Freundschaft, Klassenzugehörigkeit und dem Aufwachsen zwischen Floridsdorf und Innenstadt
Für Anna ist zu Beginn des Schuljahres alles neu. Nicht nur besucht sie jetzt das Gymnasium – sie wird auch plötzlich mit der Realität konfrontiert, dass ihre Lebenswelt eine andere ist als die vieler Mitschülerinnen. Ihr Schulweg ist länger, der Alltag komplizierter. Denn Anna kommt aus einem Gemeindebau in Floridsdorf – und wie schnell genau das zum sozialen Ausschlusskriterium wird, zeigt Wenn du Angst hast nimmst du dein Herz in den Mund und lächelst nachdrücklich. Marie Luise Lehners Langfilmdebüt ist dabei aber viel mehr als eine Milieustudie. Vielmehr handelt es sich um eine Geschichte über Parallelrealitäten, die unaufdringlich erzählt wird, im Kern aber eine klassische Coming-of-Age-Erzählung bleibt. Lehner zeichnet ein berührendes Bild von Solidarität und schafft einen Film über die Wiener Jugend, der sich seinen Protagonistinnen mit Nähe und Respekt nähert, ohne in Voyeurismus oder Pathos abzurutschen.
Annas Mutter ist gehörlos, für die Zwölfjährige bedeutet das zusätzliche Herausforderungen, die viele ihrer Klassenkameraden nicht kennen. In der neuen Schule lernt sie Mara kennen – ebenfalls aus dem Gemeindebau, wenn auch aus dem etwas besser situierten Alterlaa. Zwischen den beiden Mädchen entwickelt sich eine stille Komplizinnenschaft, die sich wie ein roter Faden durch den Film zieht. Genauso wie die enge Beziehung zwischen Anna und ihrer Mutter, die durch deren neue Liaison zu einem Mann weiter auf die Probe gestellt wird. Was bedeutet es, eine soziale Gruppe zu haben, in der man sich gesehen fühlt? Was macht Freundschaft aus – besonders dann, wenn vieles im eigenen Leben nicht der Norm entspricht? Und welche Funktion kann sie erfüllen in einer Gesellschaft, die Unterschiede oft als Defizite liest? All diese Fragen stellt der Film und liefert still die Antworten. Marie Luise Lehner erzählt dabei eine Klassengeschichte, die viele Facetten des Andersseins mitdenkt – ohne überladen zu wirken. Die Regisseurin, die auch Teil der feministischen Punkband Schapka und gut in der österreichischen Musikszene vernetzt ist, stellt Solidarität dabei auf mehreren Ebenen her. Der Soundtrack ist ein diverses Line-Up aktueller feministischer, queerer und BiPoC-Künstlerinnen und Künstler. Auch hinter der Kamera wurde Wert darauf gelegt, möglichst viele Frauen einzubeziehen und ein respektvolles Arbeitsklima zu schaffen. Und das spürt man: Das politische Bewusstsein dieses Films wurde ihm ganz offensichtlich schon in die Wiege gelegt. Die Werte, die er so ungezwungen vermittelt, haben Vorbildcharakter.
