In seinem monumentalen Dokumentarfilm „Watergate“ rollt Charles Ferguson die Hintergründe des größten politischen Skandals in der Geschichte der USA minuziös auf – mit Hilfe einer stattlichen Anzahl prominenter Zeitzeuginnen und -zeugen.
Charles Henry Ferguson, geboren 1955 in San Francisco und studierter Politikwissenschaftler, gilt, so nebenbei, als einer der Internet-Software-Pioniere, der seinen gemeinsam mit Randy Forgaard entwickelten HTML-Editor FrontPage im Jahr 1995 um satte 133 Millionen Dollar an Microsoft verkaufte. Sein wahres Interesse galt jedoch dem Film, und 2007 stellte er mit No End in Sight seinen ersten Dokumentarfilm über die Situation im Nachkriegs-Irak fertig und erhielt dafür eine Oscar-Nominierung. Inside Job (2010) über die Hintergründe der globalen Finanzkrise von 2008 wurde mit dem Oscar als Bester Dokumentarfilm ausgezeichnet. Zwei weitere Projekte, ein Dokumentarfilm über Julian Assange für HBO und einer über Hillary Clinton, scheiterten jedoch, letzterer vor allem deswegen, weil man ihn, so Ferguson, massiv bei der Arbeit behinderte – und zwar Demokraten und Republikaner gleichermaßen, vom Clinton-Umfeld ganz zu schweigen. 2015 entstand schließlich Time to Choose über den Klimawandel; als Erzähler fungierte Oscar Isaac.
Keine Frage: Charles Ferguson hat sich auf die „hot topics“ spezialisiert, agiert also quasi populistisch. Kennzeichnend für seine Dokumentarfilme, und insbesondere seinen neuen, ist jedoch, dass sie ausgesprochen sorgfältig recherchiert sind und jeweils mit einem beeindruckenden Line-up an Menschen aufwarten können, die tatsächlich etwas zu sagen haben. Mit puristischer dokumentarischer Arbeit, wie etwa von Frederick Wiseman, hat das naturgemäß wenig zu tun, bei Ferguson dominieren die „talking heads“, die untermauern, was ohnehin gerade gezeigt wurde oder demnächst gezeigt wird. Mögen die Filme also in formaler Hinsicht nicht besonders avanciert sein, punkten sie dafür mit ihrem Inhalt und mit dem großartigen Material, das sie vor der Zuschauerin und dem Zuschauer ausbreiten. Dabei scheint es für den Filmemacher-Millionär kein Limit zu geben – das Material etwa, das er in Watergate verarbeitet, war bestimmt nicht billig. Als Budget für den Film wird bei der International Movie Database 4,5 Millionen Dollar angegeben, und das ist selbst für einen Dokumentarfilm dieser Dimension ziemlich stattlich.
Es ist natürlich kein Zufall, dass dieser Film über die an und für sich gut dokumentierte Watergate-Affäre genau jetzt (bzw. vorigen Herbst, als er beim Telluride Film Festival Premiere hatte) erscheint, genauso wenig wie die zahlreichen Spielfilme, die sich in den letzten Monaten und Jahren wieder vermehrt mit aktueller US-amerikanischer Politik, aber vor allem mit der Politik der siebziger Jahre beschäftigten: Truth; Mark Felt: The Man Who Brought Down the White House; The Post und zuletzt Vice (siehe S. 24). Man muss schon sehr ignorant oder unwillig sein, um die von Ferguson gezogenen Parallelen zwischen Richard Nixon und Donald Trump nicht zu sehen, obwohl der Filmemacher es sorgfältig vermeidet, den aktuellen Präsidenten auch nur in einem Nebensatz zu erwähnen. Erst ganz zum Schluss, wenn es eigentlich nicht mehr nötig wäre, weil die Fakten ohnehin überdeutlich für sich sprechen, um nicht zu sagen: schreien, wird das berühmte – hier leicht abgewandelte – Zitat des spanischen Philosophen George Santayana eingeblendet: „Die, die aus der Geschichte nicht lernen, sind dazu verdammt, sie zu wiederholen.“
Alle, die mit der Watergate-Affäre nicht so vertraut sind, bekommen hier in der geballten Wucht von 262 Minuten, die prall gefüllt sind mit historischem Bild- und Filmmaterial und zahlreichen Statements, eine Art Crash-Kurs. Und jenen, die im Wesentlichen wissen, worum es geht, offeriert der Film eine Vertiefung ihrer Kenntnisse. Dafür bietet Ferguson eine illustre „Besetzung“ auf, die das Geschehen noch einmal und wohl gründlicher als je zuvor kommentiert. Dazu gehören nicht nur die bekannten „Aufdecker“, die beiden Journalisten Carl Bernstein und Bob Woodward, sondern auch zahlreiche andere Protagonisten der Causa: der Friedensaktivist Daniel Ellsberg (heute 87), der durch die Weitergabe der sogenannten „Pentagon Papers“ an die Presse die Machenschaften des Verteidigungsministeriums und dessen Lügen und Vertuschungsmaßnahmen in Bezug auf den Vietnamkrieg öffentlich machte; John Dean (80), mit kaum mehr als 30 Jahren Rechtsberater und enger Vertrauter der Nixon-Administration, der mit seinen Aussagen vor einem Senatsausschuss das ganze Ausmaß des