Wall-E – Die Rettung der Welt als Kollateralschaden

Die Rettung der Welt als Kollateralschaden

| Alexandra Seitz |

Ein Roboter erlebt die erste Liebe – und was für eine!
„Wall-e“ von Andrew Stanton, der neue Animations-
film aus den Pixar-Studios.

Dass eine Müllpresse, die siebenhundert Jahre damit zubringt, Müll zu pressen, im Laufe der Zeit ein Bewusstsein entwickelt, ist nicht verwunderlich. Was sollte sie sonst auch anderes machen? Tagaus, tagein durch den von der Menschheit hinterlassenen Abfall zu rollen, ihn in handliche Würfel zu quetschen und zu Hochhäusern zu stapeln, ist auf die Dauer schlicht zu langweilig. So kommt es also, dass Wall-e, von dem hier die Rede ist, eines Tages anfängt, wahrzunehmen, was ihn umgibt. Und er sieht, dass er ganz allein auf der weiten Welt ist – wenn man von der befreundeten Kakerlake Hal einmal absieht –, und er spürt seine Einsamkeit, und es wächst in ihm eine große Sehnsucht: die Sehnsucht, eine Hand zu halten. Dann kommt EVE. Und das Abenteuer beginnt.

Der Film, in dem dieses Abenteuer erzählt wird, heißt Wall-e und entstammt der Werkstätte der Computer-Poeten im Traumreich Pixar. In Wirklichkeit ist Pixar ein US-amerikanisches, zum Disney-Konzern gehörendes Animationsfilmstudio und als solches natürlich darauf angewiesen, dass am Ende die Kasse stimmt. Trotzdem ist eine rein merkantilistische Betrachtung der Pixar-Produkte zu prosaisch und wird weder ihrer technischen noch inhaltlichen Qualität gerecht, geschweige denn ihrem Wesen. Keinem anderen Animationsstudio gelingt es mit vergleichbarer Meisterschaft, vordergründig wenig dafür Geeignetes wie Ratten (Ratatouille) oder Käfer (A Bug’s Life) zu anthropomorphisieren und mit Schlüsselreizen wie auf einer Instinktklaviatur zu spielen. Dass bei Pixar Menschen arbeiten, denen das, was sie tun, Freude bereitet, das ist jeder Sekunde ihrer vollendeten Arbeiten anzumerken. Deswegen auch ist für die emotionale Überzeugungskraft der Filme dieses Studios nicht allein die erfolgreiche Belebung der virtuellen Protagonisten entscheidend, sondern das, was diese sodann erleben. Die Geschichte. Und die Welt, in der sie sich zuträgt.

Was also erlebt Wall-e, die kleine, rostige, staubige Blechbüchse? Die sich allein und unverdrossen dem Chaos entgegenstellt und dabei noch mit Neugier und Entdeckerfreude auf all das reagiert, was ihr im Weg liegt. Wall-e erlebt die erste, große, einzige Liebe. Es ist eine derart große erste und einzige Liebe, dass im Zuge ihrer Verwirklichung sogar die Menschheit gerettet wird, oder der Planet Erde. Jedenfalls findet die Zusammenführung der beiden eher zufällig statt. Weil Wall-e auf dem Raum-Kreuzer Axiom landet, um EVE nicht zu verlieren.

EVE, das bedeutet „Extraterrestial Vegetation Evaluator“ und bezeichnet eine weiß schimmernde, elegante, eiförmige Erscheinung, die aus heiterem Himmel von einem Raumschiff inmitten von Wall-es Müllbergen abgeladen wird und damit beginnt, die Umgebung zu scannen. EVE kann fliegen und mit einer Laserkanone schießen, und sie hat eine Hand, die Wall-e halten könnte. Wall-e ist begeistert! Es ist Liebe auf den ersten Blick.

