„Werner Herzog – Frühe Jahre“: Eine überfällige, materialreiche 6-DVD-Box-Edition.
Grizzly Man, The Wild Blue Yonder, Rescue Dawn – dass die jüngsten Filme von Werner Herzog den direkten Weg in die Kinos seines Heimatlandes Deutschland nicht mehr fanden, ist ein Skandal. Man muss sich fragen, wie das passieren konnte. Umso mehr, als der gewaltige Kraftakt, den das Filmfest München mit seiner diesjährigen Herzog-Retrospektive unternahm, allgemein mit großem Hallo und zahlreichen „Längst überfällig!“-Rufen begrüßt wurde. So manchem klang dieser Jubel sicher sonderbar in den Ohren, schien es doch erst gestern gewesen zu sein, dass dem so geehrten Mann Größenwahn unterstellt worden war, weil er ein Schiff über einen Berg ziehen ließ (Fitzcarraldo), dass ihn Rassismusvorwürfe trafen, weil er Aborigines als Darsteller einsetzte (Wo die grünen Ameisen träumen), dass Hohn, Spott und Häme über ihn geschüttet wurden, weil er mit einem Remake in Friedrich Wilhelm Murnaus Fußstapfen trat (Nosferatu). In den verdrehten Augen, die der Name Herzog mitunter hervorruft, im gen Stirn zuckenden Zeigefinger liegt natürlich auch ein Teil der Erklärung für die stiefkindliche Behandlung seines mit unverminderter Schaffenskraft inzwischen in den USA entstehenden Werkes durch die deutschsprachigen Verleiher.
„Zwergenregisseur!“ (Klaus Kinski)
Gefährdung von Schutzbefohlenen, Umweltzerstörung, Tierquälerei, Sachbeschädigung, seelische Grausamkeit und Ausbeutung – so lauten die Vorwürfe, die Werner Herzogs filmischen Weg pflastern. Sie sind alle wahr und zutreffend, manchmal mehr und manchmal weniger, doch sie unterschlagen das Wichtigste: Herzog selbst steckt immer mittendrin und ist der Erste, der Kopf und Kragen riskiert1, wenn es darum geht, eines jener Bilder einzufangen, in denen die von ihm so oft beschworene und so verzweifelt gesuchte „ekstatische Wahrheit“ zum Ausdruck kommt. Ein Begriff übrigens, den Herzog selbst nicht erklären kann (oder will), der wohl auch mit Worten nicht adäquat zu fassen ist, der allenfalls und annäherungsweise als emphatische Erkenntnis des kreatürlichen Ausgeliefertseins zu umschreiben wäre, und der also eine Antwort auf die Sinnfrage versucht. Sie mag sich der Dingfestmachung entziehen, diese ominöse „ekstatische Wahrheit“, aber sie ist in Werner Herzogs Filmen zu sehen. Immer und immer wieder. Sie wird sichtbar in den unwahrscheinlichen Anstrengungen, denen Menschen, Tiere und Gegenstände in ihnen unterworfen werden. Sie wird sichtbar in jenen Momenten, in denen diese unter den Anstrengungen eigentlich zerbrechen müssten – und es dann doch nicht tun. Und zugleich mit ihrer Stärke erkennt man deren Nutzlosigkeit und die Vergeblichkeit der Auflehnung und des Überdauernwollens. Außer von der „ekstatischen Wahrheit“ spricht Werner Herzog auch häufig von der „grausamen Indifferenz der Natur“; zu behaupten, diese beiden Sachverhalte fielen in seinem Werk in eins, fänden nach langer Suche endlich zueinander wie die halbierten Menschen, von denen Platon in seinem Symposion erzählen lässt, wäre hingegen zu einfach.
