Forrest Gump
Forrest Gump, 1994. Regie: Robert Zemeckis

Tom Hanks

Vom Stand-Up-Guy zum Standing Man

| Jörg Becker |
Tom Hanks, dem US-amerikanischen Schauspieler, Autor, Regisseur, Filmproduzenten und Synchronsprecher, zum 70.

A Stand-Up Guy“ war ein frühes Porträt des Comic Actor Shooting Stars überschrieben (David Ansen, Newsweek, 3.10.1988), ein Text getragen von der Anerkennung eines außergewöhnlichen Talents – der junge Tom Hanks präsentierte sich als ein „ganz normaler Überflieger“, ohne Eitelkeit und Narzissmus, wie sie in der Branche ja nicht unüblich sind.

DER JEDERMANN-SUPERSTAR

Der Anti-Typ zum Hollywood-Klischee musste damit leben, ständig als „der netteste Mensch in Hollywood“ quasi als Mr. Harmlos abgestempelt zu sein. Seit Sleeplessin Seattle (1993; Nora Ephron; neben Meg Ryan) und Forrest Gump (Robert Zemeckis, 1994) gehört er zur Handvoll jener Stars, die mit ihren Rollen den Erfolg eines Kinofilms zu garantieren vermögen. Mit ihm betrat eine Person die Szene, der man ihre Integrität sofort anzusehen glaubt, allerdings brauche er die „instinktive Übereinstimmung mit dem Charakter“, und in der Rolle des Andrew Beckett zum Beispiel, des an Aids erkrankten Helden im Jonathan Demmes Film Philadelphia, habe er sie gefunden, so Hanks: einen Charakter, der von Werten ausgehe wie Fairplay, einem Festhalten an verbindlichen Regeln, Toleranz sowie Güte und Bemühung um gegenseitiges Verständnis. Hanks nannte die Figur, die er in Philadelphia verkörpert, einen „american prototype“.

 DAS CLOWNESKE ALS ÜBERLEBENSTECHNIK

Es gab Riesen-Hits oder -Flops, an denen er mitgewirkt habe, sagt Hanks – und nennt die extremen Auslenkungen seiner Karriere: Forrest Gump. Von der Geschichte des Halbidioten aus Alabama, der mit schlichter Weltsicht, aber „reiner Seele“ und sozialer Naivität durch Ereignisse der US-Zeitgeschichte stolpert, im Dschungel von Vietnam Kameraden das Leben rettet, auch das Laufen als Überlebenskunst entdeckt, die ihn zu einem unerbittlichen dreijährigen Cross-Country-Marathon antreibt, muss der Schauspieler so überzeugt gewesen sein, dass er für sich in der Titelrolle eine geringe Garantiesumme, dafür jedoch eine hohe Einspielbeteiligung aushandelte; der Film, in dem Hanks sich als Forrest Gump so aberwitzig wie denkwürdig verewigte, sorgte für Reichtum: „Das Leben ist wie eine Schachtel Pralinen, man weiß nie, was man bekommt.“

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Demgegenüber der gnadenlose Flop von The Bonfire of the Vanities (Brian De Palma, 1990) nach Tom Wolfe, um den Affärenskandal eines Börsenmakler-Yuppies, in dem sich Hanks im Nachhinein als klare Fehlbesetzung sieht. „Hollywoods mächtigster Schauspieler“, wie bereits 1999 eine Aufstellung des „Hollywood Reporter“ ergeben hatte, scheint ein „ganz normaler Typ“ geblieben zu sein, der bereits im Alter von 45 Jahren mit dem „Life Achievement Award“ ausgezeichnet worden ist.

Tom Hanks, der am 9. Juli 1956 in Concord, Kalifornien, geboren wurde, hatte eine schwierige Kindheit. Seine Eltern trennten sich, als er fünf Jahre alt war; er blieb bei seinem Vater, war in der Folge ständig unterwegs, mit wechselnden Stiefmüttern und Schulen konfrontiert. „Wir zogen von einer Kleinstadt zur anderen. Wie Nomaden. Ich habe dabei ein Verteidigungssystem für Krisensituationen erprobt: clowneske Auftritte.  Das war notwendig, damit ich unter meinen Mitschülern sofort akzeptiert wurde. Bring sie zum Lachen, habe ich mir gesagt. Ich erlernte dabei das perfekte Timing, um meine Späßchen wirkungsvoll einzusetzen. Ich galt als der Kerl, mit dem du eine gute Zeit hast.“ (1997)

 NORMALER TYP UND HELD DES ALLTAGS

Nach der High School, an der er sein Interesse am Theater entdeckt hatte, begann er ein Schauspielstudium, sammelte Erfahrungen beim Great Lakes Theater Festival in Cleveland, arbeitete nebenbei als Schauspieler, Bühnenbildner, Licht- und Tontechniker. Für die Rolle des Proteus in Shakespeares „The Two Gentlemen of Verona“, wurde er mit dem Cleveland Critics Circle Award als bester Hauptdarsteller ausgezeichnet.

