Ein Gespräch mit Georg Schöllhammer zum Parcours „Unruhe der Form“ sowie weitere filmische Bezüge im Festwochenprogramm.
Im Rahmen der interdisziplinären Reihe „Unruhe der Form“ versammeln sich Gegenwartskünstler aus der ganzen Welt, die selbstreflexiv das Verhältnis zwischen Kunst und Politik in Frage stellen und versuchen, es in Theorie und Praxis neu zu definieren. Im Gespräch erläutert Georg Schöllhammer, Chefredakteur der Kunstzeitschrift „Springerin“ und einer der fünf Kuratoren, wie sich dieses sehr offene Thema allmählich eingrenzen ließ und was die Besucher in diesem grenzüberschreitenden Programm erwartet.
„Es gibt sowohl vom Theater, der bildenden Kunst, der Literatur als auch vom Film her Projektionen aufeinander, die oft mit Missverständnissen einhergehen, weil diese Sparten alle ihre eigenen Traditionen und Diskursfelder haben. Wir wollten uns das aber nicht nur auf die Ästhetik bezogen anschauen, sondern wir haben auch einen anderen ganz starken Zug gesehen, nämlich die Sehnsucht nach einer politischen Stimme. Zusätzlich zu den wichtigen rein aktivistischen, politischen Manifestationen taucht auch die Frage auf, ob nicht das Kunstwerk selber etwas Politisches aufnehmen kann, ohne dieses Fanal vor sich her zu tragen. Gerade bei jungen Künstlern gibt es gerade eine große Diskussion über die Politik der Form und nicht nur die Form der Politik. Wir konzentrieren uns zwar auf die Gegenwart, aber man muss diese Gegenwart rückbinden an historische Momente, wo diese Debatte auch schon stattgefunden hat.“
„Die drei Spielorte wurden mit Bedacht ausgewählt: Die Seces-
sion als große Kunsthalle, die im internationalen Gegenwartsbetrieb einen Namen hat. Dort werden die Kunst und das Theater über sich und ihre politischen Möglichkeiten reflektieren. In der Akademie als Ausbildungsstätte, die gerade in letzter Zeit auch durch Lehrende wie Diedrich Diederichsen eine starke Hinwendung zum Pop-Politik-Diskurs erlebt hat, werden viele realpolitische Debatten und Lehrprogamme, wo Ästhetik und Kunst miteinander in Verbindung gebracht werden, stattfinden. Im Museumsquartier haben die loseren diskursiven Formate ihren Platz, wo die Künstler nicht nur über ihre politische Kunst reden werden, sondern auch über sich selbst als politische Subjekte.Wir haben uns bemüht, Leute herzubringen, die noch nicht in Wien zu sehen und zu hören waren – aus Europa, Russland, China, Südamerika, Türkei oder Syrien. Das kann man von den Festwochen auch erwarten, dass das Programm fokussiert panoramatisch ist und auf ein Problem zugeht.“
„Einen wichtigen Part werden österreichische Schriftsteller spielen, die Reden in der Secession halten werden. Was ein sehr komplexes Format in einer Ausstellung ist, weil sie sofort als Skulptur wahrgenommen werden oder ihre Rede als Performance. Es kommen eben auch viele Misfits zusammen in diesem Programm, und gerade darauf freue ich mich schon sehr. Wir bauen das ganze fast so auf wie eine Agora, wo die einzelnen Kunstwerke und Sparten hoffentlich konstruktiv miteinander zu sprechen beginnen, vom Zuschauer in einen fiktiven Dialog gebracht werden können.“
Auch in der Reihe „Into the City“ geht es um Politik und Kunst: Das gute alte Protestlied steht im Mittelpunkt von vielen Darbietungen im Fluc, Rhiz, dem Festivalzentrum Wien Museum und an Locations, die wie immer über die ganze Stadt verstreut sind. Das klassische Woody-Guthrie-Format hat dort ebenso seinen Platz wie zeitgenössische Protestkultur aus Syrien, eine Queer Performance aus Malaysia, das revolutionary folk ensemble Arcady Kots, die Allah Made Me Funny-Tour von US-Comedian Azhar Usman oder die guten alten Drahdiwaberl, denen auch eine Ausstellung gewidmet ist. Manche Musiker haben einfach Spaß an der Rebellion, andere riskieren ihr Leben, auf jeden Fall soll, so ist es geplant, die ganze Stadt zum Groove des Protests tanzen.
Explizit auf das Medium Kino beziehen sich zwei andere sehr empfehlenswerte Programmpunkte: Der Argentinier Mariano Pensotti inszeniert mit „Cineastas“ (brut im Künstlerhaus, 23. bis 26. Mai) ein vielschichtiges Stück über vier Filmemacher in Buenos Aires. Kurze, ineinander verschränkte Fragmente führen vor, wie entweder die Lebensumstände der Macher ihre Filmprojekte beeinflussen oder umgekehrt die Entwicklung und die Realisierung der Filmgeschichten das Privatleben transformieren. Christian Marclay verwischt in seinem Improvisationsprojekt Everyday (8. Juni, Halle E, MuseumsQuartier) Grenzen zwischen Musik und Kunst, Sound und Image, Struktur und Chaos, indem er fünf meisterhafte Musiker/Performer live auf eine von ihm bearbeitete Partitur aus Filmclips reagieren lässt.
Schließlich stellt Robert Lepage, kanadischer Theater- und Film-Guru sowie Festwochen-Stammgast, in Teil 1 seiner Spielkarten-Tetralogie: „Playing Cards 1: Spades“ (11. bis 15. Juni, Messe Wien, Halle D) die Wüstenstädte Las Vegas und Bagdad zum Zeitpunkt der US-Invasion des Irak einander gegenüber.
