Ernst Wilhelm Wenders feiert seinen 75. Geburtstag. Zum feierlichen Anlass verneigt sich diese Doku vor dem großen Kino-Poeten.
Eine illustre Schar von Weggefährtinnen und -gefährten von Francis Ford Coppola über Willem Dafoe und Patti Smith bis Hanns Zischler kommt zu Wort, reichlich Filmausschnitte werden eingespielt. Ein bisschen zu huldvoll fällt dieser Hofknicks bisweilen aus. Vom menschlichen Faktor, etwa dem herrlichen Humor der Regie-Ikone, ist zu wenig zu spüren. Der Plausch zwischen Werner Herzog (mit Sonnenbrille!) und Wenders gerät immerhin zu einer Sternstunde – das muss man gesehen haben! Von Herzog stammt zudem der beste Spruch: „Ich werde einem 18jährigen Filmstudenten sagen: Wenn du Filme machen willst, schau dir Wims Filme an, du Depp!“.
„Es ist kein Geheimnis, dass Wim Wenders zu den ganz wichtigen Regisseuren unserer Zeit gehört. Er hat ein halbes Jahrhundert lang Filme gemacht und es ist kein wirklich schlechter dabei“, stellt Herzog noch vor dem Vorspann fest. Zwei Stunden lang nimmt sich das Regie-Duo Eric Friedler und Andreas „Campino“ Frege Zeit, um dem Filmemacher zu huldigen. Mit dem Frontmann der Toten Hosen verbindet Wenders ein langjährige Freundschaft, entsprechend nahe lässt der dreifach Oscar-nominierte Filmemacher die Dokumentaristen an sich heran. Dabei mag der Künstler solche Auftritte vor der Kamera keineswegs: „Ich werde mir auch diesen Film nicht anschauen!“, gibt er einmal lachend zu Protokoll. Denn der Rummel um seine Person ist dem Maestro suspekt. „Wenn ich sagen soll, wer ist Wim Wenders? Dann hüte ich mich vor der Frage. Ich will es nicht wissen. Ich will’s wirklich nicht wissen. Ich seh’ den Typ schon jeden Morgen beim Rasieren. Das reicht mir.“
Über die Arbeit redet der Regisseur hingegen gern. „Für mich ist Erzählen ein Wagnis. Weil man Erzählen nur ernsthaft darf, wenn man nicht weiß, wie es ausgeht“, weiß Wenders. „Filmemachen ist nur zur Hälfte das, was man macht. Und zur anderen Hälfte das, was man bekommt“, lautet eine andere Weisheit von Wim. Als cleverer Clou erweist sich die Idee, den Regisseur an Schauplätze seiner Werke zu schicken und Szenen nachzuspielen, die sich mit den Originalsequenzen abwechseln. Da läuft Wenders die alte Paris, Texas-Strecke des Travis in der Wüste nochmals ab. Holt sich zitatsicher im verlassenen Diner lässig ein Bier aus der Kühltruhe. Wenig später wird er einsam über die Schienen balancieren mit einem Regenschirm in der Hand. Auch die Staatsbibliothek von Der Himmel über Berlin besucht er nochmals, schwingt dort spielend den Bleistift wie einst Bruno Ganz. Mit Erika Pluhar plaudert er in der Wiener Straßenbahn, einem Schauplatz von Die Angst des Tormanns beim Elfmeter. Die coole Idee freilich ist von Wenders gemopst: Er begab sich schon anno 2012 für einen Computer-Werbespot mit seinem Samsung Galaxy an den Potsdamer Platz, zu eingestreuten Szenen aus Der Himmel über Berlin. Das von seinen rund 80 Werbespots in der Doku nichts zu sehen ist, erweist sich allemal als Manko. Als Mini-Ersatz gibt es den Schnipsel eines frühen 8mm-Films zu sehen. Von den gezeigten Industrieanlagen im Ruhrpott-Abendrot sei sein Vater wenig beeindruckt gewesen, wie sich der Regisseur erinnert. Mit solch persönlichen Momenten kann die Doku punkten, etwa wenn Ehefrau Donata über ihre Beziehung erzählt. Sie sehe sich als Elfe, die um Wim herumtanze. Oft sei sie überfordert gewesen, mit ihm Schritt zu halten. Wim sei wie ein Dampfer, der immer weiter fahre. Überraschend ihre Einblicke in die Innenwelt: „In den letzten Jahren hat er angefangen, sehr ungehalten zu sein. Und herumzubrüllen. Das tat mir in der Seele weh, weil es gar nicht Wim ist. Deswegen waren die Spielfilme nie eine Freude. Das ist anders bei den Dokumentarfilmen. Deswegen sind die Dokus alle so toll.“
Der Regisseur selbst gibt sich bisweilen gleichfalls emotional. „Ich bin bekennender Workaholic. Das ist mein großes Problem“, sagt er dann. Dass er zu den stillen Menschen gehöre. Sehr geduldig, zugleich sehr hartnäckig sei. Oder welch schlechtes Verhältnis er zum Geld habe. Für 10.000 Dollar verkaufte er einst die spanischen Rechte von Der amerikanische Freund. Der machte dort eine Million Zuschauer und bescherte dem Verleiher ein neues Haus, wie Wenders beklagt. „Wir haben auf hohem Level immer von der Hand in den Mund gelebt“, bestätigt die Ehefrau. Etwas zu huldvoll geraten die Meinungen der Weggefährten von Wenders. „Ein Künstler, durch und durch!“, schwärmt Willem Dafoe. „Seine Bilder sind wie Gemälde“, weiß Andie MacDowell. „Wim hatte eine der größten Rock‘n‘Roll-Plattensammlungen, die ich kenne“ schwärmt Dennis Hopper. „Wahrhaftige Filmkunst“, gibt Coppola zu Protokoll. Dessen großer Streit als Produzent um Hammett nimmt dann viel Raum ein. Das Fiasko von einst hat bis heute Nachwirkungen. Warum seine damalige Ehefrau Ronee Blakley in Hammett nicht mehr zu sehen ist? „Darüber will ich nicht reden. Das ist zu privat“, hält sich Wenders verblüffend bedeckt. Coppola plaudert um so mehr: Aus dem vorgesehenen kleinen Gastauftritt hätte Wenders heimlich eine Hauptrolle gemacht, die nie abgesprochen gewesen war. „Wie sagt man ‚Cherchez la femme’ auf deutsch?“ stichelt der Hollywood-Tycoon vergnügt weiter gegen den Autorenfilmer. Zur Sternstunde gerät das Wiedersehen von Wenders mit Werner Herzog, Ikonen unter sich in der Leder-Garnitur: „Bizarrerweise werden wir dem Neuen deutschen Film zugerechnet. Wie empfindest du das?“, fragt Herzog. Und Wenders antwortet: „Wir wollten nie auch nur im Entferntesten etwas sein wie eine Schule. Wir waren Einzelgänger hoch zehn. Das war das Tolle!“ – „Ich wollte mit diesem ganzen Sauhaufen nichts zu tun haben“, bestätigt Herzog, der seine Sonnenbrille nie abnimmt. Auch eine gemeinsame Szene aus Raum 666 lässt man Revue passieren. Im Luxushotel von Cannes befragte Wenders einst Kollegen wie Spielberg, Godard und Herzog nach der Zukunft des Kinos. Herzog zog damals spontan seine Schuhe aus. Wenders spielt jene Szene nach, beantwortet lakonisch die eigenen Fragen: „Haben Streamingdienste das Kino ersetzt?“ – „Ja!“. „Welche Überlebenschancen hat das Kino heute?“ – „Keine!“. Da wäre er wieder, der Humor des Maestro.
Gewohnt humorlos gibt sich die ARD. Die zeigt am Geburtstag die zweistündige Doku just zehn Minuten vor Mitternacht.
