Munich Games

Filmfestival

Was zu erwarten ist

| Alexandra Seitz |
Das 39. Filmfest München, findet endlich wieder im Kino statt.

Cannes kann sich von München eine Scheibe abschneiden. 70 Prozent der im Wettbewerb CineVision antretenden Regiearbeiten werden von Frauen verantwortet, in der Sektion Neues Deutsches Kino sind es 60 Prozent. So verkündet es stolz Christoph Gröner, Künstlerischer Leiter des Münchner Filmfests, in einer Pressemitteilung von Anfang Juni (und schweigt vornehm über den Rest). Da wir schon bei den Zahlen sind: 120 Filme aus 52 Ländern, davon 35 Weltpremieren, gibt es von 23. Juni bis 2. Juli im Rahmen der 39. Ausgabe zu sehen, die zu diesem Behufe wieder vollumfänglich in die Kinosäle zurückkehrt. (Mit Schrecken erinnern wir uns an das letztjährige, pandemiebedingt weitgehend Open Air anberaumte Event, das dank des Münchner Mistwetters doch recht ungemütlich-feuchtkalt ausgefallen war.)

Nunmehr aber Bahn frei für Virusvariante und Kinogenuss! Die Eröffnungsgala wird bestritten vom frisch mit Cannes-Ruhm bekleckerten, dort in der Sektion Un Certain Regard uraufgeführten Anti-Kitsch-Kostümfilm Corsage von Marie Kreutzer; für ihre Darstellung der Kaiserin Elisabeth in ihrem 41. Lebensjahr wurde Vicky Krieps – die derzeit gefühlt in jedem zweiten Film mitwirkt, was einerseits super ist, andererseits aber auch nicht – als Beste Darstellerin ausgezeichnet. Krieps spielt, was das Zeug hält und macht dem Sisi-Teufel Feuer unterm Arsch, während Kreutzers Regiekonzept unter der Maßgabe emanzipatorischer Ermächtigung ein paar interessante Maschen zwar, aber nichtsdestotrotz weiter am Mythos strickt. Apropos ausgezeichnete Frauen: Für ihre schauspielerischen Verdienste erhält Alba Rohrwacher im Rahmen der diesjährigen Filmfest-Festivitäten den CineMerit Award und präsentiert bei dieser Gelegenheit ihren aktuellen Film, Laura Bispuris Il paradiso del pavone (Das Pfauenparadies). Und Doris Dörrie wird mit einer Hommage geehrt und stellt im Zuge dessen ihr neues Werk Freibad vor.

Weil wir’s aber eben noch mit Österreich hatten: In der ohnehin immer sehr lohnenden Reihe Neues Deutsches Kino ist endlich mal wieder Christopher Roth, dem 2002 mit Baader ein fulminanter Beitrag zum Deutschen Herbst 1977 gelungen war, vertreten, und zwar mit Servus Papa – See You in Hell, einem Spielfilm über Otto Mühls zweifelhafte Kommune; es spielen unter anderem Clemens Schick und Aenne Schwarz. Dokumentarisch-experimentell hingegen, in einer Montage aus Archivmaterial, Off-Texten und O-Tönen, nähert sich Claudia Müller ihrem Gegenstand: der Literatur Elfriede Jelineks in Elfriede Jelinek – Die Sprache von der Leine lassen. Währenddessen Burgschauspieler Nicholas Ofczarek die Titelrolle in Michael Krummenachers Der Räuber Hotzenplotz übernommen hat und zum Auftakt des Kinderfilmfestes die Kaffeemühle der Großmutter stehlen wird; er wird damit auch diesmal nicht ungeschoren davonkommen, Burg hin oder her.

Das Spotlight der gleichnamigen Sektion richtet sich derweilen auf Adrian Goiginger, der auf Die beste aller Welten (2017) endlich den mit Johannes Krisch und Verena Altenberger hochkarätig besetzten Märzengrund über einen Einsiedler auf einer Hochalm in den Tiroler Alpen folgen lässt. Altenberger wiederum hat auch die Hauptrolle in Dominik Grafs Gesicht der Erinnerung inne, eine der neuen deutschen Fernsehproduktionen, die im Rahmen des Münchner Filmfestes traditionellerweise mit nicht wenig Glanz und Gloria auf der Leinwand erstrahlen dürfen, bevor sie in der Glotze versendet werden. Und freilich sitzt auch München seit einigen Jahren mit auf dem Serienzug und präsentiert jeweils ein paar Folgen neuer potenzieller Binge-Ware; diesmal mit dabei: Thomas Schubert, der neben Matthias Brandt in der Seriensatire King of Stonks so mancherlei Finanzbranchen-typische Unbill zu ertragen hat. Während Unbill ganz anderer Art sich in der Politthriller-Serie Munich Games ankündigt: Rund um ein Freundschaftsspiel zwischen einem israelischen und einem deutschen Fußballklub, das im Rahmen der Gedenkfeiern zum 50. Jahrestag des Münchner Olympia-Attentats von 1972 stattfinden soll, verdichten sich die Gerüchte um einen geplanten Terroranschlag. Ein altes Trauma erhebt sein hässliches Haupt, während deutsche und israelische Sicherheitsbehörden versuchen zu verhindern, dass die Geschichte sich wiederholt.

Stichwort Terror: Ende März 2022 wurde der 1976 in Litauen geborene Filmemacher Mantas Kvedaravičius in Mariupol, wo er die russische Invasion in die Ukraine dokumentierte, gefangen und getötet. Mariupolis 2 wurde posthum aus den über die Grenze geschmuggelten, bis dahin entstandenen Aufnahmen montiert. Ein Vermächtnis, eine Mahnung, ein Denkmal. Ein Muss.