Als schnodderiger Tagedieb im Achtundsechziger-Kinohit „Zur Sache, Schätzchen“ wurde Schauspieler und Autor Werner Enke zum gern zitierten Kultstar. Er zelebrierte die demonstrative Leistungsverweigerung und spielte dabei mühelos mit der deutschen Sprache. Ein Nachruf.
In dem frühen Kurzfilm Manöver, den Werner Enke mit seiner Lebensgefährtin May Spils drehte, ist die Essenz seiner Leinwandfigur schon als wunderbare Miniatur eingefangen. Da übt ein Pärchen, in der Früh rechtzeitig aus dem Bett zu kommen. „Man sollte morgens nur aufstehen, um großartige Dinge zu tun“, erklärt Enke, während er in die Badewanne steigt. „Kranke heilen, Häuser bauen, Bücher schreiben, komponieren, delegieren, regulieren, dividieren, arretieren, agonieren …“ Seine Frau, gespielt von der Regisseurin Spils selbst, winkt nur ab: „Du kannst doch noch nicht mal früh aufstehen.“
Niemand konnte so schön und demonstrativ nichts tun wie Werner Enke. Zwei Jahre nach Manöver, im Revolutionsjahr 1968, brachten Spils und Enke das Prinzip zur vollen Blüte: Zur Sache, Schätzchen beginnt schon damit, dass Enke vom Fenster aus beobachtet, wie gegenüber eingebrochen wird, aber er geht unbeeindruckt wieder schlafen. Als ihn am nächsten Tag sein bester Freund, gespielt von Henry van Lyck, mittags aus dem Bett drängen will, meint Enke nur: „Mag’s gar nicht gern, wenn sich die Dinge morgens schon so dynamisch entwickeln.“ Die Polizei wird im späteren Verlauf des Films Enke verdächtigen, in den Einbruch verwickelt zu sein, aber er wird sich nicht anstrengen, sie vom Gegenteil zu überzeugen – lieber vertrödelt er den Tag mit einer feschen jungen Frau, die er im Schwimmbad kennengelernt hat. Beim faulen Herumliegen, versteht sich.
Den vollständigen Artikel lesen Sie in unserer Printausgabe 04/26.
Enke schrieb auch das Drehbuch zu dem Film – unter dem Namen „Peter Schlieper“, alles andere würde ja vielleicht nach Mühe aussehen. Und die leichtfüßige Komödie, die am 4. Jänner 1968 anlief, wurde zu einem Millionenerfolg. Enke und Spils konnten noch gar nicht wissen, was 1968 alles passieren würde, aber sie hatten den Finger am Puls der Zeit. Die konsequente Leistungsverweigerung passte zum Gefühl einer jungen Generation, die althergebrachte Wirtschaftswunderkarrieren hinterfragte; die blöden Sprüche gegenüber den stumpfsinnigen Polizisten atmeten antiautoritären Zeitgeist.
Und überhaupt, die Sprüche: Beständig schnoddert Enke seine Unlust in die Welt. Da will der Freund, der glücklos in Richtung Schickeria strebt, Enke antreiben, für einen Impressario namens Block zu texten (dessen Firmenmotto: „An- und Verkauf sämtlicher Ideen“). Enke mag aber nicht so recht: „Den Artikel ‚Ich soll sieben Sachen in der Woche schaffen, wie schaff ich zwei?‘ kann er sofort von mir haben.“ Lustvoll spielt er dabei mit der Sprache, und manche seiner Formulierungen gingen in den Alltagsgebrauch über – das Wort „Dumpfbacke“ zum Beispiel, oder der umgangssprachliche, sexuelle Gebrauch des Wortes „fummeln“, den er im Film sogar ausführlich erklärt. Und natürlich passte sein konstant wiederholter Spruch zum Zeitgefühl: „Es wird böse enden.“
Zwischen Schwabing und Paris
Gegenüber den ernsten, oft strengen Filmen des Jungen Deutschen Films nimmt Zur Sache, Schätzchen durch seine Leichtigkeit eine Sonderstellung ein. „Ich möchte vor allem kein verstaubtes Kino machen“, sagte May Spils einmal. Sie und Enke gehörten der sogenannten „Neuen Münchner Gruppe“ an – ein loser Bekanntenkreis, der Mitte der Sechziger in denselben Schwabinger Kneipen saß und das „gesellschaftlich relevante“ Kino nach dem Oberhausener Manifest nur als neue Version der alten deutschen Problemfilme sah. Sie wollten stattdessen unterhaltsames Kino, gerne dem Genrefilm zugeneigt – „ein Kino, das Spaß macht“, wie es Rudolf Thome einmal formulierte. Auch Klaus Lemke gehörte zu dieser Gruppe, und Enke spielte in zwei frühen Kurzfilmen von ihm – als Tagedieb, was denn sonst.
