Wilde Minze

Filmkritik

Wilde Minze

| Reinhard Bradatsch |

Dokumentarfilm über weiblichen Widerstand im Dritten Reich

In Zeiten, in denen politische Rattenfänger verbale Beschönigungen der NS-Zeit ungestraft hinausposaunen können und historische Wahrheiten bewusst so lange verdreht werden, bis die Provokateure ihrer eigenen Provokation erliegen, wirkt die Leidensgeschichte von Helga Emperger, geborene Peskoller, wie ein unsanfter Weckruf: Jenny Gand und Lisa Rettl haben für ihre Dokumentation Wilde Minze die 82-jährige ehemalige Widerstandskämpferin und Unterstützerin der Kärntner Partisanen interviewt. Dabei heraus gekommen ist nicht etwa eine Geschichtsstunde mit Zeigefinger, sondern eine zutiefst persönliche Schilderung einer Mutter-Tochter-Beziehung, die bis heute noch spürbar und greifbar ist. Und das Porträt einer Unbeugsamen, die in einer Atmosphäre der Gleichgültigkeit ein gelebtes Beispiel für Mut ist.

Während sich Empergers Vater noch vor der Machtübernahme der Nazis im kommunistischen Widerstand engagierte und von einem Gefängnis in das andere überstellt wurde, bildete die Mutter Maria Peskoller mit anderen Frauen im Raum Villach die zentrale Versorgungsbasis der „Volksfeinde“, wie jene – hauptsächlich slowenischen – Rebellen genannt wurden. Als im Herbst 1944 das Netz gegen Feinde des Regimes immer enger gezogen wurde, kam Helga mit ihrer Mutter und Schwester Roswitha in Haft. Knapp vor Weihnachten wurde Maria Peskollers Todesurteil durch den als gnadenlos bekannten Volksgerichtshofpräsidenten Roland Freisler ausgesprochen. Die damals 16-jährige Helga bekam die Ermordung ihrer Mutter hautnah mit. Ein einschneidendes Erlebnis, das auch ein dreiviertel Jahrhundert später an der rüstigen Dame nagt. Als sie von den letzten Stunden mit der Mutter erzählt, vom Abschiedsbrief, in dem die Kinder aufgefordert werden, anständige Menschen zu werden, findet sie zum ersten Mal im Film keine Worte.

Mit ihrer peniblen Schilderung der damaligen Ereignisse legt Emperger ein unschätzbares historisches Dokument vor, das den zahlreichen, damals in politischer Opposition tätigen Frauen ein Gesicht gibt. Die Bildsprache von Wilde Minze ist im Vergleich dazu merkwürdig einsilbig. Nur selten unterbrechen die Filmemacherinnen Empergers Erzählungen, zeigen die Lebenslust, mit der sich die passionierte Chorsängerin der Last der Erinnerung entgegenstemmt. Es sind diese Momente der Emotionen, die der Film zu wenig auskostet. Zurück bleibt das beeindruckende Bild einer Frau, die wider alle Repressalien die Zivilcourage aufgebracht hat, gegen einen übermächtigen Gegner aufzutreten.