Hans-Christian Schmid entführt den Zuschauer in das Treibhaus Familie.
Alles scheint perfekt in dieser prototypischen westdeutschen Familie, die mitten im Herzen der alten Bundesrepublik lebt, und die sowohl optisch als auch lebenstechnisch allen Klischees einer gutbürgerlichen Familie entspricht. Der Vater Günther (Ernst Stötzner) ist ein erfolgreicher Verleger und hat zuhause die Hosen an, während die Mutter Gitte (Corinna Harfouch) seit Jahren an Depressionen leidet – Madame Bovary lässt grüßen. Auch ihr Haus ist ganz dem Bild der intellektuellen Familie enstprechend stil-sicher mit Designermöbeln ausgestattet: Eames Chair, silberne Edelstahlküche, ein schwarzes Klavier und natürlich mit jeder Menge Büchern in den Regalen. Man will ja zeigen, was man weiß. Ja, selbst das obligatorische Erinnerungsstück an die alte wilde Zeit haben die beiden in Form ihres R4 in der Garage stehen. Auch die Söhne scheinen gut geraten: Marko (Lars Eidinger) hat gerade seinen ersten Roman veröffentlicht, und Jakob (Sebastian Zimmler) arbeitet als Zahnarzt.
Dass die großbürgerliche Fassade schon längst angefangen hat zu bröckeln, das bemerken sie erst, als Gitte während eines Besuches von Marko und seinem Sohn ihre Antidepressiva absetzt. Woraufhin die akribisch konstruierte Familienhierarchie in sich zusammenbricht. Doch geht es in Schmids Film nur vordergründig um diese Familie. Vielmehr geht es um den Zerfall der alten Bundesrepublik, für die jene Gegend rund um die alte Bundeshauptstadt Bonn exemplarisch steht und deren Geist die Figur Günthers in seinem ganzen Habitus, vor allem aber in seinem Wunsch nach einer Konservierung des Ist-Zustands verkörpert. Dass sich die Veränderungen schon längst in sein Leben eingeschlichen haben, das ignoriert Günther genauso wie die Tigermaske, die sein Enkelsohn fast den ganzen Film über trägt. Oder die Schulden, die sein Sohn Jakob wegen fehlender Patienten anhäuft.
Wie ein eingespieltes Team, in dem jeder seine Rolle perfekt beherrscht, lässt Schmid diese Familie auf ihrer Bühne, dem schicken weißen Siebzigerjahre-Bungalow, um sich kreisen. Dabei liegt die ganze Zeit durch die Enge der Räume, der Sattheit der Farben, der vorgefertigten Meinungen und klar definierten Rollen innerhalb der Familie eine Beklommenheit über dem Geschehen, die förmlich nach Ausbruch schreit. Es gibt nur einen kurzen Moment, in dem alle ihre Rolle fallen lassen und zeigen, wer sie wirklich sind. Als sie gemeinsam am Klavier stehen und voller Inbrust Charles Aznavours deutschen Hit „Du lässt dich geh’n“ schmettern. Genau in diesem Moment wirken sie das einzige Mal wie eine glückliche Familie.