Aber es ist eben auch nicht so einfach. Nicht nur, weil die Altersdifferenz zwischen den beiden 700 Jahre beträgt, in denen beträchtlicher technischer Fortschritt stattgefunden hat. Mit einem Schnippen ihrer schönen weißen Finger könnte EVE Wall-e in einen jener Schrottwürfel verwandeln, die eigentlich sein Arbeitsgebiet sind. Doch unbeeindruckt lädt Wall-e, der Romantiker, seine Angebetete in sein Heim ein und zeigt ihr voller Sammlerstolz Fundstücke wie einen mechanischen Quirl, mit Luftkammern gefüllte Plastikfolie, Rubiks Zauberwürfel und eine Glühbirne. In Sekundenschnelle quirlt EVE den Quirl in Stücke, löst den Würfel, lässt die Luft aus der Folie und die Glühbirne glühen. Wall-e ist begeistert! Und kommt mit seiner neuesten Entdeckung angerollt: einem kleinen Pflänzchen in einem alten Stiefel. EVE stutzt, scannt und schluckt es – und stellt den Betrieb ein. Nur das grüne Leuchten eines Pflanzensymbols in ihrer Herzgegend zeigt noch ihre Aktivität an. Wall-e kann es nicht fassen! Wie gewonnen ist sein Glück auch schon wieder zerronnen.

Zur Erinnerung: Die Rede ist von zwei Robotern. Und gesprochen wurde bis zu diesem Zeitpunkt auch noch nicht. Jedenfalls nicht in einem herkömmlichen Sinn. Wall-e und EVE verständigen sich mithilfe einer spezifischen, elektronisch verfremdeten Sprache aus Lauten, die manchmal so etwas wie Wörter ergeben. Am liebsten ergeben sie die beiden Worte „Walleee“ und „Eeeva“. Weswegen man Wall-e auch als eine tonale Meditation sehen könnte: über die vielen verschiedenen Möglichkeiten, durch die Aussprache eines Namens Bedeutung herzustellen. Komponiert hat diese reizvolle Tonlandschaft, die einen ungeheuren Reichtum an Gefühlen beherbergt, der große Sound-Designer Ben Burtt, der bereits in Star Wars dem Droiden R2-D2 das Fiepen beibrachte.

Aber wie gesagt, die Rede ist von zwei Robotern. Und davon, dass sie einem erscheinen wie die besseren Menschen. Darin wiederum liegt etwas bedenklich Pessimistisches, das Wall-e zu mehr macht, als einer rührenden Liebesgeschichte und das in Zusammenschau mit anderen Pixar-Filmen die Ableitung eines zivilisationskritischen Weltbildes erlaubt.

Auf der Axiom nämlich cruisen seit 700 Jahren Reste der Menschheit im All herum, und die verminderte Schwerkraft hat aus ihnen so etwas wie riesige Gummibärchen werden lassen. Man könnte auch versucht sein, sie mit Maden zu vergleichen. Jedenfalls rühren diese Riesenbabys keinen Finger und lassen sich den lieben langen Tag in schwebenden Stühlen herumschunkeln, von Robotern bedienen und von Bildschirmen berieseln, während sie ununterbrochen konsumieren und telefonieren. Das profund Dystopische dieser Axiom-Welt, so rundlich niedlich es auch gestaltet sein mag, lässt nicht nur die am direkten Gegenüber orientierte Welt von Wall-e und EVE umso verzauberter erscheinen. Es handelt auch in der Zukunft von unserer Gegenwart.

Das eben macht Pixar-Filme so besonders. Die Zusammenhänge, von denen sie handeln, sind komplex. Sie fürchten sich nicht vor der Traurigkeit und sie erzählen jenen, die zuhören wollen, von wichtigen und schwierigen Sachverhalten. Beispielsweise von der Macht, die Welt zu retten. Die in diesem Fall einer kleinen, staubigen, schon etwas angerosteten Müllpresse namens Wall-e zufällt, die sich verliebt.