Western

Print the Legend

| Andreas Ungerböck |
Die Westernliteratur ist ebenso wenig tot wie ihr filmisches Pendant. Immer wieder erscheinen großartige Romane, die den altbekannten Mythen neues Leben einhauchen. Drei Beispiele zur Illustration.

Ein unsterblicher Satz, gesprochen in einem unsterblichen Western: „This is the West, sir. When the legend becomes fact, print the legend.“ Der ihn äußert, ist – was sonst? – ein Zeitungsherausgeber. Maxwell Scott (gespielt von Carleton Young) weist so darauf hin, dass die Wahrheit, die er gerade über einen lange zurückliegenden Zwischenfall erfahren hat, nicht so relevant ist wie der Mythos, der sich längst darum herum gebildet und der sich ins populäre Gedächtnis eingegraben hat. Der Satz stammt aus John Fords Spätwestern The Man Who Shot Liberty Valance (1962) und illustriert trefflich, worum es bis heute geht, wenn über den „Westen” geschrieben wird. Man kann die alten Mythen noch sehr auf ihren Wahrheitsgehalt abklopfen:  Fact ist, dass es sie nicht anficht. Die Legende ist in jedem Fall stärker. Das heißt jedoch nicht, dass man es nicht versuchen kann und soll. Nicht immer ist diese Auseinandersetzung fruchtbar, ja, manchmal geht sie schief: Als Beispiel mag Bob Dylans Song „John Wesley Harding“ (sic) aus dem Jahr 1967 dienen, dessen Text über den legendären texanischen Banditen John Wesley Hardin (1853–1895) wirklich auf keine Kuhhaut geht. Und das ausgerechnet von Dylan, der wenig später, in Sam Peckinpahs meisterhafter Mythenbeschwörung Pat Garrett & Billy the Kid (1973) eine nicht unwichtige Rolle spielte und der auch den famosen Soundtrack (samt dem Gassenhauer „Knockin’ on Heaven’s Door“) beisteuerte.

Stoff für Mythen

Apropos Billy the Kid: Seine genaue Herkunft, sein Geburtsdatum und sein wirklicher Name sind bis heute umstritten. Gesichert ist, dass er 1881 in New Mexico – vermutlich erst 22-jährig – von Pat Garrett (1850–1908), dem Sheriff von Lincoln County, erschossen wurde. Die Helden- oder Schandtaten (je nach Sichtweise), die man Billy bis heute andichtet, hätten für mehrere Leben gereicht. Ähnliches gilt für Jesse Woodson James (1847–1882), der wie Billy the Kid von hinten erschossen wurde, und noch dazu, als er gerade in seinem Haus ein Bild abstaubte und keine Waffe trug. Ähnliches gilt für James Butler „Wild Bill“ Hickok (1837–1876), der beim Kartenspiel in einem Saloon in Deadwood, South Dakota, hinterrücks erschossen wurde. Ähnliches gilt für Martha Jane Cannary Burke („Calamity Jane“, 1852–1903), über die so viele Geschichten kursieren, dass sie sie unmöglich alle selbst erlebt haben kann, zumal sie mit nur 51 Jahren, verarmt und vereinsamt, in Terry, South Dakota, verstarb. Eines natürlichen Todes starben hingegen John Henry „Doc“ Holliday (1851/52–1887) und sein Freund Wyatt Berry Stapp Earp (1848–1929), deren gemeinsamer „Gunfight at the O.K. Corral“ gegen die die McLaury- und die Clanton-Brüder in Tombstone, Arizona, am 26. Oktober 1881 unverzüglich in die Populärkultur einging.

Solche Biografien sind der Stoff, aus dem die Mythen sind. Oft schon zu Lebzeiten, aber vor allem nach ihrem Tode, wiesen die (oft fragwürdigen) Heldinnen und Helden des „Old West“ eine Popularität auf, wie man sie heute nur von Showbusiness-Stars kennt – und Showbusiness ist ein gutes Stichwort: William Frederick Cody („Buffalo Bill“, 1846–1917), ein mit allen Wassern gewaschener Tausendsassa, Büffeljäger, Soldat und Scout war es, der mit seiner „Buffalo Bill’s Wild West Show“ die Mythologisierung des Westens auf eine erste Spitze trieb. Nicht nur der legendäre Sioux-Häuptling Sitting Bull trat bei ihm auf, sondern auch etwa Calamity Jane. Cody unternahm sogar Europa-Tourneen, und so verbreiteten sich die Geschichten und Klischees über den Wilden Westen, die Buffalo Bill publikumswirksam aufbereitete. „Inspiriert“ war Cody von dem New Yorker Journalisten Ned Buntline worden, den er in den 1870er-Jahren kennengelernt hatte, als dieser eigentlich eine Reportage über Wild Bill Hickok schreiben wollte. In Reportagen, Büchern und Theaterstücken feierte Buntline Cody ab, bis dieser erkannte, dass er sich genauso gut selbst vermarkten könne. Diese Zeit gilt auch als Geburtsstunde der Westernliteratur, die – lange, bevor es Film überhaupt gab – die Biografien und die Taten der legendären Outlaws fortschrieb, beschönigte, verklärte und ihren Ruhm befeuerte, wenn nicht sogar erst mitbegründete. „Literatur“ schließt hier natürlich alle Formen von Druckerzeugnissen mit ein, „Serials“, Groschenhefte, Zeitungsreportagen, Biografien und Romane.

