Wild

| Alexandra Seitz |

Höchst ungewöhnliche Ursuppen-Begegnung zwischen keinem Rotkäppchen und keinem bösen Wolf

Den Wolf will sie haben. Der Weg zum Bus und in die Arbeit führt Ania durch einen kleinen Waldstreifen, und eines Morgens trifft sie dort auf einen Wolf. Vermutlich auf der Suche nach seinem eigenen Revier hat das Jungtier sich ein wenig zu nah herangewagt an die menschliche Siedlung, und das wird ihm nun zum Verhängnis. Denn Ania, die den Wolf haben will, plant sorgfältig und überwältigt ihn. Sie schleppt ihn in ihre Wohnung im Plattenbau in Halle-Neustadt und sperrt ihn in ein eigens freigeräumtes Zimmer. Dort randaliert er dann eine Weile herum, und sein kraftvolles Aufbegehren gegen die Gefangenschaft legt Zeugnis ab von seinem ungebändigten Freiheitsdrang. Ania lässt sich davon nicht einschüchtern. Sie hat es nicht so mit den Menschen, ihr Job ödet sie an, eigentlich dieses ganze normale Leben, das die Zivilisation für den Menschen der Gegenwart vorsieht. Und also wagt sie die Grenzüberschreitung, wagt den Schritt über die Türschwelle, stellt sich ihrem Gefangenen. Sie geht zu auf den Wolf – und auf das Wilde in sich selbst.

Stolz, stur und nicht weniger ungezähmt spielt Lilith Stangenberg diese Ania, deren Geschichte Schauspielerin Nicolette Krebitz in ihrem mittlerweile dritten Kinospielfilm Wild nach eigenem Drehbuch in Szene setzt. Natürlich ist Wild auch ein Bild, eine Metapher des Ungezähmten im Menschen, der Entfremdung und Entwurzelung, des Instinkts und der Triebe.
Wild ist auch eine Geschichte über die entfesselnde und verschlingende Macht der weiblichen Sexualität, über das Begehren und die Lust, über Selbstermächtigung und Befreiung einer Frau. Nicht zuletzt aber ist Wild eben auch ein Film, in dem es ein echter Wolf und eine junge Schauspielerin miteinander zu tun bekommen. Stangenberg erzählt über die Arbeit mit dem Tier: „Wenn ich nicht direkt war oder wenn ich einen Zweifel hatte und in der Körperlichkeit uneindeutig, verkrampft war, hat der Wolf sofort angefangen, mir zu misstrauen. (…) Deshalb hat er mich eigentlich immer zu einem ganz wahrhaftigen, offenen, frontalen Spiel gezwungen.“

Auf dieser Ebene schließlich wirkt Wild einerseits fast dokumentarisch und andererseits regelrecht mystisch. Weil in ihm etwas festgehalten ist, was so nur außerordentlich selten zu erfahren, geschweige denn zu sehen ist: gelingende Kontaktaufnahme und Kommunikation zwischen einander zutiefst fremden Wesen. Und das ist dann auch noch einmal ziemlich wild.

 

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