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Kino im Kopf

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In seinem Projekt "The Encounter" begibt sch Simon McBurney, der äußerst umtriebige britische Schauspieler, Regisseur und Mitbegründer der Theatergruppe Complicite, auf interaktive Spurensuche im Amazonasgebiet. Nun kann man ihn bis 22. Mai online dabei begleiten.

Es ist eine Begegnung der anderen Art, die das Publikum in The Encounter erwartet. Erst ein zarter Hauch ins rechte Ohr, dann schweres Atmen im linken. „I am somewhere in your head“, erklärt Simon McBurney, und man meint, die Hitze zu spüren, die in der Intensität der Stimme liegt, mit der er einem ins Gehirn flüstert. Was soweit noch nicht ungewöhnlich wäre, stände der Schauspieler nicht gute zehn Meter entfernt vor uns auf der Bühne. Natürlich könnte man dem Streich ein schnelles Ende bereiten, ganz einfach, in dem man die Kopfhörer wieder abnimmt, die jedem einzelnen Zuschauer zu Beginn der Vorstellung in die Hand gedrückt und eindringlich ans Herz gelegt wurden. Das man es dennoch nicht tut, hat einen einfachen Grund: Denn genau darin besteht der Reiz des akustischen Kopfkinos, mit dem McBurney sein Publikum im Laufe zweier fesselnder, intensiver und außerordentlich unterhaltsamer Stunden verzaubert.

The Encounter, man ahnt es längst, ist kein Theaterstück im konventionellen Sinn, in dem die Zuschauer lediglich gefragt sind, auf die Bühnenpräsenz einiger Darsteller und dem gesprochenen Wort zu vertrauen. Die brillante One-Man-Show des umtriebigen Schauspielers, Autors und Theaterregisseurs hatte bereits im vergangen Jahr beim Edinburgh Festival für Aufsehen gesorgt, wo das Stück seine Weltpremiere feierte. Nach einer kurzen, lange im Voraus ausverkauften Spielzeit am Londoner Barbican Theatre im Februar dieses Jahres, begibt sich McBurney damit nun international auf Reisen, wozu auch ein Gastauftritt bei den Wiener Festwochen vom 2. bis 5. Juni im MuseumsQuartier gehört – und der Erfolg ist vorprogrammiert.

In einem akustischen und schauspielerischen Balanceakt erzählt McBurney darin die abenteuerliche Geschichte des „National-Geographic“Fotografen Loren McIntyre, der sich 1969 im Dickicht des brasilianischen Regenwaldes auf die Suche nach dem Stamm der legendären Mayoruna, den sogenannten Katzenmenschen, begibt. Kaum fündig geworden, passiert, was passieren muss: McIntyre verliert nicht nur seine Kamera, sondern vor allem die Orientierung und entwickelt, in einer wilden Mischung aus Überlebenskampf und Neugier, eine enge Beziehung zu Barnacle, dem Obersten Schamanen des Stammes, eine Beziehung wohlgemerkt, die sich jeglicher Sprache widersetzt und vielmehr auf einer spirituellen, rein telepathischen Verbundenheit basiert, die ihresgleichen sucht.

Inspiriert von dem Roman „Amazonas Beaming“ des rumänischen Schriftstellers Petru Popescu, dem McIntyre seine außergewöhnlichen, nicht selten an Wunder grenzenden Erlebnisse schließlich anvertraute, weitet die Complicite-Produktion den Spielraum imaginär aus. Es geht um allgemeine Fragen nach der Beziehung zwischen Fiktion und Realität, Raum und Zeit, Ritual und Mystik. Und es sind im Grunde genau die Fragen, die sich auch für McBurney selbst im Laufe seiner Recherchen zu dem Projekt ergaben, zu deren Auslegung er auf der Bühne in einem Zusammenspiel aus aufgenommenem Material und live erzeugten Geräuschen unter anderem Expertenkommentare zu Rate zieht, die, wie auch seine nicht einschlafen wollende fünfjährige Tochter direkt mit hineingezogen werden in den ohnmächtigen Rausch von Erlebnissen, Ideen und Gedanken, der sich vor den Augen und in den Ohren des Publikums abspielt. Zugleich dienen ihm die verschiedenen Erzählstränge und -ebenen als willkommener Anker zum Hier und Jetzt, der nicht nur daran erinnert, dass Zeit immer relativ ist, sondern die zeitlichen und räumlichen Grenzen des Geschehens geradewegs auf lustvolle Art niederzureißen versteht, um die Figuren aus den verschiedenen Gegenwarten auch zueinander in Kontakt treten zu lassen.