Phantastische Reise

Es ist erfreulich, dass nicht nur der Western-Film immer wieder „aufersteht“, sondern dass es auch Autorinnen und Autoren gibt, die das Genre literarisch am Leben erhalten. Der 1947 in Mexiko geborene James Carlos Blake etwa veröffentlichte 1995 seine Romanbiografie „Pistoleer“. Erst 2015 erschien dieses großartige Buch unter dem Titel „Pistolero“ beim Verlag Liebeskind, der sich inzwischen große Verdienste um die Veröffentlichung hoch qualitativer, nicht vordergründig Mainstream-tauglicher US-amerikanischer Literatur erworben hat. Noch länger dauerte es, bis Pete Dexters 1986 veröffentlichter Roman „Deadwood“ 2011 auf Deutsch – ebenfalls bei Liebeskind – erschien, während Rudolph Wurlitzers „The Drop Edge of Yonder“ (2008) 2012 als „Zebulon“ bei Residenz veröffentlicht wurde.

Wurlitzer, der unter anderem das Drehbuch zum erwähnten Peckinpah-Klassiker Pat Garrett & Billy the Kid und zum vielleicht besten Road Movie ever, Monte Hellmans Two-Lane Blacktop (1971, eklektisch besetzt mit Warren Oates, dem Country-Sänger James Taylor, Laurie Bird, der späteren Geliebten Art Garfunkels, die mit 26 Jahren Selbstmord beging, und mit Beach Boy Dennis Wilson), geschrieben hatte, breitet in „Zebulon“ zwar eine fiktive Biografie aus, reichert diese jedoch großzügig mit bekannten Topoi und Erzählsträngen des Westerns an. Der Kern des Buches stammt unverkennbar, wenn man seine „psychedelischen“ Details (indianische Weisheiten, Naturmystik, Drogen aller Art) berücksichtigt, ebenfalls aus den siebziger Jahren. Aus dem damals verfassten Drehbuch wurde zwar kein Film, wer aber aufmerksam liest, wird erkennen, dass Jim Jarmusch mehr als nur darin geblättert haben dürfte. Ähnlichkeiten mit seinem Schwarzweiß-Meta-Western Dead Man (1995) sind durchaus gegeben. Wurlitzer war, wie er in einem Interview sagte, nicht verbittert, er lache sogar darüber. Sein Freund, der Filmemacher Alex Cox, für den Wurlitzer u.a. das Drehbuch zum Nicaragua-Abenteuer Walker (1987) geschrieben hatte, war hingegen empört: „Jarmusch just stole the idea, which was really shocking. I haven’t been able to speak to Jarmusch since that happened. Rudy could’ve sued him. I would’ve sued his ass.”

Wie auch immer: Zebulon Shook, so heißt der Held des Romans, ist ein Fallensteller im Südwesten der Vereinigten Staaten, dem allmählich die Motivation ausgeht. Die Pionierzeit (wir schreiben Mitte des 19. Jahrhunderts) ist vorbei, die frontier bestenfalls eine romantische Reminiszenz, die rücksichtslose Erschließung des Westens in vollem Gange. Seine sterbende Geliebte, halb Shoshone, halb irisch, mit dem schönen Namen Not Here Not There, verflucht ihn: „From now on, you will drift like a blind man between the worlds, not knowing if you’re dead or alive, or if the unseen world exists, or if you’re dreaming. Three times you will disappear to yourself and all that you know, and three times you will …“ (Der Satz bleibt unvollendet.) Gemeinsam mit Delilah, der aus Abessinien stammenden, in Frankreich aufgewachsenen Sklavin/Herrin eines russischstämmigen Abenteurers, und mit seinem Halbbruder Hatchet Jack, den sein Vater beim Pokern gewonnen und der als Kind versucht hatte, ihn zu ertränken, macht sich Zebulon auf eine rastlose Reise durch Amerika.

