Was bleibt von dieser 72. Berlinale, die man pandemiebedingt gefühlt im Speedtempo absolvierte? Eine Bilanz.
Früher war alles anders, da wurden Verträge noch mit einem Handschlag beglichen. Heute braucht es Dokumente, Unterschriften, am besten einen Anwalt, der alles regelt. Aber damit kann die Familie Solé nicht dienen und deshalb will ihnen der Eigentümer jetzt das Land nehmen, auf dem sie seit Jahrzehnten leben und eine Pfirsichplantage bewirtschaften. Denn die Obstbäume sollen zukünftig einer modernen Solaranlage weichen. Der Fortschritt ist auch im sonnigen Katalonien nicht aufzuhalten.
Von jenem Schicksal einer Großfamilie in der spanischen Provinz erzählt Alcarràs, der mit dem Goldenen Bären der 72. Filmfestspiele von Berlin ausgezeichnet wurde. Dass sich ausgerechnet der erst zweite Spielfilm der jungen spanischen Regisseurin Carla Simón bei der Internationalen Jury unter Vorsitz des amerikanischen Regisseurs M. Night Shyamalan durchsetzen konnte, mag auf den ersten Blick verwundern. Verständlich wird es jedoch, wenn man bedenkt, auf welch kluge, zugängliche und einnehmende Weise darin die von der Berlinale stets gewürdigte Vermischung von Politischem und Privatem ausbalanciert wird. Simón, deren Film auf eigenen Kindheitserinnerungen basiert, stützt ihr engagiertes Familienporträt auf die Natürlichkeit ihrer Laiendarsteller, mit all den kleinen und großen Konflikten sowie den glücklichen Momenten, die zum Leben in einem Mehrgenerationen-Clan in der Krise dazu gehören. Die Geschichte, die sie erzählt, ist eine ernste, dringliche, die den privaten Kampf der Solés gegen die bevorstehende Enteignung ebenso thematisiert wie den Protest der Bauern insgesamt gegen Dumpingpreise und unwirtschaftliche Bedingungen. Die harte Arbeit auf dem Land schont keinen der Beteiligten, ist aber gleichzeitig mit viel Sonne sowie einem zarten Humor versehen – und mit einer vorbehaltlosen Liebe, die sich über alle Schwierigkeiten und Spannungen hinwegsetzt.
Gerne hätte es bei der Vergabe der übrigen Auszeichnungen der Berlinale so treffend weitergehen können. Doch da setzte man eher auf Namen als die Werke selbst. Am mutigsten ist da noch die Ehrung des mexikanischen Beitrags Robe of Gems von Natalie LópezGallardos mit dem Silbernen Bären, während sowohl der Große Preis der Jury für The Novelist’s Film von Hong Sang-soo als auch der Preis für die beste Regie an Claire Denis für ihr allzu durchschaubares Beziehungsdrama Avec amour et acharnement eher unmotiviert erscheinen. Vor allem, wenn man bedenkt, dass etwa die beiden hervorragenden Schweizer Filme im Wettbewerb, La Ligne von Ursula Meier sowie Drii Winter von Michael Koch, gänzlich leer ausgingen.
Ein Film, dem man es durchaus gönnte, durfte dafür gleich zwei Bären mit nach Hause nehmen: Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush von Andreas Dresen. Keine Frage, dass die beste Hauptrolle an Meltem Kaptan vergeben wurde, die im Film eine Tour-de-Force-Leistung als Mutter ihres zu Unrecht in Guantanamo gefangenen Sohnes bietet. Zudem wurde Laila Stieler für das beste Drehbuch ausgezeichnet.
Der Preis für die beste Nebenrolle ging an Laura Basuki in dem indonesischen Frauenporträt Nana von Kamila Andini, dem man durchaus auch mehr Bärenpotenzial zugestanden hätte. Für seine herausragende künstlerische Leistung wurde zudem der kambodschanische Dokumentarfilmer Rithy Panh geehrt, der seinen neuen Film Everything Will Be OK als apokalyptische Moralgeschichte inszeniert.
Auch zwei österreichische Beträge durften sich über Auszeichnungen freuen: Als bestes Debüt wurde Sonne von Kurdwin Ayub ausgezeichnet, die ihren Film über drei Freundinnen aus unterschiedlicher Herkunft in der Encounters-Reihe präsentierte. Zudem gewann Ruth Beckermann mit ihrer neuen Dokumentation Mutzenbacher den Hauptpreis der Sektion. Darüber hinaus hätte eigentlich Michael Thomas einen Preis für seinen Ganzkörpereinsatz als abgehalfterter Schlagersänger Richie Bravo in Ulrich Seidls Rimini verdient, der leider ebenfalls gänzlich von der Jury unbeachtet bliebt
Und sonst? Wo keine Reibung ist, kann auch kein Feuer entstehen. Nicht einmal Funken. Vielleicht lässt sich diese 72. Berlinale im Nachhinein so am besten beschreiben. Denn kein Film scherte wirklich aus, keiner eckte an, entrüstete oder begeisterte das Publikum so sehr, dass man von einer wahren Entdeckung oder gleichsam einer bodenlosen Enttäuschung sprechen hätte können. Natürlich war es ein weiteres Ausnahmejahr, aber darauf kann man sich bei der Programmgestaltung nicht ewig stützen. Es ist nicht nur das US-amerikanische Kino, das der Berlinale abhanden gekommen ist. Es sind vor allem mehr Filme, die einen umhauen oder die wenigstens einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen, so wie etwa Andrew Dominiks neue Musik-Doku This Much I Know To Be True das schaffte, auch wenn er darin eigentlich nicht mehr zeigt als wieder einmal Nick Cave beim Musizieren mit Warren Ellis.
Was bleibt, sind ziemlich viele Werke, die man aufgrund der pandemiebedingten Verkürzung des Festivals auf lediglich sieben Tage nicht gesehen hat, obwohl diesmal „nur“ 260 Filme anstatt der üblichen 400 zur Auswahl standen. Aus dem herrlichen Bildrausch, der sich normalerweise am Potsdamer Platz einstellt, wurde angesichts der Kürze schlicht ein Wettlauf gegen die Zeit, den man einfach nicht gewinnen konnte. Dass am Ende dann auch noch Isabelle Huppert in letzter Minute absagen musste, die in diesem Jahr mit dem Ehrenpreis der Berlinale geehrt wurde, war zudem unglücklich und bedauerlich. Und dennoch möchte man dem Festival am Ende ein großes Dankeschön aussprechen, dass es überhaupt in physischer Form stattgefunden hat. Es war ein Kraftakt, keine Frage. Aber auch eine Strapaze, die man gerne auf sich genommen hat.
