Watching You – Die Welt von Palantir und Alex Karp

Filmstart

Watching You – Die Welt von Palantir und Alex Karp

| Oliver Stangl |
Der Große Bruder sieht dich.

Alex Karp, Jahrgang 1967, ist der Sohn von Hippie-Eltern. Aufgewachsen in Philadelphia, machte er seinen Abschluss in Rechtswissenschaften in Stanford und promovierte an der Goethe-Universität in Frankfurt in Sozialtheorie. Nicht unbedingt ein 08/15-Lebenslauf, aber auch noch nichts allzu Außergewöhnliches. Doch dann gründete Karp im Jahr 2007 gemeinsam mit dem deutsch-amerikanischen Investor Peter Thiel das auf Datenanalyse spezialisierte Software-Unternehmen Palantir Technologies. Die Tools des Unternehmens, das schnell Milliarden wert war, werden von US-Behörden ebenso eingesetzt wie von europäischen (u. a. ist das Innenministerium Hessens Kunde). Pharmakonzerne und Unternehmen wie Airbus – die Software kann während eines Langstreckenfluges 900.000 Parameter messen – nutzen Palantir ebenfalls. Viele Firmen konnten durch Daten-Bündelung ihre Arbeitsabläufe effizienter gestalten, doch die kontroverseste Software, die den Namen „Palantir Gotham“ trägt, findet neben Betrugsbekämpfung hauptsächlich im Anti-Terror-Kampf Verwendung. Für die „Süddeutsche Zeitung“ gehört Palantir zu den umstrittensten Firmen aus dem Silicon Valley; beim deutschen Big Brother Award 2019 wurde die Firma als Hauslieferant von CIA, FBI, NSA & Co. bezeichnet: „BigData for BigBrother.“

Der preisgekrönte deutsche Dokumentarfilmer Klaus Stern hat nun ein Porträt Karps und Palantirs gedreht – kein leichtes Unterfangen, gelten die Firma und ihr Mitgründer doch als sehr geheimnisvoll. Es gelingt Stern aber immerhin in Ansätzen, mit Hilfe von Weggefährten (etwa Kameramann Thomas Giefer, der mit Karp 1997 einen fiktiven Film drehte), Ex-Mitarbeitern, Journalisten und Panel-Mitschnitten, das Bild eines überaus widersprüchlichen Mannes (und seiner Beziehungen zu Deutschland) zu zeichen. Während jüdische Demonstranten finden, dass Karp, selbst Jude, Reue zeigen und aus der Geschichte lernen sollte, sinniert dieser darüber, dass er als junger Mann vielleicht selbst gegen Palantir demonstriert hätte – schließlich würden seine Daten teils dazu verwendet, Menschen zu töten. Auch Einblicke in die Freundschaft des rechts stehenden Thiel und des sich als links sehenden Alex Karp gibt es. Karp meint, dass er öfter mit Thiel streite – die Gegensätze scheinen dem Unternehmertum aber nicht im Wege zu stehen. Während Karp in vielem rätselhaft bleibt, macht der Blick auf Palantir deutlich, wie komplex das Thema Datenverarbeitung ist – von Effizienz bis Machtmissbrauch („predicitve policing“ lässt an Minority Report denken). Dass eine Einzelfirma global derart einflussreich ist, darf schon beunruhigen. Ein formal etwas fragmentierter, aber interessanter Blick ins Herz der Daten-Macht, der allerdings ohne Musikuntermalung noch besser gewesen wäre.