Hochspannendes Fallbeispiel: Das Nachwirken der Shoah im Familiären
Martin Millers Mutter Alice war Psychologin, selbsternannte Kindheitsforscherin und zumindest für einige Zeit dank ihres Bestsellers „Das Drama des begabten Kindes“ (Ersterscheinung 1979) weltbekannt. Seit ihrem Ableben im Jahr 2010 berichtet ihr Sohn von seinen eigenen Traumata aus Kindertagen und legt die Ambivalenz von Alice Miller offen: Unter anderem standen für Martin Schläge durch den Vater an der Tagesordnung, spätere Briefe der Mutter an ihren Sohn sind erschreckend herablassend und beleidigend. Die Spurensuche, auf die sich Martin Miller, selbst Psychotherapeut, begibt und die von Regisseur Daniel Howald begleitet wird, ist jedoch keineswegs ein persönlicher Rachefeldzug eines tief Verletzten, sondern eine bedeutsame Erforschung der nachhaltigen Zerstörungskraft des NS-Genozids am Judentum.
Maßgeblich beteiligt an dieser Reise in eine dunkle Vergangenheit ist Alice Millers Cousine Irenka Taurek, die Martin Miller erst in den USA besucht und dann in Polen zu weiterer Recherche trifft. Dass die prominente Kinderforscherin ihre Verfolgungserfahrung als Jüdin während des Zweiten Weltkriegs auf ihren Sohn projizierte, ist dem Filmpublikum bereits klar gemacht worden, wenn Irenka und Martin verschiedene polnische Städte und Archivebegehen, um mehr über Alices junge Jahre zu erfahren und dabei Unterstützung von der Holocaustforscherin Katrin Stoll erhalten. Als ebenso wichtig wie die faktischen Zeugnisse erweisen sich aber Gespräche mit einer von Alices besten Freundinnen, Ania Dodziuk, in denen etwa das Drama der „zweiten Generation“ diskutiert wird – über das eigene Jüdisch-Sein wurde auch nach dem Krieg nicht gesprochen.
All dies sachlich, doch nicht trocken (Interview-Settings werden z. B. nicht bemüht), detektivisch, aber nicht reißerisch, nicht rührselig, und doch hochemotional in das Medium Film zu übersetzen, ist keine einfache Aufgabe. Who’s afraid of Alice Miller? erfüllt diese bestechend mittels des idealen Verhältnisses aus Beobachten, Zuhören, eingelesenen Briefen, Stille an richtiger Stelle und kurzweilig Zeiten und Räume durchschreitender gedanklicher Schärfe hinter und vor der Kamera. Der Strudel vergangener Realität zieht das Gegenwärtige immer tiefer in sich, und während der Film fortschreitend Menschen näher kommt, die selbst mehr und mehr in sich vordringen, mutiert er beinahe plötzlich zum brisanten Polit-Thriller: Unterlagen werden von Behörden nicht herausgerückt, Alice Millers Ehemann – Martins Vater – wird zur mysteriösen Schlüsselfigur. Sodass die Titelfrage einer anderen weicht: War das nationalsozialistische Vernichtungs-System noch direkter im Kinderzimmer als geahnt?
