Filmregisseur Arash T. Riahi begibt sich mit „Ich mach die Welt“ auf unbekanntes Terrain. Zusammen mit Kindern von zwei Schulen im 23. Bezirk erarbeitete er ein Performancestück, in dem sich Mechanismen internationaler Protestbewegungen kreativ mit der Lebenswelt der Kinder vermischen.
In der Aula einer der größten Schulen Wiens findet man Arash in seinem Element: Mit einer kleinen Kamera dokumentiert er die erste öffentliche Aufführung des Stücks vor Mitschülern, aber diesmal sind die Aufzeichnungen nur für internes Feedback und zu Promotionzwecken gedacht und nicht, um daraus einen Film zu machen. Das Stück erzählt keine durchgängige Geschichte, in verschiedenen Szenen an fünf Orten werden unterschiedliche Erzählformen spielerisch ausgelotet. Die Jugendlichen sind mit vollem Körpereinsatz dabei, wenn sie sich gegenseitig Slogans wie Bälle zuwerfen oder die verschiedenen Typen von Lehrern und aufmüpfigen Schülern satirisch überhöhen. Die stärksten Momente der energiegeladenen, rohen Performance behandeln Themen, die die Schüler persönlich betreffen, immer wieder wird auch mit dem Spannungsfeld Individuum versus Gruppe gespielt, sodass auch theoretische Formen des Protests im Gesamtkontext ersichtlich werden. Im Interview spricht Arash über Integralrechnungen, die Kunst der Motivation und Raunzen als Form des Protests.
Wie sind Sie zu diesem Projekt gekommen, das mit Film eigentlich gar nichts zu tun hat?
Die vielfältigen Formen des Theaters interessieren mich schon lange, vor einigen Jahren habe ich beim Impuls Tanzfestival Visuals für ein Stück und zehn Kurzporträts von Choreografen gemacht und dabei interessante Einblicke in den Produktionsprozess gewonnen. Als die Festwochen angefragt haben, ob ich gemeinsam mit einem iranischen Regisseur ein Theaterprojekt mit Jugendlichen inszenieren wolle, habe ich nicht lange gezögert. Er hat dann leider aus Termingründen aus dem Projekt aussteigen müssen, und auch weil seine Arbeitsweise eine intensive Probenarbeit und viel mehr Zeit mit den Kids erfordert, was in diesem Rahmen nicht möglich war. Die Schüler konnten immer nur während der Schulzeit proben, weil das ganze als Schulprojekt gelaufen ist, und wenn die Glocke geläutet hat, musste man aufhören und alle sind nach Hause gegangen. Das sind ja auch keine professionellen Schauspieler, sondern 14- bis 17-jährige Kinder, die großteils noch nie auf einer Bühne gestanden haben. Das ist einerseits sehr schön, weil sie so unverbraucht sind und keine Ahnung von Theater- oder Schauspielregeln haben, andererseits war es schon schwierig, mit diesem rigiden Korsett umzugehen. Beim Film gibt es halt keine Schulglocke, da wird so lange gedreht, bis alles Notwendige im Kasten ist.
Wie war für Sie als Theaterneuling die Zusammenarbeit mit den Jugendlichen?
Zum Glück war mit Yvonne Zahn schon in der Frühphase eine erfahrene Theaterpädagogin mit an Bord, die ihr Wissen gerne mit mir geteilt hat. Gerade am Anfang muss man die Kids ständig motivieren, ihre Aufmerksamkeit fesseln.Es war interessant, dass gerade die Älteren zu Beginn ein klassisches Theater gefordert haben und sich viel länger gegen dieses offene Konzept gewehrt haben: „Stationentheater: What the fuck?“ Für sie bedeutet Theater, dass man einen Text bekommt, den auswendig lernt, übt, besser wird und ihn am Ende auf einer Bühne aufführt. Unsere Herangehensweise war, dass wir sie in der ersten Stunde gefragt haben, wogegen sie protestieren würden. Da kamen dann von Atomkraftwerken bis zur Zentralmatura einige erwartbare Antworten, aber auch nicht so Naheliegendes wie Frauenhandel, Windräder oder die FPÖ. Im Lauf der Proben sollten sie Sketches zu ihnen wichtigen Themenbereichen erfinden, als Input gaben wir ihnen den Text eines Manifests von 15M, der spanischen Protestbewegung, aber die Wörter waren teilweise fremd, und es war zu lang. Das neue Ziel war dann, dass sie in den nächsten Wochen ihr eigenes Manifest schreiben und Ideen aus ihrem eigenen Leben einbauen. Daraus haben sich einige kurze, teilweise sehr persönliche Geschichten entwickelt, z.B. über ein lesbisches Paar an der Schule, das sich geoutet hat und wie sie mit der Diskriminierung umgegangen sind. Wir haben uns natürlich auch alle zusammen Gedanken über die dramaturgische Umsetzung der einzelnen Protestthemen gemacht. Es sind auch welche dabei, die immer nur blödeln und gelangweilt raunzen. Yvonne hatte die Idee, deren Stimmen aufzunehmen und als Klogespräche, als eine andere Form des Protests, in die Performance einzubauen.
