Verschoben, aber nicht vergessen: Die weltberühmten Filmfestspiele von Cannes finden von 6. bis 17. Juli zum 73. Mal statt. Wir spekulieren anhand von Indizien ein bisschen über einige Wettbewerbsfilme, die uns ab Herbst wahrscheinlich regulär – und vielleicht auch zur Viennale – ins Haus stehen.
Als erstes fällt wohl ins Auge, dass das diesjährige Cannes-Line-up (im Bewerb sind insgesamt 24 Spielfilme, als Jury-Präsident fungiert Spike Lee) ein paar Altmeister aufbietet, die sich viel Zeit für ihre aktuellen Werke genommen haben: So gibt es nach längeren Pausen etwa endlich wieder Filme von Leos Carax und Paul Verhoeven zu sehen. Dass beide Werke einen Frauennamen im Titel haben, kann, muss aber nicht viel heißen; inhaltlich und formal scheint es denn doch einige Unterschiede zu geben. Annette ist, dem oft bewusst künstlichen Carax-Stil entsprechend, ein Film-Musical, wobei allerdings nicht die üblichen Broadway-Verdächtigen zum Zug kamen. Drehbuch und Musik stammen nämlich von Ron und Russell Mael, die unter dem Bandnamen Sparks Weltruhm in Sachen satirisch-exzentrischer Popmusik erlangt haben. In nuce geht es, soweit sich das sagen lässt, um einen moralisch recht ambivalenten Stand-Up-Comedian (Adam Driver), der sich nach dem Tod einer Opernsängerin (Marion Cotillard) um die gemeinsame zweijährige Tochter kümmern muss. Der Trailer verspricht einen Mix aus bildgewaltigem Carax-Stil, großen Emotionen, etwas Morbidität (wer weiß – vielleicht gar Suspense?) und Sparks-Skurrilität.
Während der Franzose auf Englisch (und an Schauplätzen von Los Angeles bis Münster) drehte, filmte der Niederländer seine italienische Geschichte auf Französisch: Verhoeven (der in den letzten Jahren unter anderem an einem bislang nicht verwirklichten Jesus-Film gearbeitet hatte) legt es mit Benedetta historisch und, wie gewohnt, mit einem Schuss Skandal-Sex an. Schon der Titel der als Basis dienenden Biografie – „Immodest Acts – The Life of a Lesbian Nun in Renaissance Italy“ von Judith Cora Brown – deutet an, dass der Stoff wie geschaffen für den ebenso deftigen wie vielseitigen Regisseur (Türkische Früchte, RoboCop, Elle) ist; ein klein wenig kontrovers geriet schon die Entwicklungsphase. Drehbuchautor Gerard Soeteman, der mit Verhoeven bereits an vielen Projekten gearbeitet hatte, distanzierte sich von dem Filmprojekt, weil er der Meinung war, dass es sich zu sehr auf das Thema Sex konzentriere. Der Film war ursprünglich schon 2019 für Cannes vorgesehen, doch die Postproduktion verschob sich zunächst aufgrund einer Hüftoperation des Regisseurs. Warum Benedetta auch letztes Jahr nicht in Cannes zu sehen war, weiß man ja. Prognose anhand des Trailers: religiös-moralische Auseinandersetzungen treffen auf historische Settings, Selbstgeißelungen und eine gute Portion Lesbensex; eine Spezialeffekte-Szene deutet sogar die Konfrontation mit einem damals wohl als Gotteszeichen empfundenen Naturphänomen an. Das ist doch schon mal nicht nichts – bislang war ja noch so gut wie jeder Verhoeven auf die eine oder andere Weise ansprechend. Die Hauptrolle übernahm Virginie Efira, in einer Nebenrolle als Äbtissin ist Charlotte Rampling zu sehen.
Ebenfalls fünf Jahre nicht mehr auf dem Regiestuhl Platz genommen hat Sean Penn, dessen letzte, ebenfalls in Cannes gelaufene Arbeit – eine geschmacklich fehlgeleitete Gutmenschen-Romanze namens The Last Face – einhellig verrissen wurde. Flag Day basiert auf dem Buch „Flim-Flam Man: The True Story of My Father’s Counterfeit Life“, in dem US-Autorin Jennifer Vogel ihre Familiengeschichte erzählt. Im Zentrum steht, wenn es nach dem Buchtitel geht, der pater familias: Dieser führte ein Leben außerhalb des Gesetzes und hatte bis 1995 im Alleingang 20 Millionen Dollar gefälscht – eine der höchsten Falschgeldsummen, die je vom FBI konfisziert wurden. Wenn Penn, der die Regie-Agenden vom abgesprungenen Alejandro González Iñárritu übernommen hat, zu den Stärken früherer Regie-Arbeiten wie etwa The Indian Runner (1991) zurückfindet, könnte dies eine durchaus interessante Familiengeschichte sein. Neben Penn (der hier erstmals in einer seiner Regiearbeiten auch vor der Kamera steht), Josh Brolin und Miles Teller sind auch Penns Kinder Dylan und Hopper mit dabei – wer weiß, vielleicht spiegelt sich Sean, der Männerfilmexperte und ehemalige Bad Boy, ja in gewisser Weise selbst in der Hauptrolle wider. Prognose: eine Hardcore-Variante von Imaginary Crimes (1994).
