Der Tod General Custers am Little Bighorn befeuerte nicht nur den Westernfilm für einige Jahrzehnte. Einige Gedanken über Mann und Mythos.
„Das Leben schreibt keine Geschichten. Wir sind es, die das Geschehen in Geschichten ummünzen.“ (Paul Nizon)
Jede Legende birgt eine Wahrheit. Untrennbar sind beide miteinander verbunden, wiewohl es die Legende ist, die sich wie ein Mantel um die Wahrheit legt. Man kann zwar versuchen, zur Wahrheit vorzudringen und sie von der Legende zu befreien, doch das Ergebnis wird immer enttäuschend ausfallen. Denn selbst wenn Schicht für Schicht an Bildern und Erzählungen abgetragen wird, wenn all das abgekratzt wird, was im Laufe der Zeit der Wahrheit angedichtet wurde, kommen doch nur bloße Zahlen und Fakten zum Vorschein, die nichts bedeuten ohne ihre dazugehörige Geschichte. Und zwar ohne die Geschichte jener Menschen, die – und sei es bloß Schicksal – auf das Ereignis zusteuerten und es bewirkten.
Am Nachmittag des 25. Juni 1876 reitet ein Teil des 7. Kavallerieregiments der United States Army unter der Führung von Major M. Reno eine Attacke am Little Bighorn River in Montana. Es ist kurz nach drei Uhr, als es zum Kampf gegen die am linken Flussufer lagernden indianischen Stämme der Lakota, Cheyenne und Arapaho unter der Führung von Crazy Horse, Spotted Elk und des bereits alten und deshalb nicht eingreifenden Sitting Bull kommt. Der geplante Überraschungsangriff wird umgehend zurückgeschlagen, und Reno sieht sich nach wenigen Minuten zum Rückzug gezwungen. Ein zweiter Teil des Regiments unter Major F. Benteen, der dem Gegner den Fluchtweg hätte abschneiden sollen, eilt aus dem Süden kommend zu Hilfe, wird aber ebenfalls überrannt und muss, stark dezimiert, gemeinsam mit Reno bis in die Abendstunden kämpfend auf einer kleinen Anhöhe ausharren. Die Geschichte, die zur Legende werden wird, schreibt an diesem Tag jedoch jener Mann, der mit dem größten Teil seines Regiments aus dem Norden anrückt. „Sei nicht zu gierig, lass ein paar für uns übrig“, soll der Befehlshaber des Dakota-Territoriums, Alfred H. Terry, noch zu seinem Generalmajor gesagt haben, ehe dieser mit seiner Kavallerie der ihm langsam nachfolgenden Heereskolonne vorauseilte. Doch übrig bleibt an diesem Sonntag keiner seiner mehr als zweihundert Soldaten, und auch der Mann mit dem langen, blonden Haar, den die Indianer „Yellow Hair“ nennen, findet ein rasches Ende. Frühzeitig entdeckt, dauert der Kampf kaum eine Stunde. Und mit dem Tod von Brevet Major General George Armstrong Custer beginnt sein zweites Leben – in Vaudeville-Shows und Volksstücken, auf Gemälden und in Geschichten. Vor allem aber, knapp vierzig Jahre später, im Kino.
In dem 1883 erschienenen und weit verbreiteten Geschichtsbuch „A Popular History of the United States“ von John Clark Ridpath heißt es: „Die Auseinandersetzung reichte hinsichtlich Verzweiflung und Desaster an jede andere jemals in Amerika ausgefochtene Indianerschlacht heran, wenn sie jene nicht sogar übertraf. Einzelheiten des Gefechts sind nur sehr wenige bekannt.“ In Ridpaths Chronik nimmt der für Reno und Benteen zwei Tage dauernde Kampf am Little Bighorn bis zum Eintreffen von Terrys Kolonne nur wenige Zeilen ein, ist im Grunde nicht mehr als eine Randnotiz in der Geschichte des Landes – und dennoch eine Notiz, die anderweitig bereits großes Echo hervorgerufen hatte. Als die Nachricht von der Niederlage Custers mit Verspätung die großen Städte im Osten erreichte, hatten diese bereits die Einhundertjahrfeiern der Unabhängigkeitserklärung am 4. Juli absolviert. „Wir halten diese Wahrheiten für ausgemacht, dass alle Menschen gleich erschaffen worden, dass sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten begabt worden“, heißt es in der Präambel. Im Jänner desselben Jahres wurden die indianischen Ureinwohner, die an einen anderen Schöpfer glaubten, in Reservate gedrängt, nur wenige Wochen nach der Schlacht am Little Bighorn mit Colorado der 38. Bundesstaat geschaffen. So bildet man sich eine eigene Wahrheit und hält sie für ausgemacht, auch wenn sie an den Grenzen zu den verbliebenen Territories, gerne und oft „Frontier“ genannt, endet.
