Rainer Werner Fassbinders selten gezeigter Fernseh-Zweiteiler „Welt am Draht“ erlebt seine überfällige DVD-Veröffentlichung in vorbildlicher Restaurierung.
Eine mondäne Cocktailparty, etwa 1973. Die Kamera gleitet langsam an Männern und Frauen mit schönen Körpern vorbei, die in den Indoor-Swimmingpool springen. Andere stehen in eleganter Abendgarderobe an der Bar; im Hintergrund sorgen das Geschehen observierende Männer mit Hüten für Geheimagentenflair Marke frühe Siebziger Jahre. Als die Kamerafahrt bei einem athletischen Mann im Smoking endet, fragt man sich, ob nun eine Art Bond in die Handlung eingeführt wird. Doch so einfach sind die Dinge nicht. Seltsam starr agieren die Menschen; die Mimik ist reduziert, die Bewegungen wirken unnatürlich, die Sprache gestelzt. Die Kleidung, das Interieur sehen auf den ersten Blick aus wie in den frühen Siebzigern, aber irgendwie doch nicht ganz. Der Mann im Smoking heißt Dr. Fred Stiller (Klaus Löwitsch) und ist nicht Geheimagent, sondern Wissenschafter. Er hat das Computersystem Simulacron mitentwickelt, eine virtuelle Simulation der realen Welt, auf deren Basis man sich Aufschlüsse über zukünftige ökonomische und politische Entwicklungen erhofft. Seit dem mysteriösen Tod seines Vorgängers Vollmer (Adrian Hoven), der kurz vor seinem Ableben davon sprach, einer furchtbaren Wahrheit auf die Spur gekommen zu sein, ist er der neue Leiter des Instituts für Zukunftsforschung. Stiller scheint der menschlichste unter den Partygästen zu sein. „Das sind keine Muskeln, das ist Watte.“, lässt er etwa eine starrgesichtige Frau im Cocktailkleid (Christine Kaufmann in einem Miniauftritt) wissen, die ihm die Arme auf die Schultern legt. Der Sicherheitschef des Instituts, Lause (Ivan Desny), will Stiller etwas Dringendes mitteilen, doch der Mann verschwindet vor seinen Augen spurlos von der Party. Außer Stiller kann sich bald niemand mehr an die Existenz Lauses erinnern, weder Bekannte, noch Kollegen, noch Behörden. Während Stiller versucht, gegen die Intrigen der Stahlindustrie anzukämpfen, die Simulacron für rein kommerzielle Zwecke nutzen will, gerät er mehrmals in Gefahr. Handelt es sich um Anschläge oder Unfälle? Von hinterlassenen Botschaften Vollmers sowie den philosophischen Implikationen des Weltsimulationsmodells immer mehr in den Bann gezogen, zieht Stiller schließlich immer stärker in Zweifel, dass seine Welt die reale ist – lebt er ebenfalls nur in einer Simulation? Oder leidet er unter Wahnvorstellungen? Und welche dieser Wahrheiten wäre die Schrecklichere?
Das Leben ein Traum?
Die Frage, ob wir in einer künstlichen Welt leben, ob unsere Existenz vielleicht nur ein Traum ist, wird seit der Antike gestellt und ist ein beliebtes Motiv im Science-Fiction-Genre. David Cronenberg etwa gelang mit eXistenZ (1999), in dem Videogamer sich direkt ins Geschehen einklinken können und am Ende nicht mehr recht wissen, ob sie noch in der Welt des Spiels sind, eine gelungene Variation dieser Thematik. Am populärsten wurde dieser Topos jedoch in der Matrix-Trilogie der Brüder Wachovski verhandelt. Dort kämpft eine Gruppe von Guerillas in schicker Designerkleidung gegen eine Übermacht von Maschinen, die der in Legebatterien dahinvegetierenden Menschheit mittels eines Computerprogramms „Realität“ vorgaukelt. Asiatische Kampfkunst und der berühmte, stilbildende Bullet Time Effekt machten die Trilogie zum Kassenschlager, wobei künstlerische Qualität und Tiefgang jedoch mit jedem Teil abnahmen.
Fassbinders Welt am Draht verweigert dem Zuschauer jene Schauwerte, die man sich von diesem Genre erwarten würde. Wenig weist über die Gegenwart der Siebziger Jahre hinaus, die Verfremdung liegt, neben kleineren Extravaganzen bei Kleidung und Ausstattung, in der Inszenierung. Fassbinder und seine Mitarbeiter (Schauspieler Kurt Raab war auch für die Ausstattung zuständig) stilisieren eine betont künstliche, erstarrte Welt: Überall sind Spiegel, Glasscheiben, trennende Elemente, Statuen präsent, die Protagonisten scheinen in ihrem eigenen Kosmos gefangene Abbilder ihrer selbst. Fassbinders bewusst antitheatralische Schauspielführung fällt hier so kongenial mit der Thematik zusammen wie in kaum einem anderen seiner Filme: Die Starre, die unnatürlichen Emotionen schaffen eine gleichermaßen vertraute wie fremde Welt. Welt am Draht war zum Zeitpunkt der Entstehung ein künstlerisch mutiges Unterfangen. Denn für das Fernsehpublikum der Siebziger Jahre, das noch nicht an Virtual Reality gewohnt war, erschließen sich die Zusammenhänge nur langsam. Das Drehbuch von Fassbinder und Fritz Müller-Scherz stößt den Zuseher nicht mit der Nase auf seine Sci-Fi-Thematik, diese fügt sich eher beiläufig ins Geschehen ein. Generell fällt die Zuordnung in ein bestimmtes Genre nicht leicht. Fassbinder vermengt die Elemente der Vorlage von Daniel F. Galouye zu einem zitatenreichen Mix aus Geheimagentenstory, Wirtschaftskrimi, Liebesgeschichte und Actionfilm, in dem durchaus mal die Backpfeifen fliegen. „Klaus Löwitsch spielt da im Grunde Humphrey Bogart … und ich Lauren Bacall“, so Mascha Rabben, die Vollmers Tochter – und Stillers Geliebte – Eva spielt. (Der 1964 erschienene Roman „Counterfeit World“, auf deutsch unter dem Titel „Simulacron 3“ erschienen, wurde übrigens 1999 unter dem Titel The Thirteenth Floor noch einmal, allerdings um einiges konventioneller, verfilmt).