Der Texaner Wes Anderson hat nach dem Animationsfilm Isle of Dogs (2018) wieder einen Realfilm gedreht – wobei The French Dispatch selbstredend so stilisiert ist, wie man es von ihm kennt und erwartet. Die Handlung verriet Anderson dem französischen Magazin „Charente Libre“ im April 2019 folgendermaßen: „The story is not easy to explain. [It’s about an] American journalist based in France [who] creates his magazine. It is more a portrait of this man, of this journalist who fights to write what he wants to write. It’s not a movie about freedom of the press, but when you talk about reporters you also talk about what’s going on in the real world.“ Das alles ist wie üblich hochkarätig besetzt; es spielen unter anderem Benicio del Toro, Adrien Brody, Timothée Chalamet, Léa Seydoux und, natürlich, Bill Murray. Prognose: weitere Huldigung eines imaginierten alten Europa aus bewusst romantisierender US-Sicht.
Oberflächlich gesehen könnten sich solche Elemente auch in Bergman Island von Mia Hansen-Løve finden: Darin reist das amerikanische Ehepaar Christine (Vicky Krieps) und Anthony (Tim Roth) auf die schwedische Insel Fårö, um dort, wo Regie-Gott Ingmar Bergman seine Drebücher schrieb, Inspiration zu finden. Die Skripts der beiden Filmschaffenden machen tatsächlich Fortschritte, doch irgendwann – man ist versucht zu sagen: Wie könnte es anders sein? – beginnen Realität und Fiktion zu verschwimmen. Wenn das mal nicht nach Kunstfilm klingt. Wobei, dieses Etikett könnte Hansen-Løve der Thailänder Apichatpong „Joe“ Weerasethakul streitig machen, der mit Memoria um die Goldene Palme rittert: Recht viel war zur Handlung im Vorfeld nicht bekannt; angeblich soll es sich aber um ein Drama handeln, das im Kolumbien der Kolonialzeit spielt. Die Hauptrolle hat Tilda Swinton – ebenfalls bei Wes Anderson dabei – übernommen. Aus dem Kaffeesud: Die beiden Filme könnten sowohl die sperrigsten als auch poetischsten des diesjährigen Festivals sein.
Eine deutsch-französisch-italienisch-ungarische Ko-Produktion ist Die Geschichte meiner Frau, mit Regisseurin Ildikó Enyedi erstmals kein Originaldrehbuch verfilmt hat. Basis ist der Roman des Ungarn Milán Füst (1888–1967): Im Europa der 1920er Jahre wettet der niederländische Kapitän Jakob Störr mit einem Freund, dass er die erste Frau heiratet, die das Café betritt, in dem beiden zusammen trinken. Dies führt zur Bekanntschaft mit der Französin Lizzy und schweren emotionalen Turbulenzen. Für Enyedi war die Verfilmung des Romans, den sie im Alter von 16 las, eine Herzensangelegenheit; man darf gespannt sein, wie sie die Grundzüge des Romans (Störr bleibt seine Frau ein Leben lang ein Rätsel, was Fragen zum Individuum an sich aufwirft; zusätzlich hat Füst das Thema Eifersucht verarbeitet) in das Medium Film überträgt. Die titelgebende Frau spielt die auch bei Anderson auftretende Léa Seydoux.
Schließen wir mit drei weiteren Altmeistern des europäischen Kinos: Nanni Moretti hat wie Enyedi erstmals einen fremden Stoff verfilmt. Mit Tre Piani erzählt der gesellschaftskritische Wasserball-Fanatiker die Geschichte dreier Familien, die im selben Wohnkomplex leben. Man darf – nimmt man Morettis frühere Arbeiten und den von Gesichtern geprägten Teaser her – davon ausgehen, dass es nicht zu knapp menscheln wird. Menscheln, allerdings stilisierter, wird es wohl auch in Les Olympiades von Jacques Audiard: In Schwarzweiß und nach der Graphic Novel „Killing and Dying“ von Adrian Tomine geht es um vier Heranwachsende und ihre mal intime, mal freundschaftliche Verbundenheit.
François Ozon geht es dem Inhalt nach tragisch an, wobei es aber eine Überraschung wäre, wenn sein hintergründiger Humor ganz fehlen würde: In Tout s’est bien passé hat der 85-jährige André einen Schlaganfall, der ihn halbseitig lähmt. Als er seine Tochter Emmanuelle bittet, sein Leben zu beenden, stellt sich für diese die Frage, ob sie stark genug ist, diesem Wunsch nachzukommen. In den Hauptrollen: André Dussollier, Sophie Marceau und – auch bei Verhoeven dabei – Charlotte Rampling.
Seien wir insgesamt positiv: Ein Wiedersehen mit so vielen alten Bekannten könnte nach anderthalb entbehrungsreichen Kinojahren doch recht nett werden.
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