Filmfestivals sind ein unschätzbarer Beitrag zum kulturellen Angebot der Hauptstadt. Die Wiener Festivalförderung unterstützt sie.
In den Metropolen der Welt, so auch in Wien, verbuchen Filmfestivals jährlich neue Besucherhöchstzahlen – zumindest vor der Corona-Pandemie. Ob ein breit aufgestelltes Publikumsfest wie die Viennale oder spezialisierte Formate wie etwa das Jüdische Filmfestival, das Kurzfilmfestival Vienna Shorts, das Internationale Kinderfilmfestival, das Slash Filmfestival mit seinem Fokus auf Phantastsiches oder das Animationsfestival Tricky Women / Tricky Realities: In der Bundeshauptstadt bietet sich für Filminteressierte gleich mehrmals pro Jahr Gelegenheit, ihre cinephile Passion auszuleben. Denn das ist inzwischen längst die hervorstechene Qualität von Filmfestivals geworden: dass man dort Filme zu sehen bekommt, die man im regulären Kinoangebot, das mehr denn je von Hollywood-Blockbustern dominiert wird, vergeblich sucht.
Dass das so sein kann und auch weiterhin so bleiben wird, liegt unter anderem daran, dass die Stadt Wien jene Filmfestivals, Filmreihen, Open-Air- und Sommerkinos fördert, die mit ihrem Programm einen wichtigen Beitrag zur filmkulturellen Vielfalt der Stadt leisten. Ein unabhängiger dreiköpfiger Beirat prüft die eingereichten Konzepte und gibt kompetente Empfehlungen ab. Und wie die Arthouse-Kinoförderung wurde auch die städtische Unterstützung für die Festivals zuletzt kräftig angehoben, übrigens auch mit dem dezidierten Auftrag an die Festivals, ihre Mitarbeiterinnen und -mitarbeiter fair(er) zu entlohnen.
Die meisten der Wiener Filmfestivals existieren seit vielen Jahren, wenn nicht gar seit Jahrzehnten. Sie bereichern, begleitet von einem treuen und begeisterten Stammpublikum, das filmische Angebot der Stadt maßgeblich. So haben die Filmliebhaberinnen und -liebhaber der Stadt jährlich reichlich Gelegenheit, neue Filme abseits des Kino-Mainstreams zu entdecken, aber auch mit internationalen Filmschaffenden zu diskutieren und nicht zuletzt, jedenfalls wenn die Covid-19-Maßnahmen das zulassen, auf nächtlichen Filmpartys das Tanzbein zu schwingen. Denn das Gemeinschaftserlebnis ist es bekanntlich, das das Kino gegenüber dem Streaming am Tablet oder am Handy so attraktiv macht.
Tricky Women / tricky realities
März, www.trickywomen.at
Ein globales Alleinstellungsmerkmal zeichnet das im Jahr 2000 ins Leben gerufene Festival Tricky Women aus: Es ist das einzige weltweit, dass sich ausschließlich mit dem Trickfilmschaffen von Frauen beschäftigt und zeigt, was sich mit Pixeln, Puppen, Zeichnungen oder Knetfiguren alles anstellen lässt. Neben dem internationalen Wettbewerb gehören auch dokumentarische Animationsfilme, Retrospektiven und das Österreich-Panorama zum festen Bestandteil des Festivals, das auch mit Workshops, Best-Practice-Talks, Masterclasses und der Animation Summer-Academy als wichtige Impulsgeberin der Szene auftritt.
Ethnocineca
Mai, www.ethnocineca.at
Was bis zum Jahr 2007 in Wien fehlte, war ein Dokumentarfilmfestival. Mit der Gründung von ethnocineca wurde dieser Missstand behoben, und seitdem gelingt es dem Festival jedes Jahr im Mai aufs Neue, die Schönheit und Vielfalt der dokumentarischen und ethnografischen Filmkunst zu verdeutlichen. Egal ob kurz oder lang, experimentell oder konventionell, die Filme aus aller Welt sind ein verdichteter Raum für die Auseinandersetzung mit den Themen unserer Zeit. An sechs Tagen zeigt ethnocineca ein Kino, das nah an der gesellschaftlichen Wirklichkeit ist und die Diversität menschlicher Lebenswelten spiegelt.