Wurlitzer entwirft eine faszinierende Welt, in der Western-Versatzstücke wie Saloon-Schlägereien oder Schießereien ebenso ihren Platz haben wie eher exotische Figuren und Schauplätze. So fährt Zebulon unter anderem auf einem Schiff (ein im Western eher selten verwendetes Verkersmittel), erlebt in Mexiko einen Aufstand mit, gewinnt beim Billard eine Reise nach Panama und erkrankt dort schwer. Weiter geht es nach San Francisco zu den Goldminen – auf dem Weg dorthin muss er sich allerdings erst aus einem schwimmenden Gefängnis im Sacramento River befreien. Immer wieder einmal ist er, gemäß dem Fluch, tot, von einer Kugel ins Herz getroffen, immer wieder aber erwacht er im Straßengraben zu neuem Leben – oder träumt er nur? Die Geschichte jedenfalls geht jedes Mal mit Verve weiter und hält einen in Atem. Dazwischen gibt es Einsprengsel aus Wurlitzers Drehbüchern (Zebulon schließt sich beinahe der Expedition des Abenteurers William Walker an, der 1855 eine kurzlebige Diktatur in Nicaragua errichtete) und Anklänge an Jack Kerouacs „On the Road“ (1957), ein Buch, das den damals 19-jährigen Wurlitzer, wie er selbst sagt, nachhaltig beeindruckt hatte.

Was die Mythenbildung betrifft: Rudolph Wurlitzer, ein aufmerksamer Beobachter, hat auch eine Figur eingeführt, die sich genau dem widmet. Zebulon wird von einem Zeitungsschreiber aus dem Osten, Artemis Stebbins, verfolgt, der unbedingt eine reißerische Reportage über den „Westen“ schreiben will. Also erzählt ihm Zebulon wilde Geschichten, die so nie passiert sind. Stebbins ist das egal, für ihn ist das ein gefundenes Fressen. Später begegnen sie einander in San Francisco wieder, da ist Shook in den Augen der Öffentlichkeit bereits zu einem monströsen Killer geworden, und es sind 500 Dollar auf seinen Kopf ausgesetzt. Als Zebulon sich bei Stebbins beschwert, antwortet der Journalist unumwunden: „It’s why I’m here: to satisfy the public’s insatiable hunger and curiosity for frontier lore. And you, my friend, rank with the very best, thanks to my adventurously inflated prose.” Am Ende des Buches ist, folgerichtig, der reale Zebulon Shook endgültig mit seinem Mythos verschmolzen: Jemand enthüllt eine Wandtafel, auf der alle seine (vermeintlichen) Taten aufgezählt werden. Und das in einer Bar in einer Stadt, die – ihm zu Ehren – in Shooksville umgetauft wurde. Die Legende ist Realität geworden.

A friend to the poor?

„I never killed anyone who didn’t need killing“, so lautete die „Rechtfertigung“ des texanischen Revolverhelden John Wesley Hardin, der im Mittelpunkt von James Carlos Blakes „Pistolero“ steht. Wenn Bob Dylan in ihm „a friend to the poor“, „always known to lend a helping hand“ sah, dann ist der berühmte Sänger wohl dem Mythos aufgesessen, der sich in Texas schon zu seinen Lebzeiten um den Outlaw bildete. Hardin wurde 1877, mit 24 Jahren, von der Polizei gefasst und zu insgesamt 27 Jahren Zuchthaus verurteilt. 1894 kam er, nach einem im Gefängnis absolvierten Jusstudium und einer Tätigkeit als Seelsorger, wieder frei. Auch seine mehr als zweifelhafte Autobiografie, „The Life of John Wesley Hardin: As Written By Himself”, die 1896 posthum veröffentlicht wurde, schrieb er im Gefängnis. Wieder in Freiheit, bestand er die Anwaltsprüfung und hätte also praktizieren können. Doch dazu kam es nicht mehr: Am 19. August 1895 wurde er beim Würfelspiel in einem Saloon in El Paso von John Selman Sr., seines Zeichens Polizist und selbst ehemaliger Outlaw, von hinten in den Kopf geschossen – keine polizeiliche Maßnahme übrigens, sondern ein Racheakt, weil Hardin kurz zuvor einen heftigen Streit mit Selmans Sohn ausgetragen hatte.

