Vom Singen, Tanzen und Träumen

| Roman Scheiber |

Auf DVD: Die dritte Season des fröhlichen Highschool-Musical-Serienhits „Glee“ und die bürgerlich-charmante Campus-Komödie „Damsels in Distress“.

Und weiter geht der kunterbunte Unterricht in den Fächern Angewandte US-Populärmusik und Teambuilding unter Gleenagern: „The New Directions“ gehen in ihr Abschlussjahr an der McKinley High in Lima, Ohio. Außer für die Sitzenbleiber ist es die letzte Chance, über die regionalen Vorausscheidungen die Nationals zu erreichen und voraussichtlich gegen die berüchtigten „Vocal Adrenalines“ den Titel der besten Schulmusicaltruppe des Landes zu erringen. Vor allem aber dreht sich im vergnüglichen Entwicklungsreigen um die vom Quoten-Behinderten bis zum Quoten-Hispanic-Cheerleader fein säuberlich nach Minoritäten geordneten Jungmusiker alles um die Frage: Wie soll es nach der Highschool weitergehen? Bzw: Wer schafft es auf die renommierte NYADA, die (extra für Glee-Clubber erfundene) New York Academy of Dramatic Arts? Und welche Opfer müssen dafür gebracht werden?

Die hübsche Jungmutter Quinn (Dianna Agron) balgt gemeinsam mit Jungvater Puck (Mark Salling) um ihr in Pflege befindliches Baby; Ex-Sport-Crack Finn (Cory Monteith) verwickelt Freundin Rachel (Lea Michele), deren Status als Leadsängerin von Mercedes (Amber Riley) bedroht ist, in verfrühte Hochzeitsträume; Kurt (Chris Colfer) lebt mit dem öligen Blaine (Darren Criss) seine Homosexualität offen aus, Santana (Naya Rivera) wird zum offenen Ausleben der ihren mit Ex-Blondinenwitz und Neo-Schulsprecher-Aspirantin Brittany (Heather Morris) sanft genötigt. Und Artie (Kevin McHale) erklärt kurzerhand seinen Rollstuhl zum Regiesessel. Als Stargäste treten u.a. Jeff Goldblum, Whoopi Goldberg und Lindsay Lohan auf.

Warum man sich das mit Gewinn anschauen kann, obwohl die Figuren mitunter hart an der Stereotypisierung schrammen, Familien- und Beziehungsklischees transportiert werden, und obwohl man nicht zur Kernzielgruppe der in Scharen samt Fan-Devotionalien und Eltern zu „Glee-Conventions“ ausrückenden Teenager gehört? Erstens: Wegen Cheerleader-Coach Sue Sylvester (Jane Lynch). Zweitens: Weil dem ungebrochen grassierenden TV-Casting-Wahnsinn ein herziges Old School Modell gegenübergestellt wird. Drittens: Weil hinter der fröhlichen Fassade Themen wie Popularitätssehnsucht, Gruppendruck, Geltungs- und Perfektionsdrang verhandelt werden. Und viertens: Weil sich das Produktionsteam um Brad Falchuk und Ryan Murphy (die schon bei Nip/Tuck zusammengearbeitet haben) sichtlich Mühe gibt, originelle Settings für die Gesangs- und Tanzeinlagen zu finden, bis hin zu Fred-Astaire-Stepptanz-Hommagen.

Wie in klassischen Musicals wird an dramaturgisch dankbaren Stellen plötzlich in Gesang ausgebrochen. Wo in der ersten Season die Performance noch überwiegend in Proben- und Bühnenräumen angesiedelt war, katalysiert sie nun verstärkt die Handlung, am Schulkorridor, auf der Straße oder auch einmal in der elitären Bubenschule der konkurrierenden „Warblers“. Feine Ironie, wenn die Pseudo-Downtown-Knaben der Dalton Academy Warblers Billy Joels „Uptown Girl“ im Chor trällern, während sie eine gouvernantige Lehrerin umschwärmen. Glee-Coach Will Schuester aka „Mr. Schue“ (Matthew Morrison) wiederum lässt sich von seiner plötzlich zu Retrostyle-Synchronschwimmern mutierten Truppe unterstützen, wenn er zu Rihannas „We Found Love“ um die Hand von Schulspsychologin und Chefneurotikerin Emma Pillsbury (Jayma Mays) anhält.