Doch genug des Vorausgeschickten. Der Grund dafür, dass hier nämlich überhaupt von Herzog und dem, was ihn in seinem Werk umtreibt, die Rede ist, ist eine bei Arthaus erschienene DVD-Box, die mindestens ebenso verdienstvoll ist wie die Münchner Retrospektive. Sie trägt den angemessen pompösen Titel „Werner Herzog – Frühe Jahre“, ihr Umfang und Materialreichtum lässt kaum Wünsche offen. Versammelt sind die zentralen Werke der ersten Dekade des herzöglichen Schaffens – Auch Zwerge haben klein angefangen, Fata Morgana, Kaspar Hauser, Lebenszeichen, Stroszek 2 – und sie werden umwuchert von zahlreichen ikonisch gewordenen Kurzfilmen wie Die grosse Ekstase des Bildschnitzers Steiner, How Much Wood Would a Woodchuck Chuck, Massnahmen gegen Fanatiker und so weiter. Drehbuchauszüge, Trailer und Fotogalerien werden geboten, sowie zwei Dokumentationen, die den Filmemacher in unterschiedlichen Phasen seines Lebens und Arbeitens porträtieren: Was ich bin, sind meine Filme (1979) von Erwin Keusch und Christian Weisenborn sowie Werner Herzog – Filmemacher (1986) von Herzog selbst. Darüber hinaus bietet jeder Film einen Audiokommentar in Form eines Gesprächs mit Laurens Straub, dem kürzlich verstorbenen Produzenten und Mitbegründer des Filmverlags der Autoren. Für die Fans der sonoren Stimme und klaren Diktion von Werner Herzog sind diese Audiokommentare natürlich besonderer Anlass zur Freude. Unabhängig davon erfüllen sie auch die Erwartungen hinsichtlich des Informationsgehaltes, die man an ein solches Feature stellen darf, sogar in doppelter Hinsicht: Denn selbstverständlich erzählt Herzog nicht einfach nur Anekdoten von den Dreharbeiten, sondern gestaltet mit dem ihm eigenen pathetischen Gestus jede Geschichte zu einem Drama epischen Ausmaßes. Ein weit verbreitetes Vorurteil betrifft die angebliche Humorlosigkeit des Regisseurs – wenn man ihn jedoch so reden hört, dämmert einem, dass dieser Meister von Seemannsgarn und Jägerlatein womöglich einen trockenen Wahnsinnswitz an den anderen reiht, dass es nur so staubt. Solange jedenfalls, bis in Auch Zwerge haben klein angefangen die todgeweihten Hühner durchs Oberlicht geworfen werden, dann ist Schluss mit lustig. Um seine kleinwüchsigen Darsteller für ihre Strapazen zu entschädigen, sprang Werner Herzog seinerzeit nach Abschluss der Dreharbeiten in ein Kaktusfeld. Hoffen wir, dass dieses Opfer auch den Gott der Hühner milde stimmen konnte.
„Das ist mein Leben. Ich möchte kein anderes.“ (Werner Herzog)
Werner Herzog ist, es ist bekannt, ein erschütternd ehrlicher Mensch. Diplomatie, Kompromissbereitschaft oder auch nur Verbindlichkeit sind seine Sache nicht. Es geht immer um alles oder nichts. Herzog ist ein entschlossener Visionär, der, wenn die Verhältnisse es erfordern, seine gesamte Existenz in reine Glaubenskraft verwandeln kann. Selbst Klaus Kinski wagte dann nicht, sich ihm in den Weg zu stellen. Auch Lotte Eisner schob das Sterben ein paar Jahre auf, als Herzog im Winter 1974 zu Fuß von München nach Paris zu ihr ans Krankenlager pilgerte, um ihren Tod zu verhindern. Nicht nur bei dieser Aktion verknüpft sich die Sturheit des Berglers – Herzog wurde zwar 1942 in München geboren, wuchs aber, kriegsbedingt evakuiert, mit Mutter und Bruder in Sachrang im Chiemgau auf – mit dem Wunderglauben des Katholiken. Der Zustand der Ekstase ist beiden vertraut.
In seinen radikalen Filmen entfremdet uns Werner Herzog die Welt bis zur Kenntlichkeit. Das klingt nach einer Plattitüde, trifft aber wie so manche Plattitüde dennoch ins Schwarze. Herzog beobachtet einen Skiflieger so lange, bis die Frage im Raum steht, ob es wohl Menschen gibt, die tatsächlich fliegen können. Er hört Vieh-Auktionatoren beim Versteigern zu und macht in einer Mischung aus Jodeln und Börsenkurslyrik die Sprache des Kapitalismus vernehmlich. Er begleitet Die fliegenden Ärzte von Ostafrika, vermittelt ein Gefühl für die Dimension kultureller Differenz und weist darauf hin, welche rassistische Arroganz in ihrer Nicht-Achtung liegt. Er gibt den Krüppeln und den Randständigen Stimme und Raum.
Herzogs Sicht auf das Andersartige hat nichts Diffamierendes, er schaut nur einfach da nicht weg, wo gesellschaftliche Verhaltenskodizes „normalerweise“ das Niederschlagen des Blicks erfordern. Es gibt in dieser Welt eben nichts „Normales“. Alles steht gleichberechtigt nebeneinander: Der strangulierte Wüstenfuchs, das tanzende Huhn, der sich tot lachende Zwerg. Bruno S. und Klaus Kinski. Der Dschungel und die Wüste. Die Stadt, die Berge und das tobende Wasser. Das gilt es auszuhalten.
(1) Steve Zahn berichtet von den Dreharbeiten zu Rescue Dawn, zwischen Herzog und Christian Bale (der ebenfalls zum Extremen neigt) sei ein regelrechter Wettstreit entstanden, wer weiter zu gehen wagen würde. Es ist ein Quartett des Irrsinns, das in diesem Film zueinander findet: Herzog hinter der Kamera, Bale, Zahn und der unvergleichliche Jeremy Davies vor ihr.
(2) Am auffälligsten ist das Fehlen von Aguirre – Der Zorn Gottes. Es erklärt sich dadurch, dass die Kollaborationen des berühmt-berüchtigten Alptraumpaares Herzog-Kinski, das einige Jahre lang eine Schneise der Verwüstung durch den Neuen deutschen Film schlug, Arthaus eine eigene DVD-Box wert sind. Die beiden Berserker gemeinsam wegzusperren, leuchtet ein.