James Carlos Blake hat akribisch Fakten und Fiktion zu einem breit angelegten biografischen Panorama zusammengetragen. Dabei bedient er sich eines hervorragenden Kunstgriffs: Das Geschehen wird aus den unterschiedlichsten Perspektiven dargestellt: von Verwandten und Freunden des Pistoleros, von zufälligen Bekanntschaften und Prostituierten, mit denen Hardin zugange war, von Gegnern und Befürwortern. Polizeiprotokolle werden ebenso zitiert wie Hardins Autobiografie. So ergibt sich ein ungemein reichhaltiges Bild dieses Mannes, der von sich selbst behauptete, 42 Menschen erschossen zu haben – nach Angaben der Polizei waren es „nur“ 27, und nur für vier „Todesfälle“, die man ihm nachweisen konnte, wurde er schließlich eingesperrt. Hardins beständiges Argument war, in Notwehr gehandelt zu haben – ein, wie man weiß, nicht nur im Wilden Westen sehr dehnbarer Begriff. Seine Popularität verdankte er wohl der Tatsache, dass er sich zu einer Art Guerillero stilisierte. Texas hatte – ein für uns eher unbekanntes Kapitel US-amerikanischer Geschichte – sehr unter den Folgen des Bürgerkriegs zu leiden, denn die siegreichen Nordstaaten übten ein, vorsichtig gesagt, sehr strenges Regiment aus. Vor allem die Polizei, der auch zahlreiche Schwarze angehörten (was natürlich im Süden gar nicht goutiert wurde), hatte weitreichende Befugnisse, deren Rechtsstaatlichkeit durchaus fragwürdig war. Der erste Mensch, den John Wesley Hardin im Alter von 15 Jahren und in Notwehr, versteht sich, tötete, war ein freigelassener Sklave seines Onkels. In der Folge legte sich Hardin immer wieder mit den „Yankees“ an und erlangte so den Status eines „Freiheitskämpfers“. Er zog eine  blutige Spur durch Texas, wobei ebenso wenig klar ist, ob alle Morde, die ihm angelastet wurden, tatsächlich auf sein Konto gingen, wie umgekehrt. Es öfter kam vor, dass er an mehreren Orten gleichzeitig „gesehen“ wurde. Im Wesentlichen war er ständig auf der Flucht oder musste sich verstecken, oft bei seinen weit verstreuten Verwandten. Bei all dem muss man bedenken, dass er zu der Zeit blutjung war. Die (verbürgte) Begegnung mit „Wild Bill“ Hickok, der damals in Abilene Marshall war, fand im Jahr 1871 statt, als Hardin gerade einmal 18 war.

„Pistolero“ ist ein pulsierendes, vorwärts stürmendes, richtig „saftiges“ Buch, während dessen Lektüre man den Western dazu quasi vor dem geistigen Auge ablaufen sieht. James Carlos Blake, immerhin schon 48, als er diesen seinen ersten Roman schrieb, ist ein wortgewaltiger Erzähler – wie auch in „Das Böse im Blut“ („In the Rogue Blood“), dem einzigen weiteren auf Deutsch erschienenen unter seinen zahlreichen Romanen, die zumeist in der Vergangenheit spielen und sich mit historischen Persönlichkeiten befassen (so etwa „Handsome Harry“ über den Dreißiger-Jahre-Gangster Harry Pierpont). Bemerkenswert an „Pistolero“ ist zudem, dass auch Blake  – wie Wurlitzer – den Status Hardins als „Medienpersönlichkeit“ mit berücksichtigt hat, eine Facette, die den Roman noch einmal um einiges schillernder macht. Dass einer der Journalisten den Namen Peckinpah trägt, ist ein gelungener Insider-Joke. Die Festnahme des Outlaws im August 1877 in Florida ist ein Medienspektakel und sein Rücktransport nach Texas eine Art wanderndes Volksfest. In jeder Stadt, durch die der Zug fährt, stehen Menschenmassen auf dem Bahnsteig, um einen Blick auf den Killer zu erhaschen. Auch die Polizeiarbeit wird von Blake minuziös geschildert – die Verhaftung Hardins ist kein Zufallsereignis, sondern das Ergebnis von Recherchen und „moderner“ Kommunikation, die auch in den „Old West“ Einzug gehalten hat. Letztlich spiegelt sich darin auch eine gewisse Tragik Hardins: Die Welt hat sich weiter gedreht. Im Kino wurde John Wesley Hardin vergleichsweise selten verewigt, auch wenn für 2017 ein neues Projekt angekündigt ist. Am bekanntesten ist wohl Raoul Walshs The Lawless Breed (1953), in dem Rock Hudson den texanischen Pistolero spielte.

