Ein beeindruckender Blick auf das Leben der Black Community im Süden der USA
Wer bei der letzten Viennale die hypnotisch-hybriden Dokumentarfilme mit Spielfilmelementen des Regisseurs Roberto Minervini verpasst hat, bekommt jetzt wenigstens die Gelegenheit, sein neuestes Werk auf der großen Leinwand zu entdecken. Dort sollte man alle seine Filme wegen der ausgeklügelten Kameraarbeit (diesmal in klassischem Schwarzweiß) auf jeden Fall sehen, aber nicht nur auf der visuellen Ebene hebt sich Minervinis Werk von zahlreichen Dokumentaristen ab.
Er versteht es wie kaum ein anderer, seine Hauptfiguren mit fast zärtlicher Empathie zu beobachten und trotzdem die notwendige filmische Distanz zu wahren. Weil der Film in der amerikanischen Originalfassung ohne Untertitel gezeigt wird (ein Danke an den Stadtkino Verleih für diesen Mut), versteht man nicht unbedingt jedes Wort, was aber gar nicht notwendig ist, lebt er doch sehr stark von den Gesichtern, Gesten und der Energie seiner charismatischen Protagonisten.
Allen voran der Barbesitzerin Judy, die eine solche Power ausstrahlt, dass man ihr allein gerne zwei Stunden dabei zusehen würde, wie sie durch ihre Anteilnahme gebrochene Verwandte wieder aufrichtet oder sich mit Furor über die Jahrhunderte dauernde Diskriminierung der Black Community empört. Das ist auch das Thema des Filmes: die Geschichte einer Verletzung, eines Verlusts an Würde, der zwar schon vor vielen Generationen während der Sklaverei seinen Höhepunkt erreicht hat, der aber noch lange nicht überwunden scheint. Noch immer gibt es neben systematischer Polizeigewalt gegen Schwarze auch rassisch motivierte Morde – einen besonders grausamen untersucht die New Black Panther Party in Eigen-
regie im Film, wenn sie sich nicht um die Obdachlosen der Gegend, egal welcher Hautfarbe – kümmert.
Die Perspektive der jugendlichen Afroamerikaner wird vom schüchtern-selbstsicheren Brüderpaar Ronaldo und Titus
eingenommen, die mit Stilwillen und Geschichtsbewusstsein versuchen, nicht in die Fußstapfen ihres kriminellen
Vaters zu treten. Dem schon lange in den USA lebenden Italiener Roberto Minervini gelingt nicht nur ein vielschichtiges Porträt von eindringlichen Menschen, die es schaffen, trotz aller Wut, Emotionalität und Betroffenheit komplexe geschichtliche Zusammenhänge perfekt auf den Punkt zu bringen, sondern die analytische Innenansicht eines Systems, das auf Unterdrückung basiert und Armut und Kriminalität nach sich zieht.