Seine Werte und die seiner Figuren machten Tom Hanks zum Weltstar, zum „good guy next door“, zum Star mit Vorstadt-Normalität. Er habe meist das Glück gehabt, Charaktere zu verkörpern, die von dem überzeugt sind, was sie tun – das hielt auch den Zynismus fern. Er ist der Anwalt, der Schiffs- und Flugzeugkapitän, der Kommandant der Raumfahrtmission, eine Person, der man vertrauen möchte. Als einer, der stets Zuversicht vermittelt, scheint er zu „America’s Dad“ geworden zu sein, so dass zwischenzeitlich des Öfteren von der Presse seine Kandidatur fürs Weiße Haus ins Spiel gebracht worden war – immerhin wäre es ein demokratisch orientierter „Held des Alltags“, dessen charakterliche Voraussetzungen, zumal in Anbetracht seiner Filmrollen, sicherlich keinen Grund zur Beanstandung gäben.

1979 zog er nach New York City, wo er erste Film- und Fernsehrollen erhielt. Am Anfang seiner Karriere stand mit He Knows You’re Alone (Armand Mastroianni, 1980) ausgerechnet ein von Carpenters Halloween (1978) inspirierter Slasher-Film. Unter anderem wirkte er in der Sitcom Bosom Buddies (1980–1982; 37 Folgen) mit und hatte Gastauftritte in den Serien Taxi und Happy Days. Durch Ron Howard kam er zu seiner ersten Hauptrolle in einem Kinofilm – an der Seite von Daryl Hannah im ersten Film der Disney-Tochter Touchstone Pictures, der Komödie Splash (Ron Howard, 1984), ein Filmmärchen um die unschuldige Naivität einer Nixe.

COMEDY-ZUGÄNGE

Aber Tom Hanks’ schauspielerische Qualität zeigte sich erst wirklich 1988 mit der Fantasy-Komödie Big (Penny Marshall). Darin entledigte sich der Filmkomiker, bekannt für seine Pose altkluger Lässigkeit, jeglichen Sarkasmus und spielte einen 12-jährigen Waisenjungen und Spielzeugenthusiasten, der eines Tages im Körper eines 30-Jährigen erwacht, erwachsen scheint, „trapped in the body of a grown man“. Die vielleicht noch größere Offenbarung von Hanks’ Talent folgte mit seiner Rolle des Stephen Gold in Punchline (David Seltzer, 1988). Als gescheiterter Medizinstudent, der sich in den Kopf gesetzt hat, Karriere als Comedian zu machen, besticht Hanks durch eine vielschichtige Performance mit schwindelerregenden Stimmungsumschwüngen. Die ambitionierte Hauptfigur sprüht vor Talent und kaum zurückgehaltener Rage, die sich im beißenden Spott seiner aggressiven Stand-Up-Monologe entlädt. Einerseits selbstverliebt und erbittert, kann er auf Anweisung hin charmant sein, wenn provoziert, wiederum schlagartig boshaft und aggressiv wie ein schnappendes Tier. Seine Wechselhaftigkeit sei „scary“, wie Lilah es ausdrückt, eine zehn Jahre ältere Hausfrau von wenig erkennbarem Talent, die aber Komikerin werden will. Unter Stephens Vormundschaft entdeckt sie ihre Gabe und schon ist sie in eine Beziehung mit ihrem unausgeglichenen Mentor verwickelt, einem brillierenden Angeber mit verkümmerter Seele.