Dreckskaff

Peter Dexters großartige Romane – alle inzwischen bei Liebeskind auf Deutsch veröffentlicht – sind grimmige Erzählungen aus einem düsteren, unfreundlichen Amerika voller Gier, Rassismus und Gewalt, und sie wurden fast alle prominent verfilmt – zuletzt „God’s Pocket“ im Jahr 2014 mit Philip Seymour Hoffman und Christina Hendricks unter der Regie von John Slattery. „Paris Trout“ (1988), der in den fünfziger Jahren in einem bigotten, rassistischen Georgia spielt und für den er den National Book Award erhielt, wurde von Stephen Gyllenhaal, dem Vater von Jake und Maggie, mit Dennis Hopper, Barbara Hershey und Ed Harris für die Leinwand adaptiert.

Mit „Deadwood“,auf dem die gleichnamige Fernsehserie (siehe S. xx) lose basiert, schrieb der 1943 in Michigan geborene ehemalige Journalist, der einst bei einer Schlägerei schwer verletzt wurde (ein Erlebnis, auf das er in „Paperboy“ Bezug nimmt), ein für ihn ungewöhnliches historisches Porträt – das des legendären Westerners „Wild Bill“ Hickok in den letzten Wochen vor seinem Tod. Wie James Carlos Blake in „Pistolero“ objektiviert Dexter das Geschehen, indem er es von einer anderen Person als dem Protagonisten erzählen lässt, in diesem Fall von Charley Utter, der zwar historisch verbürgt ist, aber in Wirklichkeit Hickok nicht so nahestand wie in dem Buch. Aber gerade das erweist sich als geniale Idee, weil so das differenzierte Bild eines „alternden“ Westernhelden (Hickok war 39, als er erschossen wurde) und des „alten Westens“ insgesamt entsteht. Der gefürchtete „Wild Bill“ ist müde geworden, desillusioniert, krank und halb blind.

Deadwood, South Dakota, ist nach außen hin eine Boomtown, in Wirklichkeit aber ein vor Schlamm und Dreck strotzendes Kaff, in dem Gier, Geiz, Gewalttätigkeit, Eitelkeit und Dummheit eine unheilige Allianz eingehen. Das heißt aber nicht, dass Dexter der Mythologie des Westens nichts abgewinnen kann – im Gegenteil: Solch großartig beschriebene Schießereien und Schlägereien, solch präzise Porträts von „stehenden“ Figuren des Genres wie dem Sheriff, dem Zeitungsherausgeber, dem Saloon-Besitzer, dem Prediger, dem Arzt, dem lokalen Trunkenbold, der „Hure mit Herz“ und allerlei Finsterlingen, die sich in Deadwood gegenseitig das Leben schwer machen, wird man selten finden. Aber das ist noch lange nicht alles: Auch die berühmte Calamity Jane bekommt ein ungemein vielschichtiges, weit über die bekannten Klischees als Flintenweib hinausgehendes Profil, wie überhaupt alle Frauen in diesem Buch ungemein sorgfältig gezeichnet sind. Quasi nebenbei erfährt man noch allerlei soziologische Details, wie etwa die im Western gern verschwiegene Tatsache, dass eben nicht alle Leute damals – viele von ihnen frisch eingewandert –, perfekt Englisch konnten, dass es Chinesen gab, die in einer Art Ghetto lebten, dass findige Geschäftsleute sich daran machten, das Transport- und Postsystem zu modernisieren, eine Pockenepidemie, die die Behörden heillos überforderte, und dergleichen mehr. Insgesamt ergibt das so ein reichhaltiges Bild, dass man sich fragt, warum das Buch nicht schon längst filmisch adaptiert wurde. Und trotz all der vielen Aspekte, die Dexter in seiner gewohnten lakonischen, unaufgeregten Sprache, die noch dazu historisch und geografisch akkurat ist (mit vielen „would ofs“ statt „would haves“), ausbreitet, lässt er seinen eigentlichen Helden „Wild Bill“ Hickok nie aus den Augen. Warum sich der notorisch vorsichtige und argwöhnische Mann am 2. August 1876 beim Kartenspiel ausnahmsweise nicht so hinsetzte, dass den ganzen Saloon überblicken konnte, wird allerdings auch hier nicht geklärt – mag sein, dass James Butler Hickok einfach genug hatte – vom Davonlaufen, vom Flüchten, vom Leben. Der Legendenbildung hat es ganz gewiss nicht geschadet.