Seit 2006 begibt sich Into the City im Rahmen der Festwochen auf spannende Reisen an die Knotenpunkte und vor allem die Randgebiete Wiens – diesmal mit einem starken Filmschwerpunkt.
Schon die erste Exkursion in die Lokale und Bordelle des Gürtels mit der „Night of Love Songs“ wurde mit 25.000 Besuchern ein voller Erfolg. Seither arbeitet das Festival Into the City daran, die Kunst zu den Leuten zu bringen, die Wiener – vom Lehrling bis zum Pensionisten – konkret für Projekte zu begeistern, bei denen nicht nur passiv konsumiert wird, sondern Kunst als etwas Alltägliches, für jedermann Zugängliches erlebt werden kann. Dieser partizipative Aspekt ist Wolfgang Schlag, dem künstlerischen Leiter von Into the City, ein besonderes Anliegen. Zeit seines Lebens beschäftigt er sich schon mit dem Randständigen, dem Widerspenstigen, sei es als Gründer des Festivals Glatt und Verkehrt, als Ö1-Musikredakteur, als Herausgeber von CD-Kompilationen oder mit seinem jüngsten Projekt, der Street Academy, die vor allem Jugendlichen mit Migrationshintergrund Workshops in Streetart-Disziplinen anbietet.
Wie entstehen die Ideen für die vielen im sozialen Leben Wiens verankerten Projekte?
Wien ist für mich auch nach 35 Jahren, die ich hier lebe, ein extrem spannender Ort. Ich liebe es, mich auf das Fahrrad zu setzen oder zu Fuß quer durch die Stadt zu marschieren und einfach die Augen offen zu halten. Bei Into the City interessieren mich die Ränder der Stadt, nicht nur topologisch, sondern auch gesellschaftlich, was eine gewisse Methode des Suchens mit der Zeit ergeben hat. Manchmal finden auch Projekte mich, wie heuer der ganze Analogfilm-Komplex dadurch entstanden ist, dass ein Mitarbeiter der Festwochen, der auch Musiker ist, mir Paul Krimmer vorgestellt hat. Aus dieser Begegnung blühte dann ein eigenes Universum mit so vielen auch für mich neuen Facetten auf.
Wie kommt man im digitalen Zeitalter auf den Gedanken, sich mit dem Anachronismus „analoger Film“ zu beschäftigen?
Paul Krimmers Urgroßvater besaß in Vorarlberg zur damaligen Zeit das Kino mit der größten Leinwand in Österreich. Das ist dann in den zwanziger Jahren abgebrannt. Was übrig blieb, sind ein Haufen Programmzettel und ein Schild. Auch andere Vorfahren haben mit der Kinotechnik zu tun gehabt, er ist also schon von der persönlichen Geschichte her vorbelastet und wollte dann in Wien ein Kino aufmachen, was aber an verschiedenen behördlichen Auflagen gescheitert ist. Seine Reaktion darauf war, Filme selber zu produzieren, zu entwickeln, zu schneiden und in seinem eigenen kleinen Tonkino „Saalbau“ im 15. Bezirk vorzuführen. Daraus hat er eine sehr konsequente künstlerische Haltung entwickelt.
Es gibt ja offenbar eine internationale Szene von Analog-Enthusiasten …
Ja. Durch die Recherche sind wir auf Anne Grezes gestoßen, die das Regenbogenkino in Berlin programmiert. Sie ist dank einer Förderung des französischen Kulturministeriums ein Jahr lang durch Europa gereist und hat Orte abseits des kommerziellen Kinos besucht und für das Buch „Kinetica“ dokumentiert. In England, Frankreich, Deutschland, Holland oder Ungarn widmen viele auch oft sehr junge Menschen einen Großteil ihrer Zeit in aufgelassenen Fabriken oder besetzten Häusern dem kreativen Umgang mit dem Zelluloid. Gran Lux in St. Etienne arbeiten in einer ehemaligen Druckerei und setzen ihre Programmhefte noch in Lettern, also entstehen auch diese analog.
