Kinder dem Verfall preisgegeben in der Gegend herumsteht – gekauft und gemeinsam mit den Burschen des Dorfes, für die sich Zuhause ohnehin keiner interessiert, zu einer Festung namens Sparta ausgebaut, die wie ein Zufluchtsort fungiert. Hier bringt er ihnen Judo bei, tobt mit ihnen herum, schaut sie an, beobachtet, fotografiert, studiert die Fotos. Das ist Ewalds Versuch, jene Sehnsucht, an der er verzweifelt, für sich beherrschbar zu machen und eine Form zu finden für die tabuisierten Gefühle; eine Form, die als eine Art Männerbund gedacht, gerade noch tolerierbar wäre, weil in einem solchen bekanntermaßen das Verdrängte schon immer mithauste. Als die erbosten Väter schließlich die Festung stürmen und die Söhne alles andere als zimperlich zurück unter ihre Fuchteln reißen, da fackelt auch Ewald nicht lange, denn er hat aufgehört, sich selbst zu belügen.

Nein, verharmlost wird hier nichts. Ewald ist kein guter Onkel, seine Motive sind nicht rein, seine Absichten nicht unschuldig. Friedrich lässt keinen Zweifel an der Schwäche und am letztlichen Versagen seiner Figur. Aber eben auch daran nicht, dass genau dies Ewalds Tragödie ist. Er ist, wie sein Bruder, ein Armseliger, und er kann, wie dieser, nicht entschuldigt werden. Er ist auch nicht Teil einer Milchmädchen-Rechnung, die da lautet: Hätte der Vater die Brüder zärtlich geliebt, sie wären bessere Männer geworden. Er ist aber Teil einer Kritik an Geschlechter-stereotypen, die die Resultate der machistischen Zurichtungen schmerzhaft zuspitzt. Die Beschädigungen von Richie Bravo und Ewald, wie sie Michael Thomas und Georg Friedrich vor uns hinstellen, sie sind Anklage und Lamento zugleich: Was das Patriarchat Menschen antut, wenn es sie zu „Männern“ macht.

 

* Das alles lässt sich im Übrigen in extenso im Internet nachlesen und ich will Sie hier nicht weiter damit langweilen; stellvertretend sei auf Bert Rebhandls Einschätzung im Standard verwiesen, die die zentralen Punkte sowie das Dilemma der Debatte auf den Punkt bringt: www.derstandard.de/story/2000138959944/machtgefaelle-udnkolonialisierender-blick-auf-soziale-wirklichkeiten

** Ein wenig geht es „Sparta“ hier wie Marie Kreutzers „Corsage“, dem auf ewig der abgestürzte Florian Teichtmeister wie ein häßlicher Fleck anhaften wird.

*** „Rimini“ ist soeben bei good!movies auf DVD/Blu-ray veröffentlicht worden.