Wiener Festwochen – Eine bizarre Oper – Philipp Stölzl inszeniert Verdis „Il Trovatore“

Eine bizarre Oper

| Günter Pscheider |

Philipp Stölzl über Opernsänger als Athleten, die suggestive Kraft
der Romantik und die Präzision von Michael Haneke.

Philipp Stölzl (Nordwand, Goethe!) ist ein vielseitiger und viel beschäftigter deutscher Regisseur, der seine Karriere als Bühnenbildner begann und mit einem Rammstein-Musikvideo Aufsehen erregte. Clips für Madonna und Faith No More und Werbefilme, u.a. für Sony, ebneten ihm den Weg zu seinem Debütfilm Baby. Gerade beendet hat er die Bestsellerverfilmung Der Medicus mit Tom Payne und Ben Kingsley, die im Dezember in Deutschland anlaufen wird. Seit 2005 inszeniert er regelmäßig Opern, u.a. bei den Salzburger Festspielen. Im Rahmen der Wiener Festwochen wird er für die Regie von Verdis „Il Trovatore“ verantwortlich sein.

Wie sind Sie dazu gekommen, Opern zu inszenieren? Von Rammstein zu Wagner ist es doch ein gewisser Sprung?
Ich kann durchaus auch bei Rammstein opernhafte Elemente entdecken, aber letztendlich war es ein Zufall. Ein Freund von mir war am Meininger Theater engagiert und hat mich gefragt, ob ich Lust hätte, eine Oper zu inszenieren. Nach zwei Proben wusste ich, dass es mir großen Spaß macht, weil es im Gegensatz zum Film so physisch unmittelbar ist. Man probt den ganzen Tag und erschafft etwas zusammen, während Filmemachen sehr viel fragmentarischer funktioniert. Ich arbeite auch gerne in Schichten, wo man etwas erarbeitet und dann weiter probiert, während man das im unerbittlichen Lauf eines Drehtages einfach nicht machen kann. Am nächsten Tag ist man auf einer anderen Location und denkt sich: „Scheiße, das hätte ich doch gestern so und so machen sollen.“ Trotzdem empfinde ich mich schon mehr als Filmemacher, der das Glück hat, auch Opern inszenieren zu dürfen.

Worin unterscheidet sich die Regiearbeit bei der Oper und beim Film?
Der Opernregisseur heißt im Englischen auch Stage Director, weil seine Kompetenz am Bühnenrand beim Orchestergraben endet. Auf die Musik und auf die Besetzung habe ich keinen Einfluss. Text oder gar Szenen streichen geht zumindest bei den Werken des Kanons kaum. Bei Wagners „Rienzi“ war es möglich, die über fünfstündige Oper auf zweieinviertel Stunden zu kürzen, aber nur weil dieses Frühwerk als unfertig und trashig gilt. Beim Film heißt es eher, dass im Schnitt eine Wahrheit drin steckt, im Weglassen und der Rhythmisierung. Die Haltung in der Opernwelt ist eher die, dass diese Werke hauptsächlich wegen ihrer grandiosen Musik Jahrhunderte überlebt haben, weil sie nahezu perfekt sind. Aber es ist eine lohnende Herausforderung, sich selbst und seine Vision da einzubringen, das Schauspiel mit der Musik in einen kreativen Dialog zu bringen.

Was hat Sie an Verdis „Troubadour“ gereizt?
Gerade der „Troubadour“ ist beim ersten Mal Hören eine bizarre Oper, über die man sich nur wundert. Die Beschäftigung mit Sekundärliteratur öffnet das Verständnis dafür, warum Verdi gerade dieses Libretto ausgewählt hat, und gibt Hinweise zur Umsetzung auf der Bühne. Zu seinen Lebzeiten war er so etwas wie der Andrew Lloyd Webber seiner Zeit, unfassbar reich und alles, was seine Werke betrifft, bis ins kleinste Detail kontrollierend, da wäre ich nur ein Befehlsempfänger gewesen. Der „Troubadour“ ist auch deshalb sehr spannend für mich, weil ich bisher hauptsächlich deutsches und französisches Repertoire inszeniert habe. Das ist eine ganz andere Art von Musik, die italienische Belcanto-Tradition ist viel stilisierter. Es geht mehr um Affekte als um die Psychologie, der Fokus in der Musik liegt auf Stimmakrobatik.

Mit Opernsängern muss man wohl auch anders umgehen als mit Filmschauspielern?
Für die Sänger ist es vor allem wichtig, dass es technisch machbar ist, was man mit ihnen inszeniert. Viele immer wiederkehrende Posen der Sänger sind solchen technischen Notwendigkeiten geschuldet. Bei Liebesszenen z.B. stehen in der Regel beide hintereinander, damit beide die volle Stimmkraft nach vorne Richtung Publikum haben. Bei den Proben versuchen die Sänger die verschiedenen Gesten und Haltungen, wie sie am besten die volle Stimmlage erreichen können, und da fallen dir die Ohren ab. Sie schreien, und es klingt schön, und dabei müssen sie auch noch etwas spielen und anmutig ausschauen. Es ist eigentlich eine Mischung aus Darstellung und Hochleistungssport. Sie müssen auch so leben, keine Zigaretten, kein Alkohol, permanentes Training. Schauspieler am Theater sind dagegen eher ein Bohèmevolk, die aber auch diese einander zugefügten Wunden für ihre Kunst brauchen. Filmschauspielern geht es eher um die Kunst des Kleinen, wie das Michael Caine in seinem Buch treffend beschreibt. Wie man es schafft, im Close-up einen Gedanken zu denken und ihn fühlbar zu machen für die Zuschauer, sodass die Kamera ihn einfangen kann.

Aus Ihrer Stoffauswahl lässt sich ein Hang zur deutschen Romantik herauslesen …
Die deutsche Romantik ist meine Zeit, ich mag gerne düstere, sehnsuchtsvolle Sachen, Suggestion lieber als Distanz. Das gilt nicht nur für Musik, sondern auch für Literatur und Malerei. Mozart z.B ist ein Komponist, der seine Zuschauer bei Sinnen lässt und wo du aus der Distanz in Würde zuschauen kannst. Während Wagner dich eher in ekstatische Klangwelten reinzieht und dich unmündig macht. Das liegt wahrscheinlich an seelischen Dispositionen, warum man auf gewisse Sachen anspricht oder nicht.

Trotzdem kann man Ihre Filme kaum als klassische Autorenfilme bezeichnen.
Meine Filme sind kommerziell ausgerichtete Auftragsarbeiten, bei denen ich allerdings sehr früh eng mit den Autoren zusammenarbeite und man sich in einem Gewebe zwischen Produktion, Marketing und Verleih bewegt. Ich kann gut Anregungen aufnehmen, ich mag dialogische Prozesse gerne. Man sollte auch wissen, wo man seine Stärken und Schwächen hat. Ich bin wohl nicht so wie Michael Haneke, der schon vorher jedes Detail seines Films weiß, und wo jede Einstellung sozusagen seine Persönlichkeit atmet. Bei mir entstehen viele Ideen erst in der Zusammenarbeit mit den Schauspielern. Natürlich muss dafür die Chemie mit dem Produzenten stimmen, man muss von vornherein zumindest eine sehr ähnliche Vision des fertigen Films haben, was bei mir zumindest bis jetzt immer der Fall war, bis auf den amerikanischen Thriller Erased mit Aaron Eckhart und Olga Kurylenko, der sehr fremdbestimmt war.