 „HOUSTON, WE HAVE A PROBLEM“ – EIN ERFOLGREICHES SCHEITERN

Über vier Dekaden lang bildeten Tom Hanks und Ron Howard eine der konstantesten und erfolgreichsten Hollywood-Partner-schaften. Zehn Jahre nach Splash, dem frühen Durchbruch, bereits nach den mit dem Hauptdarsteller-Oscar ausgezeichneten Filmen Philadelphia (1993) und Forrest Gump (1994), spielte Hanks unter der Regie von Howard den Astronauten James Lovell in Apollo 13 (1995), dem Film über die Verhinderung einer Raumfahrt-Katastrophe durch Zusammenhalt und Kooperation mit der Bodenstation, deren Thrill die ganze Nation vor den heimischen Fernsehbildschirm bannte. Der Weltraum-Wettkampf mit der Sowjetunion galt durch Neil Armstrongs „kleinen Schritt“ zunächst als gewonnen, man hatte andere Probleme zuhause, in Amerika. Ein Film von 1995 über den Wettlauf zum Mond, der schon 1970 nicht mehr „in“ war, schien darauf angelegt, das Heil der Nation zu beschwören, immer inklusive ihrer elementaren Einheit, der Familie samt „middle class values“, die ja allenthalben erodieren. Sein Spannungsbogen entfaltet sich zwischen Kapsel und Kontrollraum, über „reaction shots“ von den Gesichtern der Helden und der Angehörigen. Tom Hanks war für die Rolle des Commander Lovell, eine Ikone des anständigen Amerika, wie geschaffen, „von einer kindlichen Reinheit des Herzens … Amerikas unschuldigster Schauspieler, der selbst dort noch jungenhaft aussieht, wo er mit Dreitagebart, Todesfurcht und Auszehrung im Gesicht durchs All gleitet.“ (Peter Körte, FR, 19.10.1995) Schlichter Heroismus hatte aus der Beinah-Katastrophe von Apollo 13 geführt, in Lovells/Hanks Worten: „Ein erfolgreiches Scheitern.“

Der endgültige Durchbruch für Tom Hanks als Star kann auf die Titel Sleepless in Seattle (Nora Ephron) und Philadelphia (Jonathan Demme) zurückgeführt werden, mit letzterem schuf Demme den ersten AIDS-Film für das große Publikum. Ein Werk, das die Diskriminierung auflöste, welcher das Tabu-Thema bis dahin ausgesetzt war. Dennoch ist der Hauptdarsteller-Oscar für Hanks‘ Darstellung des jungen Anwalts Andrew Beckett auch eine Auszeichnung für Tapferkeit – dafür, dass er einem todgeweihten Schwulen das Profil eines zornigen, stolzen Mannes gab, zuletzt um 35 Pfund abgemagert, mit hohlen Wangen und stoppelbärtig dem AIDS-Virus ausgeliefert, sein vertrauenserweckendes, ehrliches Gesicht lieh, 13 Jahre vor Ang Lees Brokeback Mountain (2005).

Den Höhepunkt von Philadelphia bildet eine Szene, in welcher der sterbende, schwule Anwalt Andrew mit seinem Infusionsständer zu einer Callas-Arie tanzt, die vom Tod einer Mutter handelt. In blutrotem Licht, zur pathetisch klagenden Stimme zelebriert er den letzten großen Auftritt seines Lebens. Die Kamera kreist über Hanks, der sich wiegt zu „La Mamma Morta“ aus Umberto Giordanos „Andrea Chénier“, weinend vor Glück, während sein Anwalt, mit dem er gegen seine Kündigung klagte, bewegt zusieht.

DAS GESICHT DES KRIEGES – HANKS UND SPIELBERG

Für seine Leistung in Saving Private Ryan wurde Hanks 1999 mit dem „Navy Distinguished Public Service Award“ geehrt, der höchsten Auszeichnung der US Navy für einen Zivilisten. So trägt Krieg, ein ehrenwerter Krieg wie gegen die Invasorenarmee des nationalsozialistischen Deutschlands, das seine Nachbarländer überfiel, für viele Amerikaner immer noch die Züge und die Handschrift von Tom Hanks, zumal er auch gemeinsam mit Steven Spielberg die zehnteilige Mini-Serie Band ofBrothers (USA/UK 2001; TV-HBO) produzierte, basierend auf dem Buch des Historikers Stephen Ambrose, das die Geschichte der Luftlande-Einheit Easy Company von 1942 bis zum D-Day und der Ardennenoffensive am Beispiel einer Elitekompanie von Fallschirmjägern nachzeichnet. Zu sehen sind hier Michael Fassbender, Tom Hardy und James McAvoy in ihren ersten Rollen bei einer internationalen Produktion.

