Celebration
Celebration

Filmfestival

Wenig bekannte Kapitel osteuropäischer Geschichte

| Kirsten Liese |
Das Karlovy Vary Filmfestival beging seine 58. Ausgabe

Ein harter Überlebenskampf prägt Mijos Jugend in den späten 1920er-Jahren in einem kroatischen Dorf. Seinen Hund muss der Junge nach einem staatlichen Erlass töten, seinen Opa trägt sein Vater in die Berge, wo der alte Mann bei Hunger und Kälte sterben wird. In seinem Debütfilm Celebration nach dem gleichnamigen Roman von Damir Karakas schildert Bruno Ankovic unfassbare Grausamkeiten, die sich bis nach Ende des Zweiten Weltkriegs auf dem Balkan vielfach so zugetragen haben.

Inspiriert von Michael Haneke, der in seinem preisgekrönten Film  Das weiße Band  der Frage nachgegangen ist, wie nach Ende des Ersten Weltkriegs aus den Deutschen Nazis werden konnten, zeigt Ankovic anhand seiner Geschichte exemplarisch auf, warum sich die Kroaten damals den Nationalsozialisten anschlossen. Haneke habe die Entwicklung auf die protestantische Religion und das Patriarchat zurückgeführt, sagt er, in Kroatien habe neben patriarchalen Strukturen die große Armut eine entscheidende Rolle gespielt.

Auch in dem georgischen Beitrag Panoptikon, eine der stärksten Weltpremieren im Wettbewerb des diesjährigen Karlovy Vary Filmfestivals, steht ein Heranwachsender im Zentrum, der sich einer rechtsnationalen Organisation anschließt. Feingefühl und psychologischer Scharfsinn bestimmen dieses Werk des georgischen Filmemachers George Sikharulidze. Anfänglich ist Sandro ein auffallend hübscher, schüchterner Junge in der Pubertät, unsicher in seinen zärtlichen Gefühlen für Mädchen und für die attraktive Frisörin von nebenan, zumal in einer instabilen familiären Konstellation. Seine Mutter lebt seit langem im Ausland, der Vater geht ins Kloster. Die Abwesenheit des Vaters setzt dem Jungen stark zu. So ist er auf einmal kaum wiederzuerkennen, ein gewaltbereiter junger Mann.

Traditionell war das osteuropäische Kino in Karlovy Vary stark vertreten, das sich beispielsweise auch einem spannenden, wenig bekannten Kapitel des Holocausts im Zweiten Weltkrieg in der Slowakei widmete: Die slowakisch-tschechische Koproduktion  Die ungarische Schneiderin ist die komplexe Geschichte einer Frau, die ein jüdisches Kind versteckt und in der gefährlichen Situation gleichzeitig von einem deutschen SS-Mann und einem slowakischen Anhänger der rechtsnationalen Hlinka Garde bedrängt wird.

Die Slowakei positionierte sich in dem damaligen komplexen Gefüge pro Hitler, war aber wesentlich radikaler als die tschechische Republik, erläutert Festivaldirektor Karel Och die politischen Hintergründe, deren Kenntnis der Film voraussetzt. Denn die Slowaken verfolgten aktiv nicht nur Juden, sondern auch Ungarn und Tschechen.

Den Spezialpreis der Jury und damit eine verdient hohe Auszeichnung vergab die Jury unter dem Vorsitz von Christine Vachon und Geoffrey Rush an das spannende, komplexe Psychogramm  Loveable  aus Norwegen um eine junge Familienmutter, die mit ihrem dekonstruktiven Verhalten die Ehe mit ihrem Traummann zerstört. Ein Werk, das mit aufwühlenden langen Dialogen, tiefgründiger Psychologie und einem überwiegend kammermusikalischen Setting stark an andere skandinavische Produktionen erinnert, insbesondere an Meisterwerke wie  Szenen einer Ehe oder Von Angesicht zu Angesicht   des schwedischen Altmeisters Ingmar Bergmann. – Dies nicht zuletzt mit der verdient zur besten Hauptdarstellerin gekürten Helga Guren, die –  wenngleich ein gänzlich anderer Typ – mit einem facettenreichen Spiel glänzt wie einst eine Liv Ullmann, changierend zwischen Egozentrik, Hysterie, Selbstzerfleischung und Depression.

Der Kristallglobus für den besten Film ging überraschend an Mark Cousins britischen Dokumentarfilm A Sudden Glimpse To Deeper Things, ein Porträt der Malerin Wilhelmina Barns-Graham.

Zu den Höhepunkten der diesjährigen Festivalausgabe zählte die Retrospektive „Kafka und das Kino“ anlässlich des 100. Todesjahrs des in Prag geborenen Autors. Zu sehen gab es in dieser Reihe Adaptionen von Kafkas Romanen und Erzählungen als auch Filme, die von ihm erkennbar inspiriert sind, Werke von Orson Welles, Rudolf Noelte, Roman Polanski, Federico Fellini, Martin Scorsese und David Lynch, teils in jüngeren restaurierten Fassungen. Zudem kam Steven Soderbergh in den Kurort, um die neue Fassung seines Kafka-Films von 1991 Mr.Kneff vorzustellen, die sich von Kafka darin unterscheidet, dass die Dialoge lautlos wie im Stummfilm nur noch mittels Untertiteln transportiert werden. Allerdings hinterließ das Original einen weitaus stärkeren Eindruck. Die ausgewählte, teils sehr laute Musik zu der Neufassung will zu der Geschichte nicht so recht passen, zudem will man die Stimmen von so trefflichen Schauspielern wie allen voran Jeremy Irons als Kafka und Armin Mueller-Stahl als Kriminalinspektor einfach hören.

Alles in allem gelang Karlovy Vary als dem kleinsten unter den bedeutsamen europäischen A-Filmfestivals im 58. Jahrgang einmal mehr eine gute Mischung aus anspruchsvollen internationalen Produktionen und Juwelen aus Osteuropa. Es trug damit einem höheren Anspruch Rechnung als so manche größere Festivals in ihren jüngsten Ausgaben.

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