Anlässlich des hundertjährigen Firmenbestehens von Universal Pictures hat das Label ein Dutzend seiner Filmklassiker restauriert, die nun erstmals auf Blu-ray erscheinen. Ein besonderes Highlight der Jubiläumsedition ist die sowohl in Sachen Bild als auch Ton generalüberholte Fassung von Steven Spielbergs „Jaws“ („Der weiße Hai“). Warum, das erklärt Michael Daruty, Senior Vice President Technical Operations der Universal Studios Operations Group, der das aufwändige Konvertierungsprojekt betreut hat. Ein Gespräch über die Qual der Auswahl, Filmrestaurierung im Zeitalter der Digitalisierung und die ewig währende Spielberg’sche Liebe zum Detail.
Wie muss man sich das vorstellen, wenn ein Studio in der Größenordnung von Universal versucht, aus dem Repertoire von 100 Jahren Film- und Firmengeschichte zwölf Titel für eine Jubiläums-Blu-ray-Edition zusammenzustellen? Und warum ist die Wahl beispielweise auf Steven Spielbergs Jaws gefallen?
Ursprünglich sollten es zwölf Titel werden, aber wir haben uns dann entschieden, die spanische als auch die englische Version von Dracula zu restaurieren, weshalb es am Ende eigentlich 13 Filme geworden sind. Was die Auswahl angeht, gab es offensichtlich eine Unmenge an Filmen in unserem Archiv, die jeder für sich stehen und eine bestimmte Bedeutung für Universal haben. Ein Komitee, das aus Firmenführungskräften, Filmhistorikern sowie anderen Fachleuten aus verschiedensten Disziplinen und Praxisbereichen bestand, hatte dann die spannende, aber auch etwas undankbare Aufgabe, aus diesem Repertoire zunächst hundert Filme auszuwählen, die die Geschichte und das Erbe von Universal in ganz besonderer Weise repräsentieren – und das nicht nur bezogen auf kommerzielle oder technische Höhepunkte für die Firma, sondern auch im Hinblick auf die Filme selbst. Aus dieser engeren Auswahl wurden dann schließlich die zwölf beziehungsweise 13 Titel für die Blu-ray-Sonderedition zusammengestellt. Das war tatsächlich nicht einfach. Für uns stand dabei allerdings von vornherein fest, dass Jaws auf jeden Fall einer der Titel sein würde, die wir im Programm haben wollten. Es ist ein Meisterwerk, in jeder Hinsicht. Da gab es keine Diskussion.
Sie haben für die Restaurierung von Jaws das originale 35mm-Negativ verwendet. Welche Faktoren haben bei der Entscheidung hinsichtlich des Ausgangsmaterials eine Rolle gespielt?
Wir haben uns alle zunächst alle zur Verfügung stehenden Materialen genau angeschaut, vom Original-Negativ zum Inter-Positiv und Dub-Negativ, um herauszufinden, was uns die bestmögliche Qualität liefern würde. Wir haben uns schließlich für das originale Kameranegativ entschieden, obwohl das Bild mitunter erhebliche Abnutzungserscheinungen aufwies: diverse Kratzer, mittelmäßige bis starke Verschmutzungen und grundsätzlich eine eher grobkörnige Struktur. Aber, wie unsere Tests ergaben, ließ sich aus dem Negativ die größte Auflösung gewinnen, und wir wussten, dass wir mit Hilfe der uns heute zur Verfügung stehenden digitalen Bildrestaurationswerkzeuge die Beschädigungen größtenteils wegretuschieren konnten. Wir haben das Negativ dann zuerst mittels der sogenannten Flüssig-Scan-Methode mit größtmöglicher Auflösung bearbeitet, wobei sich bereits viele Kratzer beseitigen ließen. Bei dieser Methode wird auf das Negativ beidseitig eine spezielle Flüssigkeit aufgebracht, die sich gleichmäßig auf dem Filmmaterial verteilt. Dadurch wird beim Scanvorgang die Lichtbrechung reduziert und kleine Unebenheiten und Kratzer werden unsichtbar. Danach wurde das Material noch einmal mit einem hochauflösenden 4K-Scanner eingelesen [4k entspricht in etwa der vierfachen Full-HD-Auflösung von 3.840 x 2.160 Pixel; Anm.], so dass schließlich ein Master in 4K-Qualität vorlag. Damit hatten wir eine hervorragende Grundlage für die digitale Bearbeitung geschaffen.
War das der Zeitpunkt, an dem Steven Spielberg dazu kam? Inwiefern war er insgesamt in den Restaurierungsprozess involviert?
Wir hatten von Anfang an ein sehr gutes Arbeitsverhältnis mit Mr. Spielberg und haben ihn an verschiedenen Momenten im Restaurierungsprozess immer wieder ins Studio geholt, um ihn soweit wie möglich in die einzelnen Entscheidungen mit einzubeziehen. Nachdem wir bereits beim Scannen die gröbsten Kratzer beseitigt hatten, ging es an die Farbkorrektur und das Abstufen der Zwischentöne. Dabei wurde Einzelbild für Einzelbild am Computer bearbeitet und mit dem Original abgeglichen, um das Wesen des Films zu wahren und ihm exakt den Look zu geben, den Steven Spielberg bereits 1975 intendiert hatte. Wir haben ihn diesbezüglich regelmäßig nach seiner Meinung gefragt, haben seine Hinweise befolgt und entsprechende Änderungen vorgenommen. Spielberg hat also den Film in jeder Phase der Restaurierung begutachtet, bevor er am Ende den fertigen Master abgesegnet hat.