Skandals erst erkennen ließ; Morton Halperin (80), der als Mitarbeiter von Sicherheitsberater Henry Kissinger die Tatsache, dass die USA 1969 – ohne dem Land jemals den Krieg erklärt zu haben – Kambodscha bombardierten, an die Presse weitergab und fürderhin massiv bespitzelt wurde („a scandal would be helpful“, wie Nixons Berater Charles Colson auf der sogenannten „Feindesliste“, die 20 Namen umfasste, schrieb); Elizabeth Holtzman (77), die als Mitglied des Justizausschusses intensiv an der Vorbereitung des Amtsenthebungsverfahrens gegen Nixon mitarbeitete; Dan Rather (87), langjähriger CBS-Korrespondent im Weißen Haus, der mit seiner hartnäckigen Arbeit und seinem erbitterten Widerstand gegen alle Einschüchterungsversuche maßgeblichen Anteil an der Aufdeckung der Affäre hatte (im Spielfilm Truth, 2015, wird er von Robert Redford dargestellt), und noch viele andere mehr. Besonders berührend ist der Auftritt des im Sommer 2018 verstorbenen republikanischen Ex-Präsidentschaftskandidaten John McCain, der den bemerkenswerten Satz sagt: „One thing we politicians are very good at, is kidding ourselves about how well-liked we are.“
Eine entscheidende Frage ist: Wird einem die Person Richard Nixon nach diesem x-ten filmischen Psychogramm verständlicher? Was hat einen überdurchschnittlich intelligenten, politisch versierten, nach außen hin verbindlichen und redegewandten Mann bewogen, sich sehenden Auges (?) in ein Schlamassel gigantischen Ausmaßes zu begeben und eine Anzahl seiner treuesten Mitarbeiter mit in den Abgrund zu reißen? Glaubt man dem Film, dann wurzelt vieles davon in Nixons Jugend: Er, der Hochbegabte, hatte ein Stipendium für Harvard, seine Eltern, die Quäker waren, konnten sich die Nobeluni dennoch nicht leisten – oder sie war ihnen zu „weltlich“. Nixon besuchte das Whittier College. Er hasste Hitler, er hasste Kommunisten (und spielte eine unrühmliche Rolle in den Untersuchungen gegen „un-amerikanische Umtriebe“ in den vierziger und fünfziger Jahren) und vor allem – so der Film – hasste er das liberale Establishment, allen voran reiche Familien von der Ostküste wie die Kennedys. Das verwundert nicht, schließlich verlor er 1960 das Rennen um die Präsidentschaft knapp gegen John F. Kennedy. Ob das reicht, um seine Machenschaften als Präsident – er wurde 1968 dann doch gewählt, unter anderem ob seiner Versicherung, er werde den Vietnamkrieg beenden – zu erklären, sei dahingestellt. Dass er im Oval Office Abhörvorrichtungen installieren ließ, von denen lange Zeit nur er und der zuständige Techniker wussten, deutet auf massive Paranoia hin. Umso irrwitziger, rätselhafter und größenwahnsinniger erscheint es, dass er offenbar nie daran dachte, dass diese Aufzeichnungen einmal gegen ihn verwendet werden könnten. Und seine verbalen Ausfälle, u.a. gegen „die Juden“, die die Demokratische Partei und die großen Medien unterstützen, machen ihn nicht sympathischer. Charles Fergusons einzige Fehlentscheidung besteht wohl darin, dass er einzelne Gespräche zwischen Nixon und seinen Teammitgliedern, die sich auf den berühmten „Watergate Tapes“ befinden und – so der Regisseur – akustisch schwer verständlich seien, nachspielen lässt. Leider sind diese Szenen so schlecht und hölzern gespielt, dass man sich wünscht, die Tonband-Passagen würden einfach nur vorgelesen.
Stichwort Medien: Die offensichtlichste Parallele zwischen Richard Nixon und Donald Trump, auch wenn sie ja nie explizit angesprochen wird, ist der brachiale Feldzug gegen unliebsame Zeitungen und Fernsehsender, deren Verantwortliche allerdings seinerzeit aus einem harten Holz geschnitzt waren: Senderchefs, Redakteure, Zeitungsverlegerinnen und -verleger (man denke an Meryl Streep als Kay Graham in The Post) sowie Journalisten vom Kaliber eines Dan Rather dachten nicht einmal im Traum daran, den Einflüsterungen und Einschüchterungen aus dem Weißen Haus nachzugeben. „We worked on it 24/7“, sagt Carl Bernstein in Charles Fergusons Film über sein und Bob Woodwards Engagement in der Watergate-Sache, und das kann man so auch für die anderen Journalisten annehmen. Der Journalismus als Vierte Gewalt im Staat – das war damals noch Realität und nicht bloßes Wunschdenken. Insofern ist Watergate nicht nur ein Film über die politische Geschichte der USA, sondern auch einer über die des Journalismus.
Charles Ferguson, so hört man, wird als Nächstes einen Film namens Men produzieren, bei dem die Singer/Songwriterin und politische Aktivistin Laura Dawn Regie führen soll. Man kann sicher sein, dass es sich dabei um ein weiteres heißes Eisen handeln wird.
