Wiener Festwochen - Ein Festival-Schwerpunkt

Aufbruch in die Vergangenheit

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Das „Into the City-Programm“ der Wiener Festwochen will durch Kunst im öffentlichen Raum „der Erinnerung eine Zukunft geben“. Kurator Wolfgang Schlag im Gespräch über das Projekt „Hotel Metropole“.

Im Jahre 1873 wurde das Hotel Metropole als Teil der Prunkbauten der Wiener Ringstraßenarchitektur anlässlich der 1888 in Wien stattfindenden Weltausstellung in der Nähe des heutigen Morzinplatz im 1. Bezirk erbaut. Die gutbürgerlichen Eigentümerfamilien waren jüdischen Glaubens. Doch in Erinnerung bleibt vor allem das spätere Schicksal des Gebäudes. Als im März 1938 die Nationalsozialisten in Österreich die Herrschaft übernahmen, wurde das Hotel Metropole beschlagnahmt und zur Leitstelle der Gestapo für Wien umfunktioniert. In den Kellerräumlichkeiten des Hauses wurden Inhaftierte zur Erzwingung von Geständnissen oft tage- und wochenlang misshandelt und gefoltert. Im Gestapo-Hauptquartier sollten bis kurz vor Ende des Schreckensregimes mindestens 16.000 Menschen erfasst, verhaftet, verhört, gefoltert, deportiert oder exekutiert werden. Unter ihnen gibt es bis heute Überlebende, Zeitzeugen, Opfer, Kämpferinnen und Kämpfer, die ihre Geschichten erzählen oder für immer darüber schweigen wollen. Im Frühjahr 1945 brannte das einst so prunkvolle Hotel Metropole nach schweren Bombentreffern komplett aus. Noch in dem 1948 in Wien gedrehten Spionage-Thriller Der dritte Mann ist in einer Einstellung die gespenstische Ruine des ehemaligen Gestapo-Hauptquartiers zu erkennen. Schließlich wurden die Reste des Gebäudes abgerissen.

 

Wie kam es zu dem Projekt „Hotel Metropole“? Was war der Ausgangspunkt?

Into the City kommt eigentlich immer so zustande, dass ich mich im August auf Recherchereise durch die Stadt begebe und Orte suche, die Fragen stellen. Wie eben der Morzinplatz, der ein Ort ist, wo man spürt, dass dort etwas nicht stimmt. Man bemerkt, dass es an diesem Platz überhaupt keinen Verweis und keine Dokumentation über die Existenz des Hotel Metropole gibt. Dadurch tun sich an diesem Ort sehr viele Fragen auf, beispielsweise über die Geschichte des Mahnmals für die Opfer des NS-Terrors, welches im Laufe der Zeit zweimal versetzt wurde und sich heute am falschen Platz befindet. Viele Leute glauben heute, die grüne Wiese am Morzinplatz wäre der Standort des Hotels gewesen. Das stimmt aber nicht! Wo das Gebäude stand, befindet sich heute der Leopold-Figl-Hof. Und das ist nur ein Beispiel dafür, wie dringend es notwendig ist, Plätze und Orte mit deren Geschichte und mit verschiedenen Facetten von Geschichte und Geschichten neu zu erzählen.

 

Was erwartet die Besucherinnen und Besucher während des Programms von „Into the City“? Können Sie uns etwas mehr über die verschiedenen Themenbereiche und Schwerpunkte erzählen?

Wir beginnen am 28. Mai mit einem sehr schönen Musikprojekt einer Pariser Klezmer-Punkband namens AutorYno. Diese Band wird gemeinsam mit MusikerInnen der Jazzwerkstatt Wien das Programm einleiten. Dem Besucher oder der Besucherin begegnen am Morzinplatz mehrere Installationen und künstlerische Arbeiten mit unterschiedlichen Themen im öffentlichen Raum. Wir haben unter anderem ein großes leer stehendes Geschäftslokal am Morzinplatz zur Verfügung, wo es Ausstellungen, Dokumentationen, Vermittlungsprogramme und Symposien geben wird. Einige Künstlerinnen und Künstler haben Arbeiten produziert, die von uns im Ausstellungsraum vor Ort gezeigt werden, von wo aus auch geführte Touren durch die Gegend mit Expertinnen und Experten, Kuratorinnen und Kuratoren sowie Schulführungen stattfinden werden. Von Donnerstag bis Sonntag werden sich wöchentlich ändernde Themenschwerpunkte behandelt. Gleichzeitig werden in der Nähe des Morzinplatzes, nämlich beim Alten Rathaus oder der Fischerstiege, zusätzliche Programmteile im Rahmen von „Into the City“ präsentiert.

 

Nach welchen Kriterien wurden die historischen Orte Morzinplatz, Altes Rathaus und Fischerstiege für das Programm ausgewählt?

