Einen packenden, kontroversen Stoff bringt der vielfach ausgezeichnete ungarische Film- und Theaterregisseur Kornél Mundruczó zu den Wiener Festwochen.
Mit seinen schonungslos realistischen Inszenierungen war Kornél Mundruczó mit dem Budapester Proton Theatre schon wiederholt bei den Wiener Festwochen zu Gast. Sein neues Stück „Látszatélet/Scheinleben“, das bei den Festwochen seine Premiere feiert, beschäftigt sich wieder mit einem seiner Lieblingsthemen – wie die Beziehungen zwischen Mehrheit und Minderheit, zwischen Außenseitern und Establishment den Einzelnen ebenso wie die gesamte Gesellschaft beeinflussen. Allerdings geht der unangepasste Regisseur diesmal formal neue Wege: „Wir haben mit dem Proton Theatre jetzt vier Produktionen verwirklicht – „Das Frankenstein Projekt“, „Es ist schwer, ein Gott zu sein“, „Schande“ und „Dementia“ –, die alle einer sehr ähnlichen Logik gefolgt sind. Sie haben von unterschiedlichen Inhalten erzählt, aber auf ähnliche Art und Weise. „Scheinleben“ bricht mit dieser gewohnten Methode. Für mich ist das ein großes Erlebnis, eine Art Reise mit ungewissem Ausgang, so wie bei meinem letzten Film White God.“ Diesmal wählte Mundruczo ein intimes Setting, ein altes Abbruchhaus mit einem Cast von zwei Duetten, in deren Zentrum eine sehr simple ethische Anordnung steht. Eine alte Romni-Frau erinnert sich an ihren ungewöhnlich hellhäutigen Sohn, der zeitlebens seine Herkunft verleugnet und alles dafür tut, um von der Mehrheit als einer der ihren anerkannt zu werden. Als Ausgangspunkt für diesen Teil der Geschichte diente ein Zeitungsartikel, in dem die Lebensgeschichte eines Rom ausgebreitet wurde, der in seiner Verzweiflung und seinem Selbsthass soweit ging, sich einer rechtsradikalen Gruppierung anzuschließen und in weiterer Folge einen anderen Rom mit einem Schwert erschlug.
„Látszatélet“ ist aber auch der ungarische Titel des Douglas-Sirk-Melodrams Imitation of Life aus dem Jahr 1959, mit Lana Turner und Juanita Moore, in dem es ebenfalls um die Tragödie der Verleugnung seiner Identität geht. Die Werke anderer Regisseure waren für den Filmautodikakten Mundruczó, der seine Ausbildung am Theater absolvierte, schon immer eine Quelle der Inspiration: „Meine Meister sind für mich bis heute Rainer Werner Fassbinder, Lars von Trier und Wong Kar-Wai: das Kino und meine Kindheitserinnerungen.“ Eine meldodramatische Herangehensweise an seine Kunst kann man Mundruczó auf jeden Fall nicht unterstellen. Aber obwohl sich sein Stil in Filmen wie Delta oder Tender Son: The Frankenstein Project sehr stark von dem Sirks unterscheidet, doch zieht sich das Interesse an dem, was einen Menschen im Innersten wirklich ausmacht und was sein Leben bestimmt – die soziale oder ethnische Herkunft, gesellschaftliche Zwänge, Erziehung oder genetische Dispositionen – als Grundthema durch die Filme beider Regisseure.
Vielleicht ist es auch ein Leiden an der eigenen Einsamkeit, das sich gerade in einem gesteigerten Interesse daran, wie das Zusammenleben von Menschen genau funktioniert, äußert. „Man muss wahnsinnig persönlich sein, wenn man Kunst schafft. Nur sehr persönliche Kunst ist glaubwürdig. Das darfst du aber nie mit deiner Meinung oder deinem Gefühl durcheinanderbringen. Die Sache wird immer eine Vereinfachung sein, und mir ist das auch immer sehr unangenehm, wenn ich in der Kunst damit konfrontiert bin. Wenn ich es aber so oder anders erkenne, kann mich so eine Kunst sehr tief bewegen. Zwischen Majakowski und Tschechow entscheide ich mich für Tschechow.“ Deshalb ist es wohl auch nicht sehr überraschend, dass seine Stücke und auch Filme nicht nur eine zärtliche Zuneigung zu allen Außenseitern, sondern auch zumindest immer ein Grundverständnis für die gerade auch moralischen Schwierigkeiten des Unterdrückers auszeichnet.
