Was sehen wir, wenn wir in die Kamera blicken?
Schulkinder verlassen die Wissensfabrik. Vor dem irgendwann leeren, noch offenen Schultor kollidieren später vier Menschenbeine, ein Buch wird fallen gelassen, Liebe liegt sogleich in der Luft. Die beiden werden uns als ein Fußballer und eine Medizinstudentin vorgestellt, sie selbst verabreden sich beim zweiten Zufallstreffen des Tages für den darauffolgenden Abend in einem Café. Was sehen wir, wenn wir zum Himmel schauen? wird gefragt in einem Sommer in Kuitassi, der drittgrößten Stadt Georgiens und nimmt nach dieser schicksalhaften Erstbegegnung nicht einfach nur eine Wendung, sondern sprießt in die verschiedensten Richtungen: Regisseur Alexandre Koberidze analysiert mit Freuden das Fußballschau-Verhalten von Straßenhunden, begleitet ein Filmteam bei einem Langzeitdokuprojekt und widmet sich mit Hingabe Arbeitsroutinen und am Asphalt kickenden Kindern. Weltmeisterschaft ist auch noch, in dieser „gewaltsamen Zeit“, in der der allwissende Erzähler das Geschehen verortet. Raum für all das gibt es aber nur, weil die sich anbahnende Romanze von einem mysteriösen Fluch im Keim erstickt wird: Lisa und Giorgi, so heißen sie, wachen am Morgen beide mit verwandelter äußerer Erscheinung auf und verlieren obendrein jeweils ihre größte Begabung. Da das für das Date angedachte Café notgedrungen der neue Arbeitsplatz beider wird, warten die beiden fortan nebeneinander aufeinander, ohne zu wissen, dass sie einander schon gegenüberstehen.
Was ist das nur für ein leichtfüßig seltsamer Film geworden? Seine vielen gestalterischen Kunstgriffe sind gar noch doppelbödig – als er sein Publikum einmal dazu auffordert, kurz die Augen zu schließen, wechselt Koberidze gar von den schönen 16mm-Bildern ins nicht minder wundervoll die Szene setzende Digitale. Fiktiv ist ohnehin alles hier, also wollen wir auch alles glauben, was sie erleben, die verzauberten Menschen, die sich nun unter neuen Bedingungen finden müssen. Die wohlwollende Märchenstimme navigiert durch das uns permanent um den Finger zu wickeln versuchende, entscheidend Beiläufige, das ungeniert die vielen Wunder des Kinos streift, selbst Stummfilm-Frivolität zwanglos beschwört. Einmal wird es überraschend laut – die von Giorgio Moroder geschriebene Hymne für die WM 1990 kommt prominent zum Einsatz, aus dem Text lässt sich herausschälen: „einem Tor/Ziel nachjagen / unter dem Himmel / eines Sommers“. Das ist es. Leder und Lovestory gehen kurzweilig Hand in Hand in dieser schwerelosen Geschichte über das Sich-selbst-im-Anderen-Sehen und diese „magischen Nächte“, in denen alles möglich ist.
