Filmfestival

Wenn schon, denn schon

| Pamela Jahn |
Das BFI London Film Festival 2021 präsentierte sich von 6. bis 17. Oktober mit einem Aufgebot an internationalen Festival- und Streaming-Highlights, als gäbe es kein Morgen.

London und Wien haben filmtechnisch mehr gemein, als man denkt. Genauer gesagt: filmfestivaltechnisch. Sowohl das London Film Festival (LFF) als auch die Viennale finden alljährlich im Oktober statt. Und auch wenn die Briten den Österreichern zumindest im Kalender um eine Nasenlänge voraus sind, stehen beide Events jeweils vor ähnlichen Herausforderungen, die es jedes Jahr aufs Neue zu bewältigen gilt.

Zum einen könnte die Platzierung im internationalen Festivalkalender schwieriger kaum sein, zumindest was Weltpremieren angeht. Jeder Film, der etwas auf sich hält, wurde zu dem Zeitpunkt längst in Berlin, Cannes, Venedig oder Toronto gezeigt. Man kann sie im Programm also lediglich als Highlights oder lokale Erstaufführungen anpreisen. In London führte das heuer zu einem Überangebot an Galas und sogenannten „Special Presentations“, die sich vom Programm insgesamt allein dadurch absetzten, dass sie dem Publikum in einer separaten Sektion als besondere Filmkost angepriesen wurden. Werke wie Terence Davies‘ Benediction und Clio Barnards Ali & Ava, Drive My Car von Ryusuke Hamaguchi und Sebastian Meises Große Freiheit gehörten dazu, die übrigens allesamt auch bei der Viennale liefen, ebenso wie der Cannes-Gewinnerfilm Titane. Zudem präsentierte man gerade noch rechtzeitig vor dem globalen Start auf Apple TV+, Todd Haynes‘ hervorragende Dokumentation The Velvet Underground über die legendäre Band.

Eine Weltpremiere in der Sektion blieb Craig Roberts‘ The Phantom of the Open, in dem Mark Rylance den angeblich «schlechtesten Golfer der Welt» verkörpert. Maurice Flitcroft wurde dafür bekannt, dass er sich 1976 für die British Open anmeldete, ohne jemals zuvor ein Turnier gespielt beziehungsweise überhaupt einmal auf dem Golfplatz gestanden zu haben. Die Medien machten damals aus dem 46-jährigen Hafenarbeiter eine kleine Sensation, und der Film möchte dem sympathischen Hochstapler nun auf der Leinwand ein Denkmal setzen. Rylance spielt den einfachen Mann mit all seinen Träumen und Ambitionen aufrichtig und voller Würde, wie man es von ihm kennt. Roberts dagegen schießt mit seiner Inszenierung (ähnlich wie Flitcroft auf dem Golfplatz) größtenteils über sein Ziel hinaus. Die Magie und der Zauber, den er seinem charmanten Filmmärchen einzuflößen versucht, wirken oft unbeholfen oder gar fehl am Platz, und es entsteht immer wieder der Eindruck, als würde der Regisseur dieser unglaublichen, aber wahren Geschichte selbst nicht trauen, die er da erzählt.

Das größte Ereignis unter den Sondervorführungen, vielleicht des Festivals überhaupt, war jedoch die Erstaufführung der neuesten Folgen zum Auftakt der dritten Staffel von Succession. Die überaus beliebte tragikomische Kapitalismus-Satire von HBO, geschrieben vom britischen Autor Jesse Armstrong und mit einem hervorragenden Brian Cox in der Hauptrolle, dreht sich um Macht und Geld und den familiären Bürgerkrieg zwischen einem fürchterlichen Mogul (Cox) und seinen Kindern, die jeder und jede für sich auf intrigante Weise Anspruch auf die Firmenleitung des väterlichen Imperiums erheben. Die Parallelen zu Rupert Murdoch sind bewusst und extrem klug gewählt, und es ist ein reines Vergnügen, diese kaputte Familie beim gänzlichen Zerfall zu beobachten. Entsprechend zahlreich erschien das Publikum am Premierenabend, und keine andere Vorführung wurde so lautstark kommentiert wie diese.

