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Filmfestival

Weniger Filme, mehr Sektionen

| Marie Ketzscher |
Von überfordernd üppig zu fast überschaubar: Die 63. DOK Leipzig findet in diesem Jahr mit einem sehr verschlankten Programm physisch und online statt. Das hat mit Corona zu tun, natürlich, aber nicht nur.

Schon im März hatte der neue Festivaldirektor Christoph Terhechte, der Leena Pasanen nach der letzten Festivalausgabe ablöste, eine Verknappung angekündigt. Er wolle statt der über 300 Filme nur mehr 200 zeigen. Jetzt sind es noch 150 Filme und XR-Arbeiten, die vom 26. Oktober bis 1. November sowohl in den Leipziger Kinos als auch online zu schauen sind. Als Publikumsfestival versteht sich die DOK Leipzig nach wie vor, allerdings hat sich das Festival schweren Herzens entschieden, aus Hygienevorkehrungen keine Filmschaffenden einzuladen; Filmgespräche finden ausschließlich online statt – oft aber gleich nach den Screenings im gleichen Browserfenster. Auch darüber hinaus ist der internationale Charakter des Festivals eingeschränkt: Der Zugang zu den Filmen ist geo-geblockt, es können also bis auf Akkreditierte und Presse nur deutsche Zuschauerinnen und Zuschauer auf das Online-Programm zugreifen.

Die neue Festivalleitung hat außerdem Sektionsänderungen vorgenommen. Statt „Next Masters“, die bislang aufstrebende Nachwuchsfilmschaffende in einer eigenen Sektion sichtbar machte und auszeichnete, gibt es jetzt einen zweiten Platz in der Kategorie Internationaler Wettbewerb (Langfilm) – eine Silberne Taube, die dem Nachwuchs vorbehalten ist. Damit möchte das Festival den starken Einreichungen in dieser Kategorie – und überhaupt – gerechter werden.

An der Vielfalt des dokumentarischen Schaffens hat sich dabei in den Haupt-Wettbewerben nichtsdestotrotz oder gerade deswegen nicht viel geändert. Im Deutschen Langfilm-Wettbewerb stehen 2020 neben regional spezifischen Porträts unter anderem die Vorzüge der Atomkraft (Carsten Rau, Atomkraft Forever) oder die gesellschaftlichen Umbrüche zwischen Tradition und Transformation im Fokus: Hannah Schweiers 80.000 Schnitzel begleitet einen Generationenwechsel in einem Oberpfälzer Gast-und Bauernhof, und Daniel Kötter widmet sich unbeirrt weiter den Veränderungen auf dem afrikanischen Kontinent mit seinem Rift Finfinnee über die Megacity Addis Abeba.

Konsequent und ebenfalls mit Afrika-Fokus: Der im Internationalen Wettbewerb mit Downstream to Kinshasa vertretene Dieudo Hamadi, dessen Schaffen sich mit verschiedenen Themenkomplexen in seinem Heimatland, der Demokratischen Republik Kongo, auseinandersetzt. In Downstream to Kinshasa geht es um ausstehende Entschädigungszahlungen, die die Kriegsopfer mit einem friedlichen Protestmarsch auf Kinshasa anmahnen möchten. Außerdem finden sich unter den Beiträgen des Internationalen Wettbewerbs einige Filme über den spezifischen Alltag ländlich oder prekär lebender Gruppen – Daria Slyusarenko’s Joy über das Zusammenleben einer Zirkustruppe oder Truth or Consequences von Hannah Jayanti über das Trailer-Leben in der Nähe des ersten privaten Weltraumbahnhofs in New Mexico – sowie essayistische Arbeiten wie The Annotated Field Guide of Ulysses S. Grant von Jim Finn über den Amerikanischen Bürgerkrieg. Auch aktuelle Debatten um Geschlechterrollen sind beispielsweise mit Shelly Silver, die sich den hybriden Formen verschrieben hat, und ihrem Girls/Museum vertreten. Seine Weltpremiere feiert bei DOK Leipzig Children von der israelischen Regisseurin Ada Ushpiz, die der Frage nachgeht, warum sich palästinensische Jugendliche an der Intifada gegen Israel beteiligen.

Als Festivaldirektor setzt Christoph Terhechte, der vor der DOK Leipzig von 2001 bis 2018 das Forum der Berlinale und 2018 und 2019 das Marrakech International Film Festival leitete, außerdem mit zwei neuen Sektionen Akzente. „Camera Lucida“ (außer Konkurrenz) soll wie das gleichnamige Gerät zum Abzeichnen von Landschaften und Portraits besondere Perspektiven auf die Realität sichtbar machen und Konventionen herausfordern. Die fünf hier gezeigten Filme arbeiten unter anderem mit Reenactment und in essayistischer Manier. Thunska Pansittivorakul lotet mit seinem Avalon beispielsweise die Grenzen zwischen Intimität und Voyeurismus aus, indem er die teils privaten, expliziten Aufnahmen seines ehemaligen Kameramannes und Liebhabers als Verarbeitung der gescheiterten Beziehung montiert.

Die neu ins Leben gerufene Sektion „Der Goldene Schnitt – Wettbewerb um den Publikumspreis langer Dokumentar- und Animationsfilm“ möchte im Gegensatz dazu Filme in den Mittelpunkt stellen „die Emotionen wecken, die den subjektiven Blick einnehmen, die humorvoll sein können, überraschend und herzlich“ – vermutlich also Beiträge, die sich etwas weg bewegen vom Künstlerischen (das manchmal sperrig ist) und hin zu mehr Entertainment (das oft mehr als unterhalten kann). Leichtfüßige autobiografische Dokumentationsfilme wie Areum Married von Areum Parkkang, die das Auf und Ab einer südkoreanischen Ehepaares in Frankreich zwischen Selbstverwirklichung und Familie, Patriarchat und Feminismus humorvoll aufs Tableau bringen, sind hier ebenso präsent wie Filme zu aktuellen Sachverhalten, beispielsweise mit Luca Lucchesis A Black Jesus über das (Zusammen-)Leben von Geflüchteten und Einheimischen in Siculiana, Italien.

Auch wenn Christoph Terhechte im Vorwort des DOK Leipzig-Kataloges den Stellenwert der Animation im Programm betont, gibt es Einbußen: Die zwei Blöcke „Neue Deutsche Animation“, die den Filmschaffenden aus Deutschland eine präsente Plattform innerhalb der deutschen Festivalszene bot, sind coronabedingt komplett gestrichen worden. Und in den Langfilmwettbewerben findet sich nur ein einziger Animationsfilm. Es bleiben dafür einige Beiträge in den regulären Kategorien der Kurzfilm-Wettbewerbe, die Sektion „Animation Perspectives“ sowie „Extended Reality“, die VR-, AR- und andere die Realität erweiternde Medienprojekte umfasst. Ein großer Lichtblick im Animationsprogramm ist die umfassende Retrospektive: „Re:Visionen: animation@DOK25aus25“, die die Vielfalt des Mediums seit der Aufnahme der Animation in die Wettbewerbe mit Klassikern wie Michèle Cournoyers The Hat oder Adam Eliots Uncle feiert.

www.dok-leipzig.de