Tatsächlich ist The Encounter ein Work-in-Progress-Unterfangen im besten Sinne des Wortes. Die Bühne, auf der sich McBurney bewegt, kommt einem verwüsteten Tonstudio gleich, komplett mit Mikrofonen, zerknüllten Tonbändern, etlichen Wasserflaschen in allen Ecken und diversen anderen Utensilien, die im Laufe der Vorstellung zum Einsatz kommen. Und mittedrin: Ein wundersamer Kopf namens „Fritz“, ein künstlerisch als High-Tech-Maske verpacktes binaurales Mikrofon, das den Schauspieler ortet und dem Zuschauer zugleich über Kopfhörer ein Gefühl der räumlichen Nähe und Distanz vermittelt, so dass McBurneys Stimme mal entfernt und mal ganz nah klingt, eben, als flüstere er einem direkt ins Ohr. Ein anderes Mikrofon hilft ihm dabei, die inneren Monologe McIntyres mit einer tiefen Stimme und einem noch tieferem Yankee-Akzent zu unterlegen, im Kontrast zum unverkennbar britischen Erzähler, der uns über das Mikro links außen, begleitet vom Propellermaschinen-Geratter einer Cessna und der authentischen Melodie des Dschungels, in die Untiefen des Amazonas führt.

1957 in Cambridge geboren, gründete der sympathische und im Alltag nicht weniger geheimnisvolle McBurney bereits in den frühen achtziger Jahren die internationale Theatergruppe Complicite, deren künstlerischer Leiter er bis heute ist.  Bei den Festwochen war er zuletzt 2012 mit The Master and Margarita, Michail Bulgakows Satire auf die Stalin-Ära, zu Gast, und wer bereits das Vergnügen hatte, eine seiner ungewöhnlichen Inszenierungen, in denen er immer auch selbst als Schauspieler auftritt, zu erleben, der weiß längst, dass der Name Complicite seit je her für eine unkonventionelle, stets von einem wachen kritischen Geist erfüllte Theaterarbeit steht, die so beindruckend ist wie famos.

Und auch The Encounter steht dem in nichts nach. Die Kopfhörer, die zunächst störend oder isolierend zu wirken scheinen, haben in Wirklichkeit einen eher demokratischen Effekt. Denn jeder hört das gleiche, sieht das gleiche und doch begibt sich jeder Zuschauer am Ende auf seine eigene Reise. Denn wie bei allen seinen Stücken geht es McBuney auch in The Encounter weniger um die Totalillusion als um die Wahrnehmung des Einzelnen im Hier und Jetzt. Er ist ein Spezialist und Perfektionist, wenn es um handgemachte Bühneneffekte geht, und er liebt es, sein Publikum konkret teilhaben zu lassen an den Tricks und Kunstgriffen, die er auf der Bühne und über die Kopfhörer in unserem Bewusstsein fabriziert. „There is a sense of solitude to this,” stellt McBurney im anschließenden Publikumsgespräch mit einer Begeisterung fest, die jegliche Zweifel an der Wirkungskraft seines Effekttheaters im Keim ersticken lassen. “Because you want people to put themselves in McIntyre’s position, and if they do that, then you go on a journey. But for that, I didn’t want anything natural on stage, I wanted us to be aware of our work by the fact that it is all technological and yet as a consequence you go to the most biodiverse place on earth.”

Sein verausgabendes Spiel mit Raum, Zeit und Sound macht nicht nur Spaß, sondern überrascht immer wieder, ist spannend und abwechslungsreich und verleiht dem Stück nicht selten einen philosophischen Atem. Dennoch ist es in erster Linie die Form, nicht McIntyres Geschichte, die uns im Laufe des Abends beharrlich in die abgelegensten, dunkelsten Winkel unseres menschlichen Verstandes transportiert. Und man könnte meinen, das Ganze könne, dank der hervorragenden Soundarbeit von Gareth Fry und Pete Malkin, ebenso gut als Radio-Hörspiel funktionieren. Doch McBurneys rastlose Präsenz auf der Bühne hat etwas Einzigartiges, Surreales, beinahe Halluzinatorisches, die es einem erlaubt, mit den Ohren zu sehen und mit den Augen zu hören, solange man gewillt ist, sich ihr hinzugeben.

Die Ungewissheit, die am Ende im Raum steht, ist, was an der Geschichte tatsächlich dran ist. Und überhaupt: Wieviel darf man McIntyre glauben? “I think there is no question that he experienced what he says he experienced,” sagt McBurney. “One of the things that tells me this is the fact that he was so alarmed by it, he didn’t tell anybody for 20 years.” Umso schöner ist es, dass Simon McBurney sich McIntyres Erlebnissen jetzt auf derart clevere Weise angenommen hat. Denn was bleibt, wenn auch die letzten atemberaubenden Effekte verpuffen, ist nicht allein das berauschende Dschungel-Abenteuer an sich, sondern vielmehr die apokalyptische Gewissheit, dass auch unsere Welt unaufhaltsam ihrem Ende entgegen geht – letztlich ist alles nur eine Frage der Zeit.