Vienna Shorts
Mai/Juni, www.viennashorts.com
2004 fand unter der Leitung von Daniel Ebner, der dem Festival bis heute seinen Stempel aufdrückt, das Vienna Independent Shorts Festival, wie es damals noch hieß, statt. Inzwischen ist daraus das größte heimische Festival für Kurzfilm, Animation und Musikvideo geworden. Das treue und engagierte Publikum kann die weltweit herausragenden Werke des abgelaufenen Jahres genießen, mit den Filmemachern plaudern und bei den beliebten Partys das Tanzbein schwingen. Kurze Filme, kurzer Name: Das „independent“ ist aus dem Festivalnamen verschwunden, seit 2017 heißt das Event Vienna Shorts. Im prestigeträchtigen Fiction & Documentary Wettbewerb – der Sieger schafft es immerhin auf die Oscar-Longlist – sowie in den weiteren Wettbewerben „Animation Avantgarde“ und „Österreich“ wird die enorme stilistische Bandbreite der Filme deutlich. Als besondere Publikumsattraktion gelten u.a. die Screensessions, ein Programm mit innovativen Musikvideos, das die Kapazität der Tonanlage des Festivalzentrums im Metro Kinokulturhaus Jahr für Jahr voll ausschöpft.
Slash Filmfestival
September, www.slashfilmfestival.com
Eine echte Marktlücke nutzten der Filmjournalist Markus Keuschnigg und seine Mitstreiterinnen und Mitstreiter, um im Jahr 2010 das erste Horror-, Fantasy- und Science-Fiction-Festival Wiens auf die Beine zu stellen. Fans dieser Genres gibt es ja genug, seit damals haben sie Gelegenheit, im wunderbaren Ambiente des Filmcasinos für eine Woche im Jahr Monster, Aliens und psychopathische Killer auf der großen Leinwand zu sehen und nicht nur auf dem Computerbildschirm. Das Festival ist als Gesamterlebnis konzipiert: Die jeweiligen Vorstellungen werden in das Foyer des Kinos „verlängert“ und täglich ergänzt durch eine Auswahl von Konzerten und DJ-Sets, aber auch durch Podiumsdiskussionen und Werkstattgespräche. Fast alle Filme sind österreichische Erstaufführungen. Der enorme Publikumserfolg hat dazu geführt, dass auch abseits des Hauptfestivals im September Veranstaltungen wie Slash X-mas oder Slash einhalb in Kooperation mit dem Crossing Europe Filmfestival in Linz stattfinden.
Jüdisches Filmfestival Wien
Oktober, www.jfw.at
Auf Initiative von Kurt Rosenkranz, dem Gründer des Jüdischen Instituts für Erwachsenenbildung in Wien, wurde 1991 die erste Jüdische Filmwoche Wien im Filmhaus Stöbergasse veranstaltet. Durch den anhaltenden Erfolg beim Publikum wurde das Programm immer mehr ausgeweitet und die mittlerweile bereits vierzehntägige Veranstaltung 2007 in Jüdisches Filmfestival umbenannt. Das Festival findet unter der langjährigen Leitung des Kameramannes Frédéric-Gérard Kaczek statt und beschäftigt sich in den Kinos Votiv, De France, Metro und Top mit allen Facetten des jüdischen Lebens in aller Welt und zu allen Zeiten. Das betrifft die Shoa ebenso wie den iraelisch-palästinensischen Konflikt, das jüdische Leben im Wien der Gegenwart oder in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Es werden absurde Komödien ebenso gespielt wie aufrüttelnde Dokumentarfilme, die thematische und stilistische Bandbreite des Programms ist enorm.
video&filmtage
Oktober, www.videoundfilmtage.at
Bereits seit 1991 existieren die video&filmtage, veranstaltet vom Medienzentrum Wien. Das im Oktober im cinemagic Kino in der Urania stattfindende Festival zeigt nur Filme von jungen Leuten bis 22 Jahren, kann also getrost als Talenteschmiede bezeichnet werden. Die Leiterin Gabriele Mathes bemüht sich sehr, den Nachwuchsfilmschaffenden die Atmosphäre eines großen Festivals samt Publikumsgesprächen und Juryentscheidung zu bieten. Wer die prickelnde Stimmung noch nicht miterlebt hat, sollte sich die formal durchaus beachtlichen Kurzfilme nicht entgehen lassen.