Im Fall von White God sympathisiert man natürlich am Anfang mit dem Mädchen und seinem Hund, der vom teilnahmslosen Vater verkauft wird und lernen muss, bei Hundekämpfen seinen Gegner zu töten, bevor er sich zusammen mit einer ganzen Horde von Streunern an seinen Peinigern rächt. Im zweiten Teil ist das Monster, das die spätkapitalistische Gesellschaft (Hundekämpfe als Profitmaximierung) geschaffen hat, aber zu furchterregend, um noch zur Identifikation zu taugen und man wird als Zuschauer fast gezwungen, jetzt mit den vormals Bösen mitzuleiden.
Einfache Gut-Böse-Schemata sind definitiv nicht Mundruczós Sache, eine gewisse auch moralische Ambivalenz zieht sich wie ein roter Faden durch sein Werk: „Ich glaube stark daran, dass der Mensch zwischen Widersprüchen lebt. Die Widersprüche selbst sind der Inhalt, und wenn du diese Widersprüche aufzeigen kannst, kommst du dem Inhalt näher. Um dem Schwarz-Weiß-Denken, dem Agitprop und der Propaganda zu entkommen, denke ich sehr wohl – auch – in Widersprüchen. Es ist für mich immer dann eine ergreifende Erfahrung, wenn ich solche interessanten Widersprüche bei jemand anderem zu erkennen meine.“ Dass vor allem seine Stücke in Rezensionen als „Hardcore Reality“ bezeichnet wurden, liegt wohl hauptsächlich an der Art der Inszenierung und seinem Interesse, die Basics des Lebens wie Sexualität oder auch Gewalt – strukturell wie individuell – auch sichtbar zu machen. „Der Missbrauch, die Logik des Missbrauchs und die Art und Weise, wie und von wo er seine Daseinsberechtigung bezieht, das hat mich schon immer interessiert. Früher war ich an dem sehr vordergründigen Bild interessiert, etwa in „Delta“ oder „Schande“. Da hab ich die Zuschauer gezwungen, durchzuhalten und sich jemanden in seiner Nacktheit bis zum bitteren Ende anzuschauen. Jetzt versuche ich eher, gesellschaftlichen Hintergründen nachzuspüren, die sich in die Köpfe aber auch die Körper der Protagonisten eingegraben haben.“ Das vordergründig Politische meidet er aber wie die Pest, obwohl allein die Existenz eines völlig unabhängigen und unbequemen Theaters wie des Proton, das sich auch durch internationale Koproduktionen finanziert, eine Provokation in den Augen der nationalistischen ungarischen Regierung sein dürfte.
„Ich hab schon oft gesagt, dass ich Politik im Theater gewissermaßen obszön finde. Politik gehört nicht in die Kunst. Die gehört auf die Straße und ins Parlament und an deinen Arbeitsplatz. Die Kunst funktioniert auf viel schönere, komplexere Art, sie steht dem Leben viel näher. Im ersten Moment entfaltet sie die gegenteilige Wirkung, wenn du sie einfach so runterkippst. Wie bei einem Wodka kommt die wahre Wirkung erst später zum Tragen.“ Mundruczó stellt sich wie jeder am Zeitgeschehen und an der oft unveränderlich erscheinenden Conditio humana gleichermaßen interessierte Künstler die Frage, wie man über die Zeit reflektieren kann, in der man sich gerade befindet, ohne dazu unbedingt sofort eine propagandistische Erklärung abzugeben, sondern die historische Epoche, in der man gerade lebt, erkennbar machen kann? „Ich glaube, in jeder Zeit, in der wir irgendeine Form von starker moralischer Krise erleben, wird die Kunst sofort wahnsinnig konservativ. Das liegt teilweise am Zuschauer. Der will Ordnung, der will, dass Dinge zusammengesetzt und nicht auseinandergenommen werden. Was lässt sich verkaufen, woran kann man sich festhalten? An einfachen Gedanken.“