Hatten Sie oder Steven Spielberg während der Restaurierung jemals Bedenken, mit dieser komplett neubearbeiteten Fassung die Fans des Originals zu enttäuschen?
Nein, gar nicht. Und ich denke, ich kann auch für Steven Spielberg sprechen, wenn ich sage, dass wir nichts übersehen beziehungsweise unversucht gelassen haben, um sicherzugehen, dass der Film in der restaurierten Fassung besser aussieht als je zuvor. Und wir haben ja schließlich keine inhaltlichen Änderungen an der Originalfassung vorgenommen, sondern ausschließlich die optische- und Audio-Qualität verbessert.
Das heißt, für die Blu-ray ist nun auch die Tonspur aufgewertet?
Ja, der Originalton wurde überarbeitet und auf 7.1 aufgewertet, das heißt, er klingt dadurch viel sauberer und frei von Störungen oder Rauschen. Außerdem haben wir einige Effekte nachbearbeitet, aber die Musik wurde nicht neu abgemischt.
Was war Steven Spielberg besonders wichtig? Worauf hat er am meisten geachtet?
Bei jeder Restaurierung sehen wir uns das Original an, aber auch jede weitere überarbeitete Fassung, um zu schauen, wo Verbesserungen nötig und möglich sind. Was Jaws betrifft, lagen bereits zwei vorherige überarbeitete Fassungen in HD vor, die jeweils für verschiedene DVD Veröffentlichen erstellt wurden. Aber diesmal sind wir beispielsweise viel mehr ins Detail gegangen. Gleich zu Beginn des Films, wenn man Chrissy im Wasser sieht, da steckt so viel mehr Potenzial im Detail, das allein dadurch zum Vorschein kam, weil das Originalnegativ erstmals in 4K-Auflösung eingelesen und anschließend Bild für Bild begutachtet und neu bearbeitet wurde. Und Spielberg was es wichtig, dass wir die Gelegenheit nutzen und die Szene etwas aufhellen und einfach ein bisschen klarer und schärfer machen. Kleine, aber mitunter entscheidende Details wie diese hatten es ihm angetan und darauf sind wir, soweit es uns möglich war, gern eingegangen. Aber wie gesagt, wir sprechen hier ausschließlich von optischen Veränderungen, inhaltlich ist alles beim Alten geblieben.
Wie eingangs erwähnt, handelt es sich bei der Jubiläumsedition um zwölf völlig verschiedene Filme aus den vergangenen Jahrzehnten, die sich allein deshalb jeweils in einem unterschiedlichen Qualitätszustand befanden. Welcher Titel war am schwierigsten? Ist es tatsächlich so, wie man es sich vorstellt: je älter der Film, desto komplizierter und aufwendiger die Restaurierung?
Ja, im Grunde ist das so. Die älteren Filme sind meist schwieriger zu bearbeiten und das liegt, wie gesagt, in erster Linie an der mitunter schlechten Kondition, in der sich die originalen Filmnegative befinden. Nach deren Zustand richtet sich die weitere Vorgehensweise und damit der Aufwand des gesamten Unterfangens. All Quiet on the Western Front war zum Beispiel ziemlich arbeitsaufwändig, weil das Bild durchwegs extrem körnig war. Verstehen Sie mich nicht falsch, wir achten schon darauf, dass die Filme eine gewisse Körnigkeit beibehalten, die dem ursprünglichen Look und Filmgefühl entspricht. Aber zu viel darf es eben auch nicht sein. Auch da gilt es eine genaue Balance zu finden, und zwar für jeden Titel individuell.
Es scheint, als seien Sie und Ihr Team so etwas wie die Schutzengel des Universal-Filmerbes.
Wir sind einfach mit ganzer Leidenschaft dabei. Ich bin jetzt seit mehr als 25 Jahren im Beruf und nehme meine Arbeit sehr ernst. Ich denke, es ist unsere Verantwortung, sicherzustellen, dass unsere Filme ordnungsgemäß konserviert und restauriert werden, damit sie auch späteren Generationen erhalten bleiben. Abgesehen von dem Jubiläumsprojekt haben wir natürlich ein laufendes Restaurierungsprogramm, mit dem wir beschäftigt sind, und wir sorgen dafür, dass bestimmte Originalmaterialen immer auch außerhalb der Region gelagert werden. Kalifornien ist ja bekannt für Erdbeben. Das heißt, auch für Jaws werden wir langfristig von dem 4k-File ein Negativ mit hoher Auflösung erstellen, das wir dann zur Sicherheit an der Ostküste lagern.