Custers vernichtende Niederlage sollte den Gedanken der Expansion, den als Manifest Destiny bezeichneten Glauben an den göttlichen Auftrag, mit der die europäischen Siedler das Land für sich in Anspruch und Besitz nahmen, beschleunigen wie kaum ein anderes Ereignis in der Geschichte der Vereinigten Staaten. „Jedes Jahr nähert sich die Welle der Einwanderung der untergehenden Sonne und erweitert die Grenze der Zivilisation“, schrieb der von dieser „Bestimmung“ überzeugte Custer, der selbstverständlich seinen Sold in Anteilen an Goldminen in Colorado und in einer die US-Kavallerie beliefernden Hufeisenfabrik veranlagte. Der Letzte seines Jahrgangs in Westpoint wurde mit seiner Niederlage zum Ersten, der die „Lösung des Indianerproblems“, wie es die großen Zeitungen bald formulierten, beschleunigte wie nie zuvor. Bereits 1876 wurden vier Volksstücke aufgeführt, die Custers „letzte Schlacht“ nachstellten, ehe der Büffelschlächter William F. Cody mit seinen Wild-West-Shows das Bild des wehrhaften Kommandanten prägte, der mit breitrandigem Hut und mit Fransen besetzter Lederjacke den anstürmenden Feinden trotzt: eine in ihrer aufrechten Haltung buchstäblich zum Mythos erstarrte Figur. Er habe so viel getan, um ihren Mann für Kinder und Jugendliche zu einem Idol zu machen, schrieb Elizabeth Bacon Custer an Cody und dankte „von ganzem Herzen“. Und sie schrieb drei Bestseller über ihren Mann und starb wohlhabend in einem Haus an der New Yorker Park Avenue.
Von der vermutlich ersten filmischen Darstellung Custers in dem vom Filmpionier William N. Selig produzierten On the Little Big Horn (1909) über die glorifizierende Darstellung in vielen Filmen bis zum Zweiten Weltkrieg, über den Wandel zum Bösewicht und Indianerhasser bis zur Karikatur eines Wahnsinnigen: Wenige andere historische Figuren haben im Kino derart viele und vor allem unterschiedliche Erscheinungsformen angenommen. Ein Mythos, der wiederum vor allem auf der Leinwand, der größten Bildermaschinerie des vergangen Jahrhunderts, aus unzähligen verschiedenen Figuren zusammengesetzt wurde.
Vielleicht ist es gerade deshalb sinnvoll, Custer im Kino weniger über einzelne Filme zu erfassen, sondern über einzelne Szenen, vielleicht gar nur über Augenblicke. War Custer der eingebildete Außenseiter, wie Errol Flynn in They Died with Their Boots On (1941), der auf einem Esel in Westpoint einreitet und der mit allem spielt außer mit seinem Namen? Einer der besten Momente gelingt Raoul Walsh, wenn der vor Selbstbewusstsein strotzende Galan vor Olivia de Havilland als seiner zukünftigen Frau aufmarschieren muss und für wenige Sekunden Nervosität und Unsicherheit aufblitzen. Oder man glaubt John Wayne, wenn er am Ende von John Fords Fort Apache (1948) vor dem Bild Henry Fondas steht, der als Col. Thursday – der wohl bekanntesten Custer nachempfunden Figur des Genres – seine Männer in den Untergang geführt hat. Er sei wohl ein mutiger Kommandant gewesen, meint einer der anwesenden Zeitungsreporter, worauf Wayne entgegnet: „No man died more gallantly“. Und auf ein Gemälde angesprochen, das in Washington hängt und das Thursday als heroischen Mann im Angesicht des Todes zeigt, sagt Wayne im falschen Brustton der Überzeugung, aber für die Nachwelt: „Correct in every detail.“ Oder man amüsiert sich mit Dustin Hoffman in Arthur Penns Little Big Man (1970), wenn er Richard Mulligan als Custer („There are no Indians there, I suppose“) mit einem billigen Trick und der Wahrheit ins Verderben schickt, weil dieser sich schlauer meint. „Still trying to outsmart me, aren’t you, mule-skinner? You want me to think that you don’t want me to go down there, but the subtle truth is you really don’t want me to go down there!“ Also geht er doch und mit einem lächerlichen roten Halstuch, aber ohne wehende Fahnen unter.
Oder man beobachtet Robert Shaw als Custer in Robert Siodmaks Custer of the West (1967) in einer der schönsten Szenen aller Custer-Filme, obwohl oder gerade weil er in dieser nur eine Nebenfigur darstellt. Die Szene gehört nämlich Robert Ryan als Deserteur, während Shaw nur als Zuhörer fungiert: Ryan sitzt in seiner Zelle und wartet auf seine Hinrichtung am nächsten Morgen, und weil er sich buchstäblich um Kopf und Kragen redet, erzählt er eine Geschichte aus seiner Jugend, als er mit einer Mitschülerin zum Erdbeerenpflücken in den Wald ging. Alle Früchte seien im Korb des Mädchens gelandet, ohne dass er es bemerkt habe, erinnert er sich. Und da habe er plötzlich gewusst, dass er sich zum ersten Mal verliebt habe. Eine Welt der Gefühle und der Sinne, die dem an Fakten interessierten Custer völlig fremd ist. „You’ve got no feelings, General!“, meint Ryan, „there’s just an empty place inside.“ Als er die Zelle verlässt, meint Custer zum Todgeweihten, dass dieser sich vielleicht vom Leben zu viel erwarte, dass das Leben aber auch vielleicht gar nicht so viel zu bieten habe. Custers Fakten sind eben eine andere Wahrheit. Vielleicht ist aber gerade das die Wahrheit hinter der eigenen Legende.