Wie haben die Kids reagiert, als Sie ihnen die Aufnahmen der ersten Aufführung gezeigt haben?
Ein Mädchen hat sofort gesagt. „Wir müssen ernster werden.“ Es gab auch einen kurdischen Schüler, der anfangs viel getratscht hat. Am Tag der ersten Aufführung hatten seine Eltern, die nicht so gut deutsch sprechen, einen Amtsweg, und er musste als Dolmetscher mitgehen. Aber er hat ihnen offensichtlich gesagt, zumindest ist mir das erzählt worden, dass er zu einer bestimmten Uhrzeit auf jeden Fall wieder zurück sein muss, weil er in der ersten Reihe sitzt und das Manifest aufsagt. Bei so einem Projekt lernen die Kinder auch, Dinge selber in die Hand zu nehmen, Verantwortung zu übernehmen und nicht nur Sachen für Schularbeiten auswendig zu lernen. Am Ende betrachteten sie das Projekt zu hundert Prozent als ihr eigenes Ding, dass ihnen nicht von außen aufgezwungen wurde.
Es gab also auch einen pädagogischen Nebeneffekt?
Ich glaube, dass diese Art des Arbeitens viel mehr Sinn macht, als irgendwelche Integralrechnungen zu lernen, die man nie mehr im Leben braucht. Wer Mathematiker werden will, muss das Ganze sowieso noch einmal auf der Uni durchkauen bzw. hat sich aus eigenem Antrieb und Interesse sowieso schon vorher damit beschäftigt. Natürlich ist es wichtig, die Grundrechnungsarten gut zu beherrschen oder Sprachen zu lernen, aber diese Hardcore-Spezialisierungsgeschichten in den Hauptgegenständen sollte man eher als Freifächer anbieten und dafür verstärkt Projekte fördern, die die Kinder und Jugendlichen zum selbständigen Denken bringen oder körperlich fit halten.
Was haben Sie persönlich bei dieser Arbeit gelernt?
Die prozesshafte Art des Arbeitens hat mir auf jeden Fall sehr gut gefallen. Das Spannende im Vergleich zum Film ist auch, dass es nicht für die Ewigkeit ist. Das zu akzeptieren ist für mich gar nicht so einfach. Ich bin es gewohnt, alles zu filmen. Ich will es haben und behalten, aber das Theater ist nur für den Augenblick. Du kannst da sein und es sehen, es aber nicht behalten, nur die Erinnerung daran, die dann auch verlöscht. Vielleicht haben manche von mir erwartet, dass es Live-Film-Screenings gibt, aber das interessiert mich in diesem Kontext gar nicht. So etwas kann ich mir nur mit einem richtigen großen Budget vorstellen und mit einer langen Vorbereitungszeit. Das Projekt hat aber natürlich auch etwas mit den Mechanismen des Dokumentarfilms zu tun, indem die Schüler ihre eigenen Lebenserfahrungen einbringen.
In Ihrem nächsten Filmprojekt spielt der Protest auch eine wichtige Rolle.
Everyday Rebellion ist ein Cross-Media-Projekt und ein Kinodokumentarfilm gemeinsam mit meinem Bruder über kreative gewaltlose Formen des Protests weltweit. Seit zweieinhalb Jahren sind wir bei Occupy Wall Street, der 15M-Bewegung in Spanien, in jordanischen Flüchtlingslagern an der syrischen Grenze oder bei den Frauen von Femen dabei. Im Iran hat jemand für uns gedreht, dieser partizipative Aspekt ist ein wichtiger Bestandteil des Projekts. Seit März ist die erste Stufe der Plattform unter everydayrebellion.net online. Das Ziel ist es, den kreativen Widerstand in den Mainstream zu bringen und allen Aktivisten und solchen, die es noch werden wollen, Inspiration zu geben, wie in der Videoreihe creative resistance, wo bekannte Leute wie die Yes Men oder Reverend Billy Tipps zu diesem Thema verbreiten, aber auch Menschen von der Straße Handlungsanleitungen für den Umgang mit der Polizei posten.
