Koza

Filmfestival

Wiederaufnahme

| Oliver Stangl |
Von 1. bis 6. Juni, ein bisschen später im Jahr als sonst und mit etwas weniger Filmen als üblich, geht das Filmfestival Crossing Europe 2021 über die Bühne.

Letztes Jahr haben wir in unserer Vorberichterstattung extra auf Holz geklopft, doch es fruchtete nichts: 2020 fiel das sympathische Linzer Filmfestival Crossing Europe der Corona-Pandemie zum Opfer. Deshalb klopfen wir heuer doppelt so stark auf Holz. Ob das etwas bringt, wird sich zeigen, doch wir hoffen einfach mal auf einen halbwegs regulären Film- und Kultursommer. Dies hofft natürlich ganz besonders Festivaldirektorin (und designierte Leiterin des Filmfonds Wien) Christine Dollhofer, die das Festival im vergangenen Jahr mit dem EXTRACTS-Programm zumindest teilweise – online und physisch – nachholen konnte: „Wir konnten in Linz und mit unseren Partnerkinos dann doch noch ca. 100 Filme aus dem 2020-Programm zeigen. Insofern war es schön – wenn auch reduziert –, noch vielgestaltige Angebote fürs Publikum zu offerieren und so auch Feedback zu bekommen. Zudem war das EXTRACTS-VoD-Angebot ein Erfolg, was uns sehr gefreut hat.“

Was 2021 betreffe, sei das Team hochmotiviert – dennoch brauche man mitunter eine Kristallkugel, so Dollhofer, die den Ausnahmezustand schon als „unerträglich lange“ empfindet und hofft, „dass durch Tests, Impfung und Präventionskonzepte auch die Kulturbetriebe bald wieder öffnen können und Kultur tatsächlich als Grundnahrungsmittel eingestuft wird.“ Zudem sei „Programmierung“ heuer ein besonders gutes Stichwort, so die Festivalgründerin, denn „wenn unklar ist, wie lange am Tag ein Spielbetrieb möglich ist – sprich: Gibt es eine Sperrstunde? – wird es schon sehr schwer, einen Spielplan aufzubereiten. Was die Präventionsmaßnahmen betrifft – personalisierte Tickets (online und vor Ort), Maske und Schachbrett (also 50% Auslastung), Kontrolle der Corona-Tests bei gleichzeitiger Dauertestung des Teams –, wären wir gut vorbereitet.“

Weiters sei die Filmanzahl etwas reduziert, um eine größere Zeitspanne zwischen den Vorstellungen zu gewährleisten; mit den ungewissen Sperrstundenregelungen sei insbesondere eine Nachtschiene ein Risiko.

Bewährte Filmgrößen
Dollhofer will 2021 auf jeden Fall einen „Teil der Filme, die wir im letzten Jahr eingeladen haben und die bisher in Österreich noch nicht gelaufen sind, wieder ins Programm nehmen. Sind es doch im Besonderen die Filmschaffenden und ihre Arbeiten, die jetzt um ihre optimale Verwertung gebracht werden.“

Dabei werden auch Werke von „alten Bekannten“ des Festivals vertreten sein. Dazu gehört der slowakische Regisseur, Produzent, Drehbuchautor und Kameramann Ivan Ostrochovský, Jahrgang 1972, dem ein Tribute mit insgesamt sieben Filmen gewidmet ist: Bereits 2013 war in Linz als Österreichpremiere der von ihm produzierte Spielfilm Made in Ash (Regie: Iveta Grófová) zu sehen, der heuer erneut am Programm stehen wird. Dass Ostrochovský auch als Produzent fungiert, scheint für ihn essenziell zu sein, ist seine Herangehensweise an ein Projekt doch äußert unkonventionell: „Ich drehe zuerst den ganzen Film wie in einer ,Rohfassung‘, und dann drehe ich den ganzen Film noch einmal.“ Anhand von Ostrochovskýs Filmen lässt sich auch der langsame Wandel seines Schaffens vom Dokumentarischen hin zum Fiktiven mitverfolgen: Der naturalistische Boxerfilm Koza etwa (2015), der in Österreich bei der Viennale für Begeisterung sorgte, kreierte nicht zuletzt durch die Besetzung der Hauptrolle mit dem echten Boxer Peter Balázˇ ein hohes Maß an Authentizität. Ostrochovskýs aktueller Film Servants, der die Unterdrückung der Kirche in der kommunistischen Tschechoslowakei zu Thema hat, sorgte bereits bei der letztjährigen Berlinale für Begeisterung – mit seinem rigiden Schwarzweiß ist er der formal strengste Film des Regisseurs bislang.

Ebenfalls schon bei Crossing Europe vertreten war Helena Třeštíková, wobei man der tschechischen Dokumentaristin, der 2016 ein Tribute gewidmet war, zweifellos den Rang eines Stammgastes zugestehen kann. Třeštíkovás neue Arbeit Anny ist wieder eine jener Langzeitbeobachtungen, die der Filmemacherin zu Recht Kritikerlob eintrugen. Wie so oft wird dabei auch in dieser Arbeit ein individuelles Schicksal mit soziopolitischen Entwicklungen in Tschechien verknüpft: Von 1996 bis 2012 folgte Třeštíková – einfühlsam und doch mit der nötigen Distanz – der Pragerin Anny, die sich wechselweise als Toilettenfrau und Prostituierte durchs Leben schlägt. Obwohl die mehrfache Mutter gesundheitliche und finanzielle Probleme hat, meistert sie diese mit Lebenswillen und Humor. Das berührende Porträt, das vom Überleben in einer harten Welt erzählt, läuft in der Reihe European Panorama Documentary.

