Lustiges (und detailreiches) Taschen-Buch: Der renommierte Verlag widmet sich detailliert dem ersten Freizeitpark, den Walt Disney in den 1950ern aus dem kalifornischen Orangenboden stampfte.
Für die einen sind sie Kultur, für die anderen Unkultur: die insgesamt zwölf über den Globus verstreuten Disney-Parks zwischen Florida und Tokio. Während manche darin Reißbrettkitsch, cleane Artifizialität sowie die Amerikanisierung internationalen Märchen- und Sagenguts erkennen, sehen andere darin undschuldig-fantasievollen Spaß für die ganze Familie. Egal, wie man dazu steht, ein (pop-)kulturelles Phänomen sind die Parks in jedem Fall. Und wer sich für den Prototyp interessiert, die Mutter aller Disneylands also, kommt um die neue Publikation von Taschen nicht herum. „Walt Disney’s Disneyland“, herausgegeben vom Architekturexperten und Autor Chris Nichols, richtet sich denn auch dezidiert an Fans und zeichnet – prachtvoll aufgemacht und drucktechnisch in gewohnter Taschen-Qualität – ein umfangreiches Bild des Parks und seiner Entstehung.
Marketinggenie & Trickfilmkönig Walt Disney (1901–1966) ließ auf einem Orangenhaingelände im kalifornischen Anaheim Anfang der fünfziger Jahre mit einem kleinen Heer an Künstlern und Ingenieuren eine Welt entstehen, die sowohl seine berühmten Figuren von Donald bis Mickey umfasste (Fantasyland), als auch ein unterhaltsames Bild der (US)-Historie zeichnete (Main Street, U.S.A., Adventureland, Frontierland). Doch auch die Zukunft sollte nicht zu kurz kommen: Das sogenannte Tomorrowland entwarf Zukunftsszenarien und sollte Jahrzehnte später die Inspiration für einen Film mit George Clooney sein. Obwohl das von Brad Bird inszenierte Werk 2015 an der Kasse scheiterte und auch die Mehrzahl der Kritiker nicht überzeugen konnte, vermittelte der Film im Kern die Vision, die Disney vorschwebte: eine hoffnungsvolle und schöne, aber auch saubere und technisierte Zukunft. Auch – oder vielleicht gerade weil – die negativen Seiten ausgespart werden, ist das Kapitel über den Tomorrowland-Teil Disneylands das vielleicht spannendste: In diesem Abschnitt kommt der gnadenlos optimistische Geist des amerikanischen „Space Age“ der fünfziger und sechziger Jahre überaus anschaulich zum Ausdruck. Zu den interessanten Details gehört etwa, dass die ersten Raketen, die tatsächlich Menschen zum Mond beförderten, im kalifornischen Downey gebaut wurden, das nur rund dreißig Kilometer von Tomorrowland entfernt war. Auch hier lagen Realität und Imagination also sehr nahe beisammen. Und so ging es auch weiter: Am 22. Juli 1955, fast genau vierzehn Jahre vor der tatsächlichen Mondlandung, debütierte die Disneyland-Attraktion Rocket to the Moon. Die Passagiere konnten, wenn sie nach unten blickten, sehen, wie Disneyland unter ihren Füßen in der Ferne verschwand; blickten sie nach oben, schien ihnen der Mond immer näher zu kommen. Dabei ließ Disney ungeheuren Perfektionismus walten – und wollte nicht nur Illusion, sondern auch Realismus erzeugen. „Uncle Walt“ engagierte nämlich die berühmten Astrophysiker Willy Ley, Heinz Haber und Wernher von Braun, damit alles – vom Gefühl der Beschleunigung über das Dröhnen der Motoren bis hin zum 277.000 km/h schnellen Flug vorbei an einer Raumstation – wissenschaftlich fundiert war.
Wie sehr sich in Disneyland (fiktionalisierte) Historie mit der Welt der Fantasie vermischte, wird vielleicht nirgendwo so deutlich wie auf einem Foto, das eine Kantine zeigt: Dort stellen sich, in vollem Kostüm, die Darsteller eines Astronauten und eines Indianers ebenso an wie Schneewittchen und Goofy. Nicht zuletzt der reiche Schatz an Bildern (das aus Disneys eigenen Archiven sowie aus Privatsammlungen und der Presse stammt) ist es, der Disneyfans beglücken dürfte: Concept Art und Fotografien der diversen Attraktionen – darunter etwa der „Pirates of the Caribbean“-Ride – lässt keine Wünsche offen. Auch in Anaheim selbst bleiben wohl keine Wünsche offen, denn der Park erfreut sich ungebrochener Beliebtheit: 16 Millionen Menschen besuchen ihn jedes Jahr. Wer sich zu den Fans zählt und (nach Corona) einen Trip nach Kalifornien plant, dem wird das Buch ein guter Führer sein.
