Es war einmal … in Cannes
Jedes Filmfestival hat sein „Hot Ticket“, den einen Film, den alle unbedingt sehen wollen, komme, was wolle. Zumeist handelt es sich dabei um den letzten Schrei aus Hollywood, das jüngste Werk eines Kultregisseurs oder die mit größter Spannung erwartete angebliche Kinosensation des Jahres. In Cannes kam am Dienstagabend all das zusammen. Und wenn um einen Film vorab so ein Hype herrscht, wie um Quentin Tarantinos Once Upon a Time in Hollywood, dann können auch Filmkritiker schon mal ihre gute Kinderstube vergessen. Denn natürlich wollten sich am Dienstagabend nur wenige der über 4000 in Cannes akkreditierten Berichterstatter die Chance entgehen lassen, den staatsgeheimnishaft behüteten Film als erste auf der ganzen Welt zu sehen. Allerdings verfügt der für die Pressevorführung vorgesehene Kinosaal nur über knapp 1000 Plätze. Ein paar Kollegen gaben denn auch gleich w.o., um sich den Stress zu sparen und ihre Würde zu wahren. Andere standen angesichts des in Cannes herrschen Hierarchiensystems am Einlass über vier Stunden vor Vorstellungsbeginn in der Schlange – und zwar ohne zu wissen, ob sie es am Ende tatsächlich bis in den Saal schaffen würden. Denn die Elite hat Vorrang in Cannes. Das gilt nicht nur für den roten Teppich, sondern fängt bei den reichlich unglamourösen Pressevisionierungen an.
Hatte man es am Ende quasi unter Lebensgefahr in den Salle Debussy geschafft, war nicht nur die Erleichterung groß, sondern schoss auch die Erwartungshaltung noch einmal ein Stück weit nach oben. Ein Gruß des Regisseurs, übermittelt von einer freundlichen Mitarbeiterin des Festivals, tat sein Übriges. Darin appellierte Tarantino, wie bereits tags zuvor auf Twitter, erneut an die Journalisten, in ihren Besprechungen möglichst wenig über den Film zu verraten. Ob man aber durch Spoiler jemandem tatsächlich den Spaß verderben kann an diesem Film, darüber scheiden sich seit Sichtungsende nun die Geister.
Bevor man sich ins eine oder andere Kritikerlager schlägt, kann man Tarantino zunächst einmal zu Gute halten, dass seine Hommage an die US-amerikanische Filmindustrie mit so viel Liebe und Leidenschaft gedreht ist, wie man es von dem heute 56-Jährigen nicht anders erwartet hätte. Tarantino ist ein Kind Hollywoods und seit Pulp Fiction nicht mehr aus dem Betrieb wegzudenken. Und wenn er sich dafür jetzt mit einem filmischen Liebesbrief bedankt, kann man ihm das keinesfalls verübeln. Die endlose Begeisterung Tarantinos für alles, was Hollywood einmal war, färbt leicht ab und sorgt dafür, dass ein Funke an Emphase überspringt, noch bevor sein Film überhaupt richtig die Augen aufschlägt.
Die Geschichte, in die Tarantino seine Hollywood-Euphorie einbettet, spielt in jenem Sommer 1969, in dem die Schauspielerin Sharon Tate und drei Freunde in ihrem Haus von Mitgliedern der Manson-Family ermordet wurden. Freilich nimmt sich der Film jede Menge Zeit, zu diesem Punkt zu kommen. Zunächst dreht sich alles um Leonardo DiCaprios abgehalfterten Serienstar Rick Dalton und seinen Stuntbuddy Cliff Booth (Brad Pitt), die zusammenhalten wie Pech und Schwefel. Gemeinsam kurven sie durch die Stadt der Engel, cruisen von einem Filmset zum nächsten, verweilen hier, schauspielern ein bisschen dort, bis Cliff irgendwann auf der Spahn Ranch landet, auf der Charles Manson und seine Blumenkinder damals Quartier bezogen hatten. Die Szene gehört zu den stärksten Momenten des Films und Tarantino setzt natürlich alles daran, diesen Moment lange auszukosten.
Überhaupt kostet er aus, was geht, weshalb Once Upon a Time in Hollywood auch nicht ohne Abstriche zu empfehlen ist. Mit hunderteinundsechzig Minute Laufzeit ist er beispielsweise gefühlt eine Dreiviertelstunde zu lang. Hartgesottene Fans des Regisseurs dürfte das nicht weiter stören, zumal Tarantino nie unter zwei Stunden wegkommt. Und vielleicht sieht der Film, wenn er in die Kinos kommt, auch noch einmal ganz anders aus, schließlich musste Tarantino sich ordentlich sputen, das Ganze pünktlich zum Festivaltermin fertig zu schneiden. Das Ergebnis bislang kann sich jedenfalls durchaus sehen lassen.
Tarantino war übrigens nicht der Einzige, der sich vor der Pressevorführung offiziell mit einem Brief an die Presse wandte. Auch der Koreaner Bong Joon-ho bat die Journalisten um Rücksichtnahme, wenn es darum geht, Plot-Twists und andere Wendungen, die sein neuer Film nimmt, zu enthüllen. Und auch ihm erfüllt man diesen Wunsch gern. Denn Parasite ist, jedenfalls nach Meinung der „ray“-Cannes-Bloggerin, einer der besten Wettbewerbsbeiträge in diesem Jahr. Je weniger man also über die beiden besprochenen Filme weiß, um so besser. Es heißt also abwarten, bis die Filme ins Kino kommen, und sich dann selbst ein Bild machen. Das Warten lohnt sich. Versprochen!