Unter den insgesamt dreizehn Galaveranstaltungen, fielen mit dem Netflix-Western The Harder They Fall vor allem der Eröffnungsfilm sowie The Tragedy of Macbeth ins Auge, den die Festivalleiterin Tricia Tuttle zum Abschluss des Festivals als Trumpf im Ärmel hatte: „Wir haben uns in Joel Coens Adaption von Shakespeares schottischem Theaterstück verliebt“, begründete sie ihre Wahl für die von Apple TV+ produzierte Version des Literaturklassikers. Drei Wochen zuvor war die düstere Tragödie in silberglänzenden schwarz-weiß Bildern und mit Denzel Washington und Frances McDormand in den Hauptrollen bereits beim New York Film Festival gefeiert worden. In London waren nicht nur der Regisseur und Gattin McDormand sowie weitere Mitglieder des Schauspieler-Ensembles zu Gast, sondern auch Kameramann Bruno Delbonnel, dem bei diesem filmischen Kraftakt um Mord, Macht, Hexen, Geister und Wahnsinn unbedingt besondere Anerkennung gebührt.

Und apropos Schwarzweiß: Auch Kenneth Branagh verzichtet in seinem neuen Film Belfast fast gänzlich auf Farbe, um seinem semi-autobiografischen Coming-of-Age-Drama über einen Jungen, der Ende der sechziger Jahre inmitten der Konflikte zwischen protestantischen und katholischen Bevölkerungsgruppen in der nordirischen Hauptstadt aufwächst, sowohl die nötige Dichte und Atmosphäre als auch einen zarten Hauch von Nostalgie zu verleihen. Aber nicht nur von den bestechenden Bildern und seinem furiosen Soundtrack von Van Morrison lebt dieser Film. Vor allem Judi Dench und Ciarán Hinds als die Großeltern des kleinen Buddy sind eine Wucht, während Jamie Dornan sich in der Vaterrolle behauptet und die irische Schauspielerin Caitríona Balfe zeigt, wie sehr sie über ihre Rolle in der Starz-Highland-Saga-Serie Outlander hinaus auch auf der Leinwand groß zur Geltung kommt.

Neben all dem Glitz und Gala-Glamour versucht man in London, anders als bei der Viennale, dem Schwinden des Kinopublikums seit ein paar Jahren mit verschiedenen Wettbewerbsreihen entgegenzuwirken. Mit dem Preis für den besten Film in einer kleinen, aber feinen Auswahl an internationalen Beiträgen wurde Panah Panahis heimlicher Cannes-Favorit Hit the Road geehrt. Die Auszeichnung für den besten Erstling ging an Playground von der belgischen Regisseurin Laura Wandel, die an der Croisette dafür bereits den FIPRESCI Preis in der Reihe Un Certain Regard erhalten hatte. Zudem wurde die US-Dokumentarfilmerin Liz Garbus für ihren neuen Film Becoming Cousteau ausgezeichnet – obwohl der Award wohl auch ihrem beeindruckenden Gesamtwerk gilt, das unlängst mit ihrer Arbeit an der True-Crime-Serie I’ll Be Gone in the Dark einen weiteren Höhepunkt fand.

Netflix, HBO und Apple TV+ waren schließlich nicht die einzigen, die heuer beim LFF mindestens eine Produktion im Programm hatten. Auch Amazon Prime war mit The Tender Bar vertreten, und es ist schon erstaunlich, dass George Clooney für seinen Film keine Gala, keine Sondervorstellung, noch nicht einmal eine besondere Ankündigung erhielt. Um so begeisterter war das Publikum, als er trotzdem höchstpersönlich zur Premiere seiner mittlerweile achten Regiearbeit erschien. Basierend auf den gleichnamigen Memoiren von J.R. Moehringer, erzählt der Film die Geschichte eines jungen ehrgeizigen Schriftstellers (Tye Sheridan), der sich an seinem coolen Onkel (Ben Affleck) als Leitbild orientiert, weil sein entfremdeter Vater ihn seit seiner Kindheit immer wieder im Stich lässt. The Tender Bar ist zwar kein Meisterwerk, dennoch ist es unverständlich, warum man diesem sympathischen und durchaus mit Verve inszenierten Drama nicht mehr Aufmerksamkeit schenken wollte.

Vielleicht hat sich das LFF mit seinem ambitionierten, hochkarätigen Programm am Ende etwas zu viel vorgenommen. Ein paar Filme weniger hätten es sicher auch getan. Andererseits muss man den Ehrgeiz des Festivals loben, trotz der weiterhin bestehenden Covid-Maßnahmen aus dem Vollen zu schöpfen. Wenn schon, denn schon, lautete die Devise. Denn wer weiß, was der bevorstehende Winter bringen wird.

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