Die Zukunft des Kinos

Wir duzen alle, die reinkommen

| Marie Ketzscher |
Die Zukunft kann kommen: Wolf und Sinema Transtopia in Berlin und Lodderbast in Hannover zeigen vor, wie Kino anders gestaltet werden kann.

Das Kino als sozialer Ort der Begegnung. Diese Idee ist seit Pandemiebeginn noch einmal mehr zum zentralen Sehnsuchtsmotiv in den Diskussionen um die Zukunft der Lichtspielhäuser geworden. Dem Gedanken haftet nicht selten Nostalgie an: Man möchte die gleichen Kinos besuchen, die das erwartete Programm präsentieren. Das Kino als heiles Vorher – eine Projektion, die das Publikum mit vielen Betreiberinnen und Betreibern teilt. Es gibt allerdings auch Kinos und Initiativen, die diese Sehnsucht nach dem sozialen Begegnungsort Kino mit Veränderung verbinden, und selbst innovative Wege in der Filmauswertung gehen.

Dazu zählt etwa das Wolf Kino in Berlin, das seit seiner Eröffnung 2017 ein fester Bestandteil der Programmkino-Community in der Hauptstadt ist. Schon vor dem Betreten des Kinos sieht man, welcher Kuchen im Wolf Café serviert wird, weil die verglasten Fensterfronten den Blick ins Innere freigeben. Das Café fungiert dabei als „sozialer Raum, über den man mal aus Versehen ins Kino stolpern kann oder andersherum“, sagt die Kinobetreiberin Verena von Stackelberg. Das Kino als Teil der Nachbarschaft und als ganzheitliches Konzept: Das Wolf Kino hat auch den Wolf Verleih, das Wolf Studio als Kino-Experimentier- und Diskussionsort und einen Postproduktionsraum mit angedockt, engagiert sich außerdem in der Filmbildung, veranstaltet Baby-Wolfgang-Vorführungen für junge Eltern mit Babys (Stillen und Schlafen erwünscht) – und mit Wolf in Space existiert ein Onlineangebot, auch für die Zeit nach Corona.

Idealerweise kommen die Filmschaffenden und die Zuschauerinnen und Zuschauer aber in allen Etappen der Filmproduktion von der Herstellung bis zur Auswertung miteinander ins Gespräch. Kino „ohne roter-Teppich-Allüren“. Beim Programm orientiert sich Verena von Stackelberg an künstlerisch interessanten Filmen aus den Neustarts, zumeist in Originalversion, außerdem gibt es Retrospektiven, Sonderreihen und wiederentdeckte Klassiker wie Charles Burnetts Killer of Sheep. Auch ein Film ohne Verleih kann darunter sein, aber nur, wenn die Filmschaffenden die Vorführung in Präsenz begleiten. Überhaupt: Dem Austausch im Anschluss an den Filmabend misst von Stackelberg eine zunehmende Bedeutung bei, wenn man seine Zielgruppen erreichen möchte.

Gute Nachbarschaft ist wichtig für das Gelingen neuer Kinokonzepte. Das würden auch Wiebke und Johannes Thomsen als Betreiberinnen des seit 2018 bestehenden Lodderbast Kinos in Hannover, des „kleinsten Kