William Kentridge

Das Auge auf dem Stativ

| Nicole Scheyerer |
William Kentridge, Künstler und Filmemacher aus Südafrika, ist derzeit in Österreich sehr präsent: aktuell in der Kunsthalle Krems und demnächst bei den Wiener Festwochen.

Zunächst sind es nur kleine blaue Rinnsale, aber bald fließt das Wasser in Strömen. Es quillt aus den Sakkotaschen des Nadelstreifträgers und überflutet bald das ganze Haus. Mit diesem Motiv aus dem Animationsfilm Stereoscope hat der Künstler William Kentridge 1999 ein unvergessliches Bild für Trauer und Angst geschaffen. Die von dem 1955 in Johannesburg geborenen Künstler verwendete Methode führt in die Frühzeit des Trickfilms zurück: Allein in seinem Atelier zeichnet er mit Kohlestift und Pastellfarben ein Urbild auf Papier, fotografiert es im Einzelbildmodus mit der 35mm-Kamera, radiert Teile aus, zeichnet um und filmt wieder.

Mitte der neunziger Jahre erlebte Kentridge seinen internationalen Durchbruch und wurde seither in unzähligen Ausstellungen gefeiert. In Wien war er 2010 mit seiner Wanderausstellung „William Kentridge – Five Themes“ in der Albertina vertreten. Aber auch das Filmfestival Cannes widmete dem Künstler 2004 ein Special. Dabei betrachtete Kentridge die in Stop-Motion-Technik hergestellten Filme zunächst nur als Auszeit vom reinen Zeichnen für den Ausstellungsbetrieb, als „etwas für mein privates Interesse und meinen Genuss“.

Bühnenleidenschaft

Kentridge arbeitet bis heute ohne Storyboard, denn er lässt seine nur mit Musik von Duke Ellington oder Antonin Dvorák dramatisch unterlegten Bildnarrationen lieber assoziativ entstehen. Wenngleich als Abwechslung gedacht, handelt doch bereits Kentridges erste, 1989 produzierte Filmarbeit Johannesburg, 2nd Greatest City After Paris von den politischen Verwerfungen und sozialen Ungerechtigkeiten seines Heimatlandes. Es treten darin die Hauptfiguren seiner zehnteiligen Filmreihe „Ten Drawings for Projection“ (1989–2011) auf, die derzeit in der Kunsthalle Krems zu sehen ist: der ausbeuterische Unternehmer Soho Eckstein und der zögerliche Künstler Felix Teitlebaum, beides Alter Egos des Künstlers.

Die Politik des Apartheid-Regimes lernte der Sohn einer jüdischen Anwaltsfamilie genau kennen, verteidigte sein Vater doch Nelson Mandela und seine Mitstreiter. Nach der Schule studierte Kentridge zunächst Politikwissenschaften und African Studies, bevor er ein Kunstdiplom erwarb. In Paris besuchte er die Theaterschule Jacques Lecoq. Die Leidenschaft für die Bühne hat den virtuosen Zeichner bis heute nicht verlassen. Mit dem Ensemble der Handspring Puppet Company inszenierte er anspruchsvolle Stücke wie „Woyzeck on the Highfield“ (1993) und „Faustus in Africa“ (1996). Seine multimedialen Theaterstücke und Operninszenierungen der „Zauberflöte“ oder von Schostakowitschs „Die Nase“ ernteten viel Kritikerlob. Bei den diesjährigen Wiener Festwochen wird er 24 Kurzfilme zu Franz Schuberts Liederzyklus „Winterreise“ präsentieren.

Die traumatische Kolonialgeschichte des Kaps sowie dessen wirtschaftliche und ökologische Krisen gehen dem durch und durch politischen Künstler jedoch nie aus dem Kopf. Eine zentrale Frage seines Werks bleibt die Erinnerung, die auch in seinem unverwechselbaren Stil stets mitschwingt. So werden die Spuren des Ausradierens und Überzeichnens in den ungeheuer dynamischen Filmen nicht zum Verschwinden gebracht, sondern stehen metaphorisch für das Verdrängte und Vergessene. Die nicht leicht lesbaren, aber stets auch humorvollen Geschichten strotzen vor traumgleichen Metamorphosen, etwa wenn sich ein altmodisches schwarzes Telefon in eine Katze verwandelt und diese wiederum in eine Gasmaske. In einer der stärksten Szenen von Mine (1991) bohrt sich der Pressstempel einer französischen Kaffeekanne von Soho Ecksteins Frühstückstisch hinunter bis in die Schächte jener Gruben, wo schwarze Gestalten für seinen Reichtum ausgebeutet werden.

Sehen

Seien es nun die revolutionären Filmemacher Dziga Vertov und Sergej Eisenstein, oder sozialkritische Künstler wie Francisco de Goya, Käthe Kollwitz und Joseph Beuys, es sind viele Vorbilder, auf die sich der cinephile Künstler beruft. Dem Erfinder der Trickfilmtechnik hat er mit den Filmen 7 Fragments to George Méliès und Journey to the Moon Hommagen gewidmet. Am Stop-Trick-Pionier Méliès fasziniert ihn, wie dieser in seinem 1902 entstandenen Film Le Voyage dans la Lune Illusion und Realität mittels einfacher Effekte verschmilzt und dennoch nie den Konstruktionscharakter seiner visuellen Schöpfungen verbirgt. Auch Kentridge weist den Betrachter immer wieder auf seine eigene Rolle hin und macht in seinen rund vierzig bisher entstandenen Filmarbeiten häufig das Sehen an sich zum Thema.
So tritt in dem Trickfilm Ubu Tells the Truth (1997) ein großes Auge als Protagonist auf, das bald durch ein Kamerastativ Beine erhält. Kentridges Projekt zu König Ubu aus dem Stück des Surrealisten Alfred Jarry setzt sich mit der „Truth and Reconciliation Commission“ auseinander, die ab 1996 Verbrechen der Apartheid-Politik aufklären sollte. Im Film inszeniert Kentridge deren Scheitern durch eine Kamera, die alles sieht und dann die Zeugen zur Seite räumt.

Einprägsame Bilder für die Komplexität des Sehens bietet auch die melancholische Liebesgeschichte Felix in Exile. Der Trickfilm entstand 1994 während der ersten freien Wahlen in Südafrika, die von öffentlichen Debatten über das Verhältnis zwischen der Verteilung des Landbesitzes und der Herausbildung von Identität geprägt waren. Felix Teitlebaum sitzt einsam im Pariser Studio und sehnt sich nach seiner Heimat, für die in seinen Träumen eine schöne Landvermesserin steht. Der Exilant und die Afrikanerin treffen einander im Spiegel, als sie beide in ein Vermessungsgerät blicken. Das Begehren, die trennende Fremdheit aufzuheben, bleibt bei Kentridge freilich Utopie.