Filmkritik

What a Wonderful World / Ce lume minunata

| Jörg Schiffauer |
Beklemmende Aufarbeitung des schwierigen Wegs Moldawiens zur Demokratie

Unmittelbar nach Bekanntgabe des Ergebnisses der Parlamentswahlen kam es in April 2009 in der moldawischen Hauptstadt Chisinau zu Protesten gegen die regierende Kommunistische Partei, deren erneuten Sieg die Demonstranten auf massive Wahlfälschung zurückführten. Dabei wurden auch öffentliche Gebäude gestürmt und geplündert, worauf die Exekutive mit äußerster Brutalität reagierte.

Von den Spannungen, die sich in seinem Heimatland aufbauten, hat Petru (Igor Babiac) wenig mitbekommen. Der junge Mann absolviert sein Studium in Boston und kommt zu einem Familienbesuch nach Moldawien zurück. Noch am gleichen Abend entschließt er sich, einen Computer-Monitor, den er verborgt hatte, abzuholen und nach Hause zu tragen. Von den spontanen Kundgebungen, die im Laufe dieses Tages stattgefunden haben, weiß er nichts – eine verhängnisvolle Informationslücke, denn Petru wird für einen Demonstranten gehalten und wie andere Aktivisten von der Straße weg verhaftet und in eine Polizeistation gebracht. Seine Versuche, den Irrtum aufzuklären, werden nicht einmal ignoriert, der junge Mann findet sich in einem albtraumhaften Szenario wieder, dessen kafkaeske Züge sich bald in blanken Terror verwandeln.

Anatol Durbalaˇ, ein in seiner Heimat populärer Schauspieler, der in TV-Sendungen auf satirische Weise Missstände des politischen Systems aufs Korn zu nehmen pflegt, hat mit seinem Regiedebüt What a Wonderful World ein dunkles Kapitel der „Twitter-Revolution“ in der Republik Moldau beleuchtet, das nur sehr bedingt Eingang in die internationale Berichterstattung gefunden hat. What a Wonderful World ist ein wütender Aufschrei gegen jene Kräfte, die sich nach außen hin demokratisch gesinnt geben, doch in Wahrheit immer noch gewillt sind, jede abweichende Meinung brutal zu unterdrücken. Mit äußerst geringem Budget produziert, bezieht Durbalaˇs Inszenierung gerde daraus jene semi-dokumentarische Direktheit, die die Eskalationen in all ihrer Brutalität beinahe spürbar macht. Zum Kulminationspunkt wird das Verhör, dem Petru durch einen Polizeioffizier unterzogen wird. In kammerspielartiger Dichte wird das Aufeinanderprallen zweier konträrer Welten verdeutlicht: Der Vertreter des Ancien Régime trifft auf einen Repräsentanten der jungen, weltoffenen Generation, deren Ideen zur Bedrohung für das alte System werden.

Igor Caras-Romanov spielt die Rolle des Vernehmers, der sich dabei in einen Wutrausch steigert – dass jemand in Boston, Massachusetts, studiert, reicht schon aus, um ihn als Verräter abzustempelen – mit verstörender Intensität. What a Wonderful World wurde beim Crossing Europe Festival mit dem ray Audience Award ausgezeichnet und wird im Juni im Moviemento Linz gezeigt.