Nachdem Sie nun jedes einzelne Bild von Jaws gesichtet und bearbeitet haben, können Sie sich eigentlich noch an ihre erste Erfahrung mit dem Film erinnern? Was ist für Sie persönlich davon geblieben?
Oh ja, ich kann mich sogar noch ziemlich genau daran erinnern. Ich bin in Kalifornien aufgewachsen und beendete 1974 die High School, also ein Jahr, bevor Jaws erstmals in die Kinos kam. Ich weiß noch genau, wie ich damals die Westküste entlang fuhr in Richtung San Francisco, direkt, nachdem ich den Film zum ersten Mal gesehen hatte. Den ganzen Weg über sah ich unentwegt aufs Meer hinaus auf der Suche nach einem Großen Weißen Hai. Ich bekomme heute noch eine Gänsehaut, wenn ich daran denke. Und glauben Sie mir, das schaffen nur wenige Filme!
Jagd auf den Leviathan
Mit dem Spannungsklassiker „Jaws“ verhalf Steven Spielberg New Hollywood zum endgültigen Durchbruch. Eine aufwändig restaurierte Fassung wurde nun auf Blu-ray veröffentlicht.
Ganz entspannt sitzen die drei Männer nächtens in der Kajüte ihres Bootes beieinander und genießen die Pause bei der Jagd, die sie auf den Großen Weißen Hai machen. In bierseliger Atmosphäre wird gelacht und gescherzt, man zieht sich freundschaftlich mit Erinnerungen an überstandene Verletzungen auf. Dabei fällt der Blick auf eine bereits verblassende Tätowierung des Bootskapitäns Quint. Nach der Bedeutung der Tätowierung gefragt, beginnt Quint zu erzählen und im Verlauf seines Monologs weicht die allgemeine Heiterkeit bedrücktem Schweigen. Denn Quint erzählt von seinem Dienst an Bord das Kriegsschiffs „Indianapolis“, das von einem japanischen U-Boot versenkt wurde, just nachdem es die für Hiroshima bestimmte Atombombe abgeliefert hatte. Die meisten Mitglieder der Besatzung konnten sich von dem sinkenden Schiff ins Meer retten, doch das lange Warten auf Rettung wurde zum Alptraum: Die Männer waren den Angriffen hunderter Haie ausgesetzt. „1100 men went in the water, 316 came out, the sharks took the rest“, merkt Quint abschließend trocken an. Und damit wird für die drei Männer wieder deutlich, worauf sie sich bei ihrer Jagd eingelassen haben.
Mit dieser kammerspielartigen Sequenz leitet Steven Spielberg die finale Auseinandersetzung in seinem furiosen Thriller ein, der gleich in mehrfacher Hinsicht einen Meilenstein darstellte. Jaws läutete zunächst die Ära der Blockbuster ein, war der Film doch einer der ersten, der gleichzeitig mit mehreren hundert Kopien startete. Der phänomenale finanzielle Erfolg trug nicht unmaßgeblich dazu bei, dass die Generation New Hollywood endgültig zur treibenden Kraft des US-amerikanischen Kinos wurde und dessen Ausrichtung für Jahrzehnte bestimmen sollte. Jaws war auch ein geradezu mustergültiger Repräsentant der New-Hollywood-Konzeption, traditionelle Genres zu revitalisieren und formal und dramaturgisch ausgefeilt umzusetzen. Spielberg hat aber nicht bloß einen hochgradig spannenden und brillanten Thriller in Szene gesetzt, Jaws ist – und allein dadurch unterscheidet sich der Film grundlegend von unzähligen Epigonen aus dem Subgenre „Tierhorror“ – vielmehr eine kongeniale Adaption von Herman Melvilles „Moby-Dick“. Dass der Film auch auf dem gleichnamigen Bestseller von Peter Benchley basiert, tut da keinen Abbruch. Denn natürlich gehört der ins Spiel gebrachte Weiße Hai nicht in die Kategorie der zu bösartigen Monstern stilisierten Tiere, sondern steht für jene Kraft der Natur, die sich von Menschen trotz aller Anstrengung nicht vollständig beherrschen lässt. Wie eine Naturkatastrophe bricht der Hai über das Städtchen Amity herein, um damit das so überschaubare, geordnete Leben der Gemeinde aus allen Fugen geraten zu lassen. Die drei eingangs erwähnten Männer machen sich auf die Jagd nach dem vermeintlichen Untier, in dem Glauben, so die durch den Menschen gemachte Ordnung wiederherstellen zu können. Wie Kapitän Ahab in der Romanvorlage den Wal, betrachtet Quint den Hai zunehmend als persönlichen Feind, der allein zur Projektionsfläche all seines Hasses wird. Und wie Ahab seine Mannschaft hinter sich versammelt, wird dieser Hass auch hier zur einigenden Kraft, die das Trio trotz zunächst durchaus unterschiedlicher Interessenslagen zusammenschweißt. Die Jagd auf den Leviathan mutiert zum alles bestimmenden Ziel, dessen Tod soll zum Symbol für die Herrschaft des Menschen über die Natur werden. Es ist diese Hybris, die den Männern – gleichsam Kapitän Ahab und seiner Besatzung – schlussendlich zum Verhängnis wird.
