Kammerspiel mit Hitchcock-Flair im kalifornischen Orangenhain.
Eigentlich wollte der namenlose Einbrecher gleich wieder verschwinden. Ein Glas Orangensaft, ein bisschen Bargeld, eine Rolex-Uhr und weg aus dem Ferienhaus des milliardenschweren CEO einer Tech-Firma. Doch leider kommen der Besitzer (Jesse Plemons) und seine Ehefrau (Lily Collins) plötzlich zurück, sodass der unbeholfene Einbrecher (Jason Segel) sich etwas überlegen muss. Er sperrt zunächst beide in die Außensauna, um sich etwas Zeit für die Flucht zu verschaffen, entdeckt dann aber eine Kamera am Rand des Anwesens, die ihn und seinen Wagen gefilmt haben muss. Obwohl alle Beteiligten die Situation ohne Gewalt hinter sich bringen wollen, gerät doch langsam eine Eskalationsspirale in Bewegung.
Windfall, die dritte Regiearbeit von Charles McDowell, ist ein konzentriertes, schwarzhumoriges Thriller-Kammerspiel mit Hitchcock-Flair. Letzteres rührt nicht zuletzt von dem eleganten Ferienhaus, das ebenso der 1950er-Schauplatz eines raffinierten Hitchcock-Plots sein hätte können und von Kameramann Isiah Donté Lee mit Ruhe und ironischer Distanz eingefangen wird. Zudem appelliert der verspielte Orchester-Score von Danny Bensi und Saunder Jurriaans durchwegs an die Classic-Hollywood-Lade in unserem Popkultur-Gedächtnis. Und auch das entschleunigte Tempo sowie die nüchtern-unaufgeregten Performances von Collins, Plemons und Segel heben sich angenehm von den Konventionen gegenwärtiger Crime-Thriller ab.
Windfall knüpft im mehrfacher Hinsicht an McDowells beachtliches Debüt The One I Love (2014) an. Auch dort war es eine minimale Figuren-Konstellation an einem isolierten, traumhaft schönen Ferienort in der kalifornischen Landschaft. Und auch dort wurde ein langsames Spiel mit Erwartungen getrieben.
Obwohl das Drehbuch zu Windfall u.a. aus der Feder von Se7en-Autor Andrew Kevin Walker stammt, ist Suspense nicht der Antrieb des Films. Dazu haftet der Konstellation durchwegs zu sehr eine Aura von Versuchsanordnung an. So wirken die Figuren eher wie Repräsentationen von gesellschaftlichen Verhältnissen als wie richtig ausgearbeitete Charaktere. Dazu passt, dass sie alle keine Namen haben – der Einbrecher heißt in den Credits sogar „Nobody“. Der Konflikt zwischen den dreien macht das Generische der jeweiligen Position immer sichtbarer: Der arrogante Reiche, die unglückliche Abhängige und der getriebene Habenichts. Zwar kalkulieren alle drei ihrer Position entsprechend, aber es sind der CEO und der Dieb, die den Plot hauptsächlich vorantreiben: Als Verkörperungen der zwei ökonomischen Endpunkte weißer Männlichkeit in den USA der Gegenwart – superreich und bettelarm. Ihr Konkurrenzkampf zerreibt und absorbiert andere Identitäten wie nebenbei; nicht nur die vermittelnde Frau, sondern auch einen nicht-weißen Angestellten.
Teilweise geraten die Dialoge dieser Kapitalismus-in-a-Nutshell-Anordnung allzu plump hinsichtlich ihrer politischen Message. Etwa wenn der Hausbesitzer moniert, wie schwer es heutzutage sei, ein reicher weißer Mann zu sein. Oder wenn umgekehrt der Dieb moralisierend wiederholt, was uns der Film bereits ausgiebig um die Ohren gehauen hat: Dass der CEO widerlich sei und dennoch alles habe.
Trotz dieser wenig subtilen Plattitüden spielt McDowells Kammerspiel insgesamt gekonnt mit Erwartungen. Und die plakativen sozialpolitischen Untertöne geraten zumindest nicht melodramatisch. Dafür wird es – so viel sei gesagt – dann einfach zu böse.
