Portrait of a Lady on Fire

Cannes Blog 7

Wie gemalt

| Pamela Jahn |
Céline Sciamma sorgt für Aufregung im Wettbewerb.

Immer wieder wird es bedauert, kritisiert und diskutiert. Immer wieder stellt das Festival sich stur, ignoriert die Klagen und pfeift auf die Quote. Mit anderen Worten: Man hat es nicht leicht als Frau in Cannes. Das geht schon bei den täglichen Auseinandersetzungen mit den Sicherheitsbeamten los, die ihre klare Machtposition gegenüber weiblichen Akkreditierten immer noch ein Level hochschrauben, sich am Einlass extra bossy geben und den männlichen Kollegen um einen herum auch gern mal den Vortritt gewähren. Nicht weil die es aus irgendeinem Grund verdient hätten, zuerst den Kinosaal zu betreten, sondern einfach so, aus Prinzip, und weil in Cannes eben andere Regeln und Gesetze herrschen.

Das gibt auch für die Beteiligung von Regisseurinnen im Wettbewerb. Seit Jahren muss Thierry Frémaux sich anhören, dass sein Festival nicht genug für die Repräsentation der Geschlechtergleichheit im offiziellen Programm tut. Voriges Jahr haben es nur drei weibliche Regisseure in den Wettbewerb geschafft, heuer sind es immerhin vier – vier von insgesamt einundzwanzig Filmen wohlgemerkt. Noch trauriger ist die Bilanz der Palme d’Or-Gewinner. Denn da führt immer noch Jane Champion die Statistik an, als bislang einzige Frau, die jemals in Cannes mit einer Goldenen Palme ausgezeichnet wurde. 2018 hätte man das ändern können, indem man Alice Rohrwacher für ihren sagenhaften Film Happy is Lazzaro den Hauptpreis gegeben hätte, anstatt sie mit der Hälfte des Preises für das beste Drehbuch abzuspeisen, dessen andere Hälfte an Jafar Panahi und seinen Ko-Autor Nader Saeivar für ihre Arbeit an Three Faces ging. Doch selbst unter dem Vorsitz einer sich offen und mit Nachdruck für mehr Frauen im Filmgeschäft einsetzenden Jurypräsidentin wie Cate Blanchett verpasste man am Ende die Chance, den Bann zu brechen und eine Filmautorin in den Männerclub von Cannes aufzunehmen. In diesem Jahr sitzt die italienische Regisseurin dafür selbst in der Jury, um ihre Stimme bei der Palmenwahl abzugeben. Und gemessen an Rohrwachers eigenen künstlerischen Maßstäben ist zu vermuten, dass auch im diesjährigen Wettbewerb eine Filmemacherin zu den Favoriten auf die Goldene Palme zählt: Céline Sciamma.

Tatsächlich ist die französische Filmemacherin kein Neuling an der Croisette, doch ihr vierter Film ist der erste, mit dem sie es schließlich in den Wettbewerb geschafft hat. Das Historiendrama Portrait of a Lady on Fire erzählt von der Malerin Marianne (Noémie Merlant), die im späten 18. Jahrhundert von einer verwitweten Landadligen (Valeria Golino) den Auftrag erhält, ein Porträt ihrer Tochter Héloïse (Adèle Haenel) anzufertigen – um die junge Dame damit schneller und lukrativer unter die Haube bringen zu können. Héloïse stellt sich dem Plan ihrer Mutter jedoch quer, und zwar mit Verve. Sie hat keine Lust aufs Heiraten, schon gar nicht, ohne zu wissen, wer ihr zukünftiger Mann sein wird. Also verweigert sie sich dem Modelsitzen, was Marianne dazu zwingt, sich zunächst als Gesellschaftsdame auszugeben und das Gemälde heimlich aus der Erinnerung zu malen.

Auf den langen Spaziergängen am Meer, bei denen Marianne und Héloïse sich mit flüchtigen Gesten und intensiven Blicken langsam näher kommen, folgt die Kamera den beiden Frauen mit einer durchdringenden Beharrlichkeit, die im Laufe der Handlung eine aufregende Wendung nimmt. Aus Entschlossenheit wird Zurückhaltung, aus Neugier Begehren, und Sciammas große Kunst besteht darin, die tiefe Intimität, die sich zwischen ihren Protagonistinnen einstellt, auf der Leinwand absolut sinnlich erfahrbar zu machen. Ihre Versiertheit in der Anwendung filmischer Verführungskünste aller Art sollte, wenn es mit rechten Dingen zugeht, am Palmenabend unbedingt gewürdigt werden.

Direkt im Anschluss an Portrait of a Lady on Fire konnte auch Ira Sachs mit einem malerischen Bild trumpfen. Die letzte Einstellung in seinem neuen Film Frankie gehört zu den bislang schönsten Leinwandmomenten dieses Festivals, und allein dafür hätte der US-amerikanische Indie-Regisseur eigentlich einen Preis verdient, nur leider fällt der Film insgesamt zu flach aus. In seinem ersten in Europa gedrehten Drama geht es um eine angesehene Schauspielerin (Isabelle Huppert), die an Krebs leidet und vor ihrem Tod noch einmal ihre Liebsten zum gemeinsamen Familienurlaub im portugiesischen Ferienort Sintra um sich versammelt hat. Dazu gehören neben aktuellen (Brendan Gleeson) und verflossenen (Pascal Greggory) Ehemännern auch ihr Sohn (Jérémie Renier), die Stieftochter (Vinette Robinson), deren Ehemann (Ariyon Bakare) und die gemeinsame Teenagetochter (Sennia Nanua) sowie eine gute Freundin aus der Filmbranche (Marisa Tomei). Sachs erkundet die Beziehungen innerhalb dieser chaotischen Patchwork-Familie mit viel Aufmerksamkeit und Ruhe, und doch bleibt eine merkwürdige Distanz zu den Figuren bestehen, an der Frankie zunehmend leidet. Zu dünn zeichnet der Regisseur sein Gruppenbild mit Dame, als dass man den Blick ohne Abschweife darauf ruhen lassen möchte. Selbst der Schluss, so wunderschön er auch sein mag, kann die Mängel nicht ausbügeln. Immerhin verhilft er am Ende zumindest zu einem melancholischen Glücksgefühl, das den Glauben an die Kraft und die Kunst des Kinos aufrecht erhält.