Nostalgie in einer erstarrten Welt
Der Einstieg Stillers in die virtuelle Welt wird so unspektakulär, so scheinbar nebenbei präsentiert, dass er um einiges beeindruckender wirkt, als wenn er mit Spezialeffekten überfrachtet worden wäre: In einem verspiegelten Raum setzt Stiller sich eine Art verkabelten Sturzhelm auf und schon ist er in der „aus Schaltkreisen“ zusammengesetzten, mit menschlichen „Einheiten“ bevölkerten Welt. Genauer gesagt sitzt er unvermittelt in einem LKW, der durch eine Industrielandschaft fährt. Am Nebensitz vertilgt jemand ein Jausenbrot.
Die virtuelle Welt wirkt anfangs noch künstlicher, paradoxerweise aber auch bunter und lebendiger als die Stillers: Elemente aus den Zwanziger und Dreißiger Jahren prägen das Dekor. Die Vielzahl solcher Details verlangt zwingend einen zweiten Blick auf Welt am Draht – denn erst allmählich entdeckt man, dass sich darin die Vorlieben des Weltprogrammierers Stiller spiegeln. So sieht er sich relativ spät im Film eine Revue mit einem Marlene Dietrich-Double, das Lili Marleen singt, an. Die nostalgischen Elemente der Kunstwelt erscheinen plötzlich als Fluchtversuch aus der eigenen, grauen Welt. Auch die Gestaltung der Welt Stillers lässt, unabhängig von der Frage, ob sie ebenfalls nur „von oben“ programmiert wurde, viele Einblicke zu: Die Stadt erscheint anonym und austauschbar, jedoch finden sich viele amerikanisierende Elemente: Stiller fährt einen US-Sportwagen, in seinem Büro wird ständig, wie von unsichtbaren Lautsprechern, berieselnde Musik abgespielt, seine Sekretärin (Barbara Valentin) verrichtet ihre Arbeit in tief dekolletierten Cocktailkleidern und im Hintergrund regieren die Großkonzerne. Der Topos der künstlich geschaffenen Welt wird dahingehend lesbar, dass wir alle Marionetten sind, die in Zwängen der Wirtschaft und des Konsums gefangen sind. Die Möglichkeit des Ausbruchs scheint für alle, bis auf Stiller, der zunehmend zu rebellieren beginnt, ein unmöglicher Gedanke zu sein. Stillers Umgebung weiß zwar von Simulacron, dass man selbst jedoch eine Simulation sein könnte, kann und will sich niemand so richtig vorstellen. Besonders im zweiten Teil zeichnet sich zunehmend ein weiteres Dilemma ab: wenn seine Geliebte Eva nur die Projektion eines „realen“ Menschen aus einer übergeordneten Welt ist, wie kann er sie dann jemals wirklich erreichen?
Klaus Löwitsch verleiht der Figur Stillers eine coole, physische – und das ist das große Kunststück dieser Darstellung – auch tiefgründige Aura. Leider durfte der 2002 verstorbene Schauspieler, speziell nach Fassbinders Tod, nur selten zeigen, wie gut er wirklich sein konnte. Der Rest der Besetzung liest sich wie ein Who is Who des Fassbinder-Kosmos, bis hin in Kleinstrollen tauchen bekannte Gesichter wie Eddie Constantine oder Ulli Lommel auf. Eine Überraschung für das zeitgenössische Publikum war, dass Fassbinder viele Schauspieler aus „Opas Kino“ einsetzte, etwa Rudolf Lenz (Der Wilderer vom Silberwald) als Industrieller. Diese Besetzungsstrategie kann (neben der Bewunderung für die Akteure klassischen Zuschnitts, die Fassbinder wiederholt äußerte) durchaus als bewusste Referenz auf das nostalgische Kino der Fünfziger und Sechziger Jahre gesehen werden – so wie Stiller die Kunstwelt mit Elementen der Vergangenheit bevölkert, tut dies Fassbinder als Regisseur.
Es wäre für Fassbinder ein Leichtes gewesen, das Ende, bei dem es tatsächlich zu einem „Weltenwechsel“ kommt, hinsichtlich der Frage nach der „realen“ Welt noch ambivalenter zu gestalten, doch gewichtet er bewusst anders: Den Zwängen des Systems, so scheint die Konklusio, wird man sich nie zur Gänze entziehen können. Die Schlussszene feiert stattdessen die Liebe und den Widerstand an sich. Dass Welt am Draht bislang eher zu den Nebenwerken Fassbinders gezählt wurde, mag neben der Komplexität des Themas auch daran liegen, dass der Zweiteiler nur selten zu sehen war. Diese glänzend restaurierte Veröffentlichung, von Kameramann Michael Ballhaus betreut, sollte ihren Teil dazu beitragen, dass dieses grandiose Werk ab sofort zu den Hauptwerken des Regisseurs gezählt wird.