Eines der Vorbilder dieser Gruppe war die französische Nouvelle Vague, und Zur Sache, Schätzchen ist durchtränkt vom Geist Godards. In der Konstellation zwischen Enke, van Lyck und der jungen Frau aus dem Schwimmbad (Uschi Glas, die mit der Rolle zum Star wurde) klingen Echoes von Bande à part (Die Außenseiterbande) an, aber vor allem ist es À bout de souffle (Außer Atem), der hier Pate stand. Wie dort ist auch im Schätzchen die Kriminalhandlung ganz vernachlässigbar, stattdessen fokussiert der Film auf die Gespräche zwischen seinen beiden Protagonisten – auf der Straße, im Bett, überall dazwischen. Allerdings wird das mit mehr Augenzwinkern gemacht: Wo Godard sich vor Kinohelden wie Humphrey Bogart und Sam Fuller verneigt, führt Enke hier, wenn er von seiner „Filmproduktion“ spricht, ein kleines Daumenkino vor, in dem sich Strichmännchen gegenseitig niederschlagen. Und während Außer Atem tragisch endet, steht in Zur Sache, Schätzchen der von der Polizei angeschossene Enke unbekümmert wieder auf und informiert den Schützen: „Da haben Sie aber noch mal Glück gehabt“.
Der alte Schwung ist hin
Der Nachfolger Nicht fummeln, Liebling!, 1970 mit dem Ernst-Lubitsch-Preis ausgezeichnet, ist in mancherlei Hinsicht sogar noch radikaler als der Vorgänger. Enke schleppt sich noch demonstrativ lustloser durch die Geschehnisse und betet das Mantra „Der alte Schwung ist hin“ herunter. Natürlich liegt er am Anfang schlapp im Bett: „Bin schon seit 7 Uhr auf den Beinen. Zugeguckt, wie die anderen zum Arbeiten gehen. Dabei ist mir schlecht geworden.“ Aber die satirisch verzerrte Welt um ihn herum ist stark geprägt vom tatsächlichen Jahr 1968: Die Polizei übt den Umgang mit dem Schlagstock mit einem Hau-den-Lukas, bei dem sie auf einen künstlichen Kopf einprügeln, und ein junger Revoluzzer à la Andreas Baader (gespielt vom jungen Otto Sander) plant eine Brandstiftung in einem Kaufhaus, wie sie Baader und seine Leute im April 1968 tatsächlich ausführten – nur hier ist das Hauptziel das Klo, „als letzte Zuflucht des spätkapitalistischen Menschen. Hier wird alles, was vorher gekauft und gefressen wird, sozusagen zum zweiten Mal umgeschlagen.“ Ach ja, und ein Besuch bei den Bavaria-Studios endet damit, dass Enke dem Pförtner empfiehlt, sich einen Spaten anzuschaffen: „Irgendwo auf dem Gelände da liegt der deutsche Film begraben.“
Drei weitere Filme schafften Enke und Spils noch: Hau drauf, Kleiner! (1973), Wehe, wenn Schwarzenbeck kommt (1978) und Mit mir nicht, du Knappkopp (1983). Aber nachdem sich Enke bei den Dreharbeiten zu letzterem verletzte, die Produktion deswegen in Verzug geriet und der Film daher verspätet und ohne Pressearbeit in die Kinos kam, gab es keine weiteren Filmprojekte mehr. In einem TV-Interview 1989 erklärte Enke, womit er in der Zwischenzeit seine Zeit gefüllt habe: „Die ganze Welt wird ja bald zugemüllt von lauter so Kunstwerken und so. Ich habe mal nichts getan.“ Erst ab den 2000ern tauchte er sporadisch wieder auf, veröffentlichte ein Buch mit eigenen Cartoons, stellte Landschaftsgemälde aus.
Am 20. Juli 2026 starb Werner Enke in München im Alter von 85 Jahren. In besagtem TV-Interview erklärte er seinerzeit schon, was in seinem Nachruf stehen sollte: „Er sitzt an ’nem Drehbuch. Was hat er geschafft? Heute eine leere Seite. Morgen schafft er vielleicht zwei.“
