Wer ist Hanna?

Filmkritik

Wer ist Hanna?

| Harald Mühlbeyer |

Ein Mädchen in geheimer Mission quer durch Europa, die CIA auf den Fersen

Musik sei eine Abfolge von Tönen, so gestaltet, dass sie Schönheit und Gefühle ausdrücken – mit Lexikonwissen wurde Hanna in der Einsamkeit einer Blockhütte im nördlichen Finnland gefüttert, vom Vater, der früher CIA-Agent war. Dann schickt er sie los, und Hanna lernt die trockene Theorie in der Praxis kennen. Im marokkanischen Fernsehen sieht sie eine Tanz- und Musikshow, im Autoradio hört sie Popsongs, in Spanien sitzt sie am Lagerfeuer bei Gitarre und expressivem Gesang – und ihr Verfolger pfeift eine fröhliche Kindermelodie, wenn er zur tödlichen Tat schreitet. Die Musik ist eine Art Schrittmacher für Hannas education sentimentale, auf ihrem Weg durch Europa, auf der Suche nach ihrer Zielperson.

16 Jahre lang hat ihr Vater sie darauf vorbereitet: auf die Begegnung mit Marissa Wiegler, der eiskalten CIA-Funktionärin. Hanna soll die Sünden der Vergangenheit ausmerzen, dafür wurde sie geformt: zum Kämpfen, zum Töten. Und zum Überleben.

Regisseur Joe Wright verknüpft Hannas Coming-of-age-Story mit den Topoi des Agenten-Actionthrillers; monumentale Katakomben im CIA-Gefängnis unterm Wüstensand sind dabei ebenso zu finden wie der unvermeidliche sadistische, eiskalte Killer. Wright erzählt diese Geschichte des wilden Naturkindes, das sich in der Zivilisation einfinden soll, um ihre Widersacherin Marissa Wiegler zu töten, als Märchen. Die Hütte im Wald, der Auszug in die fremde, feindliche Welt, die böse Hexe, am Ende ein verlassener Märchen-Vergnügungspark in Berlin inklusive Lebkuchenhaus: Hanna ist die Märchenheldin, die Unschuld mit den magischen Fähigkeiten. Saoirse Ronan spielt sie als Verlorene, die alles zu gewinnen hat; Cate Blanchett gibt die Nemesis im Hintergrund als 2.0-Version ihrer KGB-Agentin in Indiana Jones and the Kingdom of the Crystal Skull; Eric Bana agiert als Hannas Vater, der nie gelernt hat, Vater zu sein. Das sind starke Charaktere in einer komplexen Handlung – die aber doch nicht recht zu sich finden will. Manches ist zu platt erzählt, es müssen ein, zwei Szenen reichen, um Hannas Clash mit der Kultur darzustellen. Und das große Geheimnis ihrer Existenz ist recht vorhersehbar und für die Handlung reichlich irrelevant. Auch der Score zeugt von der inneren Zerrissenheit des Films: Zu den vielen Kampf-Sequenzen laufen harte elektronische Sounds von The Chemical Brothers, bei Rückblenden auf Hannas Familiengeschichte versinkt die Musik in sentimentalem Schmalz – zum vollendeten Ausdruck von Schönheit und Gefühl reicht es bei Hanna nicht.