Ein Wirtschaftsplatz als symbolträchtige Verdichtung globalisierter (Macht-)Verhältnisse
Die Zustände auf der Welt sind bekanntermaßen schlimm; Zahlreiche Dokumentarfilme tun dies mit Leichenbittermiene und erhobenem Zeigefinger kund. Auch Welcome to Sodom nimmt einen solchen Missstand aufs Korn – einen von der haarsträubend himmelschreienden, buchstäblich atemberaubenden Sorte –, verzichtet dabei jedoch zur Gänze auf mühsames Betroffenheitspathos. Wer Augen hat, zu sehen, sieht ohnehin, dass der porträtierte Ort auf immer verloren ist und die Menschen, die dort arbeiten, dem Tod geweiht sind.
Die österreichischen Dokumentaristen Florian Weigensamer und Christian Krönes filmen in Agbogbloshie am Rande von Accra, Ghana, wo jährlich 250.000 Tonnen illegal aus Europa ausgeführten Elektroschrotts, tja, nicht wirklich recycelt, aber in Einzelteile zerlegt oder zu Klump geschlagen werden, vieles geht auch in Flammen auf. Die Kabelbrenner stehen in der mafiös organisierten Hierarchie ganz oben; Frauen sind, wie immer, für die Versorgung zuständig. Dazwischen Ziegen und Rinder, die auch immer noch irgendwo irgendetwas Brauchbares aus den Müllbergen ziehen. Sowie kleine Kinder, die den in schwarzen Schwaden stehenden Männern das kühlende Wasser verkaufen.
Schlimm ist gar kein Ausdruck für die gezeigten Zustände, denn noch schlimmer geht es nicht – doch für diese Erkenntnis braucht es keine erklärende Aktivisten-Voiceover. Also lassen Weigensamer und Krönes stattdessen einige der Protagonisten – deren Vertrauen sie im Zuge von Recherche-Aufenthalten geduldig gewannen – aus dem Off von ihrem Leben und von ihren Hoffnungen erzählen: Ein Mädchen, das sich als Junge tarnt und Metallpartikel sammelt, ein Homosexueller aus dem Nachbarland, der für die Plastiktüten zuständig ist, eine alleinstehende Mutter, die den Wasserverkauf organisiert. Währenddessen verändern sich die solcherart unverurteilten Bilder und geben Einblick in eine post-apokalyptische Ökonomie von Selfmademen, die eine Geschäftsgelegenheit zu ergreifen wissen, so sie sich denn bietet.
Soweit das Auge reicht: mögliche Deals. Nur am Rande dieser höllischen Kloake steht ein irrer Prediger und warnt mit prophetischem Furor vor dem Zorn Gottes, der dermaleinst auf Sodom niederfuhr und der auch dieses Mekka des freien Unternehmertums dem Erdboden gleichmachen wird. Agbogbloshie ist einer der Orte, an dem die Menschen von Europa träumen – es zeigt sich ihnen auf den Fotos in den weggeworfenen Smartphones. Sie wollen dorthin, wo der Müll herkommt. Wer könnte es ihnen verdenken?