Was darf man sich von der nach dieser Initiative benannten Programmschiene „Gran Lux“ erwarten?
Paul Krimmers Labor und Kino ist mit seinem authentischen Mikrokosmos aus Projektoren, Schneidetischen usw. der absolut richtige Ort für die geplanten Filmabende und die international besetzten Lectures und Diskussionen zum Thema analoge Filmkunst, auch wenn nur 40 Leute dort Platz haben. Man sollte sich also schnell um die kostenlosen Karten bemühen. Die Menschen von Labor Berlin, die ihre Filme in einem aufgelassenen Schwimmbecken zeigen, haben uns auf die Idee gebracht, das Ganze in einem speziellen Abend im Wien Museum gipfeln zu lassen, der sich explizit der Filmperformance widmet. Dort kann man einen spannenden Querschnitt durch die Szene zu erleben: Kaffe Matthews arbeitet mit dem britischen Filmperformance-Meister Guy Sherwin zusammen. Momus singt ausgewählte Songs seines neuen Albums in einer kollaborativen Performance mit der Künstlerin Silvi Simon. Das geht bis hin zu ganz jungen Leuten wie Kaos Camping aus Budapest, die mit 50 Projektoren anreisen und das Foyer in einen verrückt-skurrilen Performanceraum verwandeln werden. Ein Highlight ist sicher auch die Food Film Performance, wo der Film vorher mit Essen bearbeitet worden ist. Dieselben Speisen z.B. Buchstabensuppe oder Gulasch kann man dann während der Vorführung auch gleich zu sich nehmen. Der Zugang zum Material kann auch spielerisch, humorvoll, ironisch sein.
Und man kann das Programm auch aktiv mitgestalten …
Ja, der partizipative Aspekt von Into the City ist uns überaus wichtig, das sieht man auch an den anderen Programmschienen: In „Post it“ entsteht gerade ein Blog der Bewohner der Quellenstraße in Favoriten, vielleicht der derzeitig aufregendste Bezirk in Wien, wo es u.a. um einen wunderschönen alten Boxclub geht, der mittlerweile hauptsächlich von Türken frequentiert wird, oder wo ein muslimischer Cafébesitzer davon erzählt, wie er wegen einer Marienerscheinung zum Christentum konvertiert ist. Die Filmkoop Wien haben ihr Labor in einem Gemeindebau im 8. Bezirk und werden mit den dortigen Bewohnern Film-Kratzexperimente starten, wenn möglich auf dem Filmmaterial, das sich vielleicht noch in irgendwelchen Kisten in den Wohnungen finden lässt. Viele Menschen gerade meiner Generation berührt dieses Thema des analogen Filmes auch ganz unmittelbar, haben doch unsere Eltern damals Super-8 als Aufzeichnungsmedium verwendet und dadurch einen direkten emotionalen Bezugspunkt zum Material geschaffen. Für ein anderes Projekt sind Labor Berlin verantwortlich. Sie werden „Augustin“-Verkäufern und Kids aus Jugendzentren Super-8-Kameras mitgeben und dann zusammen das entstandene Material bearbeiten, entwickeln, schneiden. Dafür stellen wir ihnen einen wunderschönen alten mazedonischen Autobus zur Verfügung, den wir zu einem Labor plus Vorführraum umgebaut haben. Hoffentlich wird auch in Wien etwas von der Faszination dieses Mediums sichtbar, die auch bei Leuten, die mit Film bisher nichts zu tun hatten, entsteht, wenn sie wirklich ganz genau sehen, wo und wie das Bild entsteht, im Gegensatz zu den Pixeln bei einem digitalen Medium. Diese Faszination gilt es zu erhalten, auch für eine Generation, die mit Digitalbildern aufgewachsen ist.