Wie schon in den vorangegangenen Seasons wird in Glee auf unbekümmerte und erfinderische Weise die amerikanische Gegenwart und Geschichte populärer Musik durchackert, von der „West Side Story“ bis zu einer ganz Michael Jackson gewidmeten Episode (an deren Höhepunkt in einer Parkgarage die rivalisierenden Musical-Clubs einander „Bad“ entgegenschleudern). Und für weniger Musical-Affine sei noch einmal ausdrücklich auf Verbalinjurienkaiserin Sue Sylvester hingewiesen: Zwischen all den in gestochener Eloquenz vorgetragenen Gemeinheiten, die sie sich zum nachhaltigen Amüsement der Zuschauer leistet, poppt in Season drei immer wieder mal, natürlich in homöopathischer Dosis, ein geradezu humanistisches Element auf – hat das womöglich mit ihren plötzlichen Nachwuchsplänen zu tun? Und das just zu einer Zeit, als ihr in Roz Washington (NeNe Leakes), Schwimm-Bronzemedaillengewinnerin von Peking, eine ebenbürtige Konkurrentin erwächst, deren Gangstastyle-Suadas sogar Coach Sylvester die Sprache verschlagen. Sues obligatorischer zwei-bis-drei-Streifen-Trainingsanzug schillert jedenfalls hormonell bedingt in besonders variablen Farben.

Selbsthilfegruppe

Was eine Serie wie Glee lose mit dem neuen Film von Whit Stillman verbindet, ist die Verankerung im Konsensbürgertum, die aber durch einen hintersinnigen, ironischen Blick auf die Figuren aufgelockert wird. Damsels in Distress (Stillmans erste Regiearbeit seit The Last Days of Disco, 1998) ist gewissermaßen die logische Fortsetzung von Glee auf dem Campus, sogar das comicbunte Menüdesign der DVD erinnert frappant daran. Im Zentrum steht hier allerdings eine Frauenclique; die meisten männlichen Exemplare benehmen sich schlecht und kommen entsprechend schlecht weg. Wunderbar gespielt von Mumblecore-Königin Greta Gerwig, Analeigh Tipton, Megalyn Echikunwoke und Carrie MacLemore (in einer Brittany aus Glee verwandten Rolle) sind die bildungsaffinen und proloaversen Damen mindestens so exzentrisch wie die Namen ihrer Darstellerinnen, gezeichnet sind sie mit Sympathie, aber auch mit subtilem Spott.

Auch Glee-Figuren wie die ehrgeizige Rachel Berry oder die mitunter egomanische Quinn Fabray könnte man sich in reiferen, parfümierteren Versionen auf dem Seven Oaks College vorstellen (gedreht wurde auf Staten Island, New York). Sie wären vielleicht nicht ganz so sprachgewandt und suizidgefährdet wie manche der Studentinnen in Damsels in Distress, würden aber ebenso eifrig gegen den Verfall bürgerlicher Werte und hygienischer Standards auf dem Campus wettern wie das Titelquartett und sich gleichso selbstverständlich ehrenamtlich im Selbstmordpräventionszentrum betätigen. Mehr als die Highschool in Glee stellt das College hier einen zeitlosen, geschlossenen Kosmos dar, der Augen zwinkernd als Gegenentwurf zur vorherrschenden Gesellschaftsordnung geträumt wird – ein leises Plädoyer für die Abwendung von egosozialen Karrierenetzwerken und Proll-Bourgeoisie, für eine Rückbesinnung auf bürgerlich verträgliche Verhaltensnormen. Man muss diese Präferenz nicht teilen, um den Film zauberhaft zu finden.

Die einzige (und titelinspirierende) Musicalsequenz in Damsels in Distress ist eine märchenhafte Fred-Astaire-Hommage. Sie bildet das sarkastische Finale eines amüsant hintergründigen Films für die Generation Bobo; dass dieser vom hiesigen Kinobetrieb ignoriert wurde, deutet auf Verfallserscheinungen cinephiler Werte hin, gegen die sich alsbald eine Selbsthilfegruppe organisieren sollte.