Viennale
Oktober/November, www.viennale.at
Seit 1960 beschäftigt die wechselvolle Geschichte des größten österreichischen Filmfestivals die Kinofans. Gegründet als Erste Wiener Filmwoche, bald umbenannt in Viennale mit einem kurzen Intermezzo als Festival der Heiterkeit, fand das Festival 1973 erstmals im Gartenbaukino statt. Seit 1987 wird mit Unterbrechungen der Wiener Filmpreis vergeben, danach ermöglichten drei ehemalige Filmjournalisten den Aufstieg der Viennale zu einem auch international beachteten Publikumsfestival. Helmuth Dimko stellte das Festival durch die Einführung von Sonderschauen auf eine breitere Basis, nach einem kurzen Intermezzo von Werner Herzog und Reinhard Pyrker übernahmen 1992 der spätere Filmmuseumsdirektor Alexander Horwath und ORF-Redakteur Wolfgang Ainberger, zu dieser Zeit auch Geschäftsführer des Wiener Filmfinanzierungsfonds, die Leitung. Die beiden popularisierten die Viennale u.a. durch die Einführung einer Mitternachtsschiene und die verstärkte Programmierung von qualitativ hochwertigen Hollywood-Filmen, ohne das Arthouse-Kino zu vernachlässigen. Die gelungene Mischung aus Anspruch und Unterhaltung übernahm 1997 Hans Hurch, der sich als u.a. als Mitarbeiter von Jean-Marie Straub und Danièle Huillet, als Kritiker beim „Falter“ und als Kurator einen Namen gemacht hatte. Sein plötzlicher Tod im Juli 2017 hinterließ die Wiener Filmszene in Schockstarre. Nach einem Interimsjahr übernahm im März 2018 mit Eva Sangiorgi eine weltgewandte italienische Kuratorin und Publizistin das Wiener Filmfestival-Flaggschiff – mit Erfolg.
Internationales Kinderfilmfestival
November, www.kinderfilmfestival.at
Seit mehr als 30 Jahren gibt es das Internationale Kinderfilmfestival Wien. Für alle Altersgruppen von ca. 4 bis 16 werden im Votiv, im Cinemagic in der Urania und im Cine Center ausgewählte und dezidiert nicht aus Hollywood stammende Kinder- und Familienfilme in Originalfassung präsentiert. Damit die Kinder und Jugendlichen bei einem norwegischen oder holländischen Werk – diese zwei Länder produzieren viele weltweit erfolgreiche Kinderfilme – trotz mangelnder Sprachkenntnisse die Handlung mitverfolgen können, werden die Filme live im Kino deutsch eingesprochen. Das ist ungewohnt für die jungen Kinofans, stört sie aber ganz offensichtlich nicht. Umso mehr achtet die Kinderjury, die alljährlich die Preise vergibt, auf die visuellen und gestalterischen Merkmale der Filme.
this human world
Dezember, www.thishumanworld.com
Mit dieser Veranstaltung erschien 2008 ein dezidiert politisches Festival auf der Bildfläche. Es will mit seinem Programm zum Nachdenken und zum Handeln aufrufen. Als Mitglied des internationalen Human Rights Film Network präsentiert this human world jährlich rund 90 Spiel-, Dokumentar- und Kurzfilme, die von Diskussionen und Vorträgen begleitet werden. Das vielseitige Festival hat sich langsam, aber stetig zu einem Fixpunkt im Wiener Festivalgeschehen entwickelt. Gerade das umfangreiche Rahmenprogramm und die vielen Diskussionsmöglichkeiten mit Gästen aus aller Welt werden vom stetig wachsenden Publikum sehr geschätzt.