Apropos Dokumentarfilm: Keinesfalls entgehen lassen sollte man sich den rumänischen Beitrag Kollektiv – Korruption tötet (Regie: Alexander Nanau), der bei den diesjährigen Oscars sowohl in der Kategorie Bester Dokumentarfilm als auch in der Kategorie Bester internationaler Film nominiert ist – keine geringe Leistung. Ob der hochspannende Film, der sich, von einer Brandkatastrophe in einem Bukarester Nachtclub ausgehend, der Korruptionsstrukturen innerhalb der rumänischen Gesellschaft annimmt, die begehrte Statuette erhalten hat, wissen Sie wohl schon, wenn Sie dieses Heft in Händen halten.

Im Bereich European Panorama Fiction besonders spannend ist All the Pretty Little Horses des Griechen Michalis Konstantatos: Im Mittelpunkt steht ein Paar Mitte dreißig, das zu Beginn noch in einer idyllischen Umgebung präsentiert wird – doch nicht erst, als die beiden in ihre Stadtwohnung zurückkehren, werden Spannungen evident. Welche Tragödie das Paar erleben musste und ob sich gar eine neue anbahnt, bleibt lange in der Schwebe; Konstantatos bewahrt einen distanzierten Blick, baut mit präzisen Bildern Psychothriller-Atmosphäre auf und deutet die Hintergründe nur an. So lässt sich der Film sowohl als individuelles Porträt einer modernen Beziehung interpretieren als auch als Reflexion über die Belastungen, die der Kapitalismus mit sich bringt. Einer der spannendsten und intensivsten Arbeiten – zu sehen in der Reihe Competition Fiction – nennt sich The Blameless und stammt vom spanischen Regisseur Guillermo Benet: Eine Partynacht in einem besetzten Haus wird jäh durch einen Polizeieinsatz unterbrochen. Sechs junge Menschen werden in gewalttätige Auseinandersetzung mit den Beamten verwickelt, ein Polizist durch einen Steinwurf getötet. Die Gruppe flüchtet sich in eine Wohnung und versucht im Lauf der Nacht, die Ereignisse zu rekonstruieren. Dabei zeichnet sich ein moralisches Dilemma um die Frage ab, ob man Schuld auf sich geladen hat – und was zu tun ist. Ein eindrucksvolles Langfilmdebüt, das um Individualität und deren Grenzen kreist – ein Themenfeld, das Benet visuell kongenial durch das enge Bildformat vermittelt.

Einer der berührendsten Filme des diesjährigen Festivals stammt von Bojena Horackova: Walden spielt im Vilnius des Jahres 1989, vor dem Fall des Eisernen Vorhangs: Jana, ausgezeichnete Schülerin und Arzttochter, trifft Paulius, einen jungen Schwarzmarkthändler mit wenig Zukunftsaussichten. Die beiden verlieben sich, doch persönliche und soziale Widersprüche vor dem Hintergrund eines rigiden Überwachungsstaates sind eine große Belastung. Jahrzehnte später kehrt Jana aus dem Pariser Exil zurück, um auf den Spuren der schmerzhaft-schönen Jugend zu wandeln. Horackovas Film vermag einerseits mit dem differenzierten Porträt junger Menschen zu berühren, andererseits gewinnt er Kraft aus dem Spiel mit Gegensätzen: Zukunft trifft auf Vergangenheit, Nostalgie auf Abgeklärtheit.

In der Reihe Local Artists, in der Filmschaffende aus Oberösterreich vertreten sind, gibt es ein besonders diverses Angebot, das aus Vergangenheitsaufarbeitung (Surviving Gusen, R: Gerald Harringer, Johannes Pröll), Experimentellem (Norbert Pfaffenbichler tritt mit 2551.01 erneut in einen Dialog mit Charlie Chaplin) oder unkonventionell Dokumentarischem (Arthur Summereders Motorcity ist ebenso das Porträt einer Amateur-Racer-Gruppe wie Reflexion über US-Mythologie, Vergangenheit und Gegenwart der einstigen Autohauptstadt Detroit und kulturelle Differenzen zwischen Europa und den USA) besteht.

Ebenfalls wieder vertreten ist die Programmschiene Arbeitswelten, in denen ein Blick auf sozialpolitische Umwälzungen und Verwerfungen auf dem europäischen Kontinent geworfen wird; Punkte, die zum Teil auch in der Schiene Architektur & Gesellschaft verhandelt werden. Für Furchtlose gibt es (hoffentlich) wieder die Reihe Nachtsicht, in der europäisches Horrorkino präsentiert wird. Gleichfalls wieder präsent ist die Jugendschiene YAAAS!, und der diesjährige Festivaltrailer nennt sich Grün In (Regie: Laurien Bachmann).

Inwiefern der beliebte soziale Aspekt des Festivals diesmal möglich sein wird – Party, ungezwungener Talk auf den verschiedenen Decks des Offenen Kulturhauses, Filmpodien – wird man sehen. Christine Dollhofer ist trotz allem optimistisch: „Der berühmte niederschwellige Charakter wird wohl ob der Präventionsmaßnahmen etwas leiden, aber ich hoffe doch sehr, dass wir outdoor (neben dem OK-Platz gibt es mit dem Innenhof bei der neuen Spielstätte CENTRAL einen neuen „Begegnungsort“) mit genügend Abstand uns auch über die Filme, das Kino und das Leben unterhalten können. Darauf freue ich mich schon sehr!“