Die langjährige Kreativpartnerschaft zwischen Spielberg und Hanks setzte sich fort mit Catch Me If You Can (2002) über die Verfolgung eines genialen Betrügers/Hochstaplers, den das FBI für sich gewinnt, Terminal (2004) um den im Niemandsland gestrandeten Flugpassagier, dessen „krakosischer“ Pass nicht mehr anerkannt wird, und dem zwischen Historienfilm, dem U-2-Spionagefall, und „Cold War Thriller“ rangierenden Film Bridge of Spies (2015), der mit der „Glienicker Brücke“ zwischen Berlin und Potsdam, der „Agentenbrücke“, ein Sinnbild der Periode des Kalten Krieges voranstellt. Als unkorrumpierbarer Anwalt bewahrt er den russischen Agenten Rudolf Abel vor dem elektrischen Stuhl. Die von Respekt, bald Vertrauen und einer leise entstehenden wechselseitigen Sympathie charakterisierten Szenen von feiner Balance zwischen dem Pflichtverteidiger Donovan (Hanks) und dem inhaftierten Agenten Abel hallen nach; dieser nennt seinen Anwalt einmal einen „stoykiy muzhik“, einen „standing man“.

Spielbergs The Post (2017), in dem Entscheidungen um die Freiheit der Presse zu Zeiten der Präsidentschaft Richard Nixons getroffen werden und Zivilcourage gefordert ist, dürfte als klares Statement des Regisseurs zur gegenwärtigen Situation der Vereinigten Staaten zu verstehen sein, ebenfalls die Besetzung der Rolle des Chefredakteurs der „Washington Post“ zur Zeit der „Pentagon Papers“, Ben Bradlee, der im Jahr 1971 durch die Veröffentlichung der „Pentagon Papers“ die Desinformation der US-amerikanischen Öffentlichkeit über den Vietnamkrieg aufzudecken half, mit Tom Hanks.

Der gemeinsam produzierten Serie Band of Brothers (2001) folgte 2010 mit The Pacific (ebenfalls TV-HBO) eine weitere zehnteilige Serie um drei US-Marineinfanteristen verschiedener Regimenter derselben Division, die einander nie begegnen. Die Dreharbeiten in Australien währten zwei Jahre, die Handlung stützt sich auf Memoiren von Kriegsveteranen, eingefasst von den historischen Schlachten um Guadalcanal, Peleliu, Okinawa und Iwojima. Die realistisch gezeigten Gefechte bleiben auf Distanz, auf nahe Action-Inszenierung wird weitgehend verzichtet. Tom Hanks fungiert hier als Erzähler der Vorspannsequenzen. Mit Masters ofthe Air ließen Spielberg/Hanks schließlich 2024 eine weitere Zweiter-Weltkrieg-TV-Serie (Apple TV+) folgen, diesmal um den Luftkrieg über Nazi-Deutschland zwischen 1942 und 1945, dargestellt am Beispiel von Piloten der 100th Bombardment Group nach realen Vorbildern und Schriften des Historikers Donald L. Miller.

NEWS OF THE WORLD

Aus den zahlreichen Rollen von Tom Hanks wären noch zu nennen: der Manager des Zustelldienstes FedEx, der eine Sendung nach einem Flugzeugabsturz und anschließender Robinsonade auf einer menschenleeren Pazifikinsel dem Adressaten erst mit vierjähriger Verspätung liefern kann (Cast Away, 2000); der Gefängnisaufseher des Todestrakts, der die Hinrichtung an einem schwarzen Häftling vollziehen muss, der Wunder vollbracht hat und Züge Jesu, des Heiligen Christopherus und eines Voodoo-Priesters in sich vereint (The Green Mile, 1999); ein Mafiakiller, der zur Zeit der Great Depression dem Gesetz der Rache an den Mördern seiner Familie folgt (Road to Perdition, 2002; schauspielerisch eine Hommage an Clint Eastwood); Larry Crowne (Regie: Tom Hanks, 2011), der Held einer Rezessionsromanze, der nach Verlust seiner Arbeit das College zur Fortbildung nutzt und in der Dozentin des Kurses im Fach „Freies Sprechen“ die Frau seines Lebens findet; der Kapitän eines Containerschiffs, das von somalischen Piraten entführt wird (Captain Phillips, 2013); der Pilot Chesley Sullenberger, Sully (2016), dem nach beidseitigem Triebwerksausfall die Notwasserung seines Airbus auf dem New Yorker Hudson River und aufgrund dieser Entscheidung die Rettung von 155 Passagieren gelingt; der Ex-Captain der Südstaatenarmee und Veteran Jefferson Kyle Kidd, der nach Ende des Bürgerkriegs als fahrender Vorleser von Nachrichten, die er dramatisiert zusammenstellt, einem eher illiteraten Publikum das Geschehen der Welt nahebringt. Diese Geschichten, News of the World (2020), verbinden die Menschen und geben ihnen Hoffnung.