Im Alten Rathaus befindet sich ja das Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes, und dieses stellt für uns natürlich einen wichtigen (Spiel-)Ort dar. Wir werden beispielsweise in die Dauerausstellung des Widerstandsarchivs eine zusätzliche Ausstellung mit Bildern aus der Sammlung des Archivs bauen. Kaum jemand in Wien weiß, dass nach dem Krieg viele Widerstandskämpfer und deren Familienangehörige dem Dokumentationsarchiv immer wieder Kunstwerke geschenkt haben. 15 ausgewählte Arbeiten, darunter auch Werke von bekannten Künstlern wie Alfred Hrdlicka, werden in Verbindung mit den jeweiligen Biografien zum ersten Mal öffentlich gezeigt. Die Fischerstiege kommt insofern ins Spiel, da sich dort an der Ecke zur Salvatorgasse die Galerie Splitter Art befindet und dort eine äußerst interessante Ausstellung der Foto-Künstlerin Zdena Kolecková über Simon Wiesenthal stattfinden wird.

 

Auch Film spielt im Rahmen des Projekts eine Rolle. Was sind die unterschiedlichen Herangehensweisen der Filmschaffenden, die sich dabei mit dem Erinnern beschäftigen? Können Sie uns schon etwas über die Filme beziehungsweise über das filmische Material, das gezeigt wird, erzählen?

Wir werden am 5. Juni im Rahmen eines Filmabends im Polnischen Institut den Dokumentarfilm Frauen im Widerstand zeigen. Dieser Film behandelt die Geschichte von Frauen in der polnischen Untergrundarmee. Auch der Dokumentarfilm Küchengespräche mit Rebellinnen der Regisseurin Karin Berger porträtiert das außergewöhnliche Leben von vier Widerstandskämpferinnen, welche alle während des Krieges im damaligen Hotel Metropole von der Gestapo gefoltert wurden. Petra Gerschner und Michael Backmund zeigen Es kann legitim sein, was nicht legal ist, einen Film über den ehemaligen KZ-Häftling und Widerstandskämpfer Martin Löwenberg, der fast 20 Jahre lang von den Filmemachern mit der Kamera begleitet wurde und bis zu seinem Tod im hohen Alter bekennender Antifaschist und politischer Freiheitskämpfer war. Ruth Beckermanns essayistisches Filmprojekt Homemad(e) portraitiert auf wunderschöne Art und Weise das Bild der Marc-Aurel-Straße als Kernzone des einstigen jüdischen „Textilviertels“. Wir haben für unsere Ausstellung bewusst einige Kunstwerke gewählt, welche die Verwendung von Videoinstallationen zeigen…

 

Ich denke dabei sofort an Ruth Beckermanns The Misssing Image. Hier zeigt sich eben diese besondere Art der hybriden Medialisierung, also der Verschmelzung von historischem Filmmaterial und moderner Videoinstallation. Sichtbar machen, heißt ja auch immer konfrontieren. Wie „sichtbar“ werden die einzelnen Kunstwerke von „Into the City“sein – beispielsweise für die Menschen auf der Straße?

Der öffentliche Raum wird unter anderem von einem „Billboard-Projekt“, einer großflächigen Werbetafel des Künstlers Oliver Ressler eingenommen, der sich explizit auf eine von der Gestapo häufig eingesetzten Foltermethode des „Waterboarding“ (simuliertes Ertränken) bezieht. Igor Grubic wird ein Schiff bauen, das auf einer Wiese steht und bezieht sich damit auf die Kontroverse der 1938/39 mit teilweise schrottreifen Schiffen nach Palästina flüchtenden österreichischen Juden. Die für diese Geschichte äußerst kompetente Historikerin Gabriele Anderl wird bei uns dazu auch als Expertin zu Gast sein. Des Weiteren wird auf der Ruprechtsstiege eine Installation der Medienkünstlerin Lisl Ponger zu sehen sein, welche ebenfalls versucht, auf die Geschichte des „Textilviertels“, das mittlerweile auch fast vergessen ist, aufmerksam zu machen.

 

Das -Programm will, wie im Titel bereits erwähnt, „der Erinnerung eine Zukunft geben“. Wie wichtig ist das (sich) Erinnern? Gibt es überhaupt eine Chance zur Fortführung einer Erinnerungskultur für die heutige junge Generation?

Ich selbst gehöre der Generation nach den Tätern und Opfern an, einer Generation, die wohl ihr Leben lang immer wieder auf diese Zeit stoßen wird. Es ist eine Geschichte, die einen nicht zur Gänze loslassen kann, und es ist wichtig, sich mit dieser Zeit in irgendeiner Form zu beschäftigen. Je weiter die Generationen davon wegrücken, desto wichtiger wird es, diese Erinnerungsarbeit und Erinnerungskultur zu leben. Das „Into the City“-Projekt ist natürlich jetzt, zum 70. Jahrestag des Kriegsendes enorm wichtig, weil das auch die letzten Jahre sind, wo es noch möglich sein wird, mit Zeitzeuginnen und –zeugen zu sprechen und von ihnen authentisch die Geschichte erzählt zu bekommen. Genau so wichtig ist die Beschäftigung mit Erinnerungskultur für eine junge Generation, die mit ganz anderen Vermittlungsmedien aufwächst. Man kann Erinnerungsarbeit auch mit neuen Medien wie der Graphic Novel, die ein junges Publikum erreicht, betreiben. Erinnern ist Beschäftigung mit der Vergangenheit, insofern extrem wichtig, weil man sieht, dass Faschismus nicht einfach verschwindet und noch immer vor unserer Haustür existiert. Was hieß Widerstand damals, und was heißt er heute? Das ist eine zeitlos gültige Frage.