Casting Tapes
Casting Tapes

Sommerkino

Weibliche Spiegelungen

| Jakob Dibold |
Das Programm „I'll Be Your Mirror“ beim dotdotdot Open Air Kurzfilmfestival

Schauspielerin: Rolle, Bild, Perspektive, Beruf. Fünf Arbeiten fühlen dem Topos Aktrice auf den Zahn, hinterfragen Funktionsweise, situatives Erleben und Machtverhältnisse. dotdotdot präsentiert einen Abend, der die mit dem Schauspielberuf verbundenen Lebensrealitäten ausleuchtet. Am Anfang des Abends, der durch wetterbedingte Verschiebung das Festivalfinale bedeutet, steht mit Patision Avenue eine rasante One-Shot-Reise durch Athen, in der eine ohnehin schon Casting-gestresste Schauspielerin mit ihrer dem Darstellerischen ebenbürtigen Hauptrolle als Mutter konfrontiert wird. Am Handy der Sohn, vor Augen der Job, zusätzlich ausbrechende Unruhen in der Stadt. Clarissa Thiemes Resort ist weniger actiongeladen als Thanasis Neofotistos’ Film, breitet den fremdbestimmten Berufsalltag mehr aus, folgt der ständigen Schwebe seiner Protagonistin (Kathrin Resetarits) — am Weg zum Casting, in die Probe, durch die Anweisungen der Regie. Dann geht es direkter ins Phänomen Casting: Casting Tapes (R: Ulrike Putzer & Matthias van Baaren) sucht für die Rolle einer erfolglosen Schauspielerin und macht die vorsprechenden Bewerberinnen sogleich zum Teil des Films. Ebenso ein bestimmtes Verhältnis untersuchend, doch weniger halb-dokumentarisch geht Dustin Guy Defa mit Dramatic Relationships vor. Die dramatischen Beziehungsszenen werden fortlaufend von nüchterner, männlicher Direktions-Kritik unterbrochen. Enervierend, entlarvend, einsichtig. The Velvet Underground und Nico untermalen den experimentellen Abschluss des Abends: Jesse McLeans I’m in Pittsburgh and It’s Raining lässt mit medial diversem Found Footage die Grenzen zwischen realer und fiktionaler (Lebens-)Welt eines Body Doubles und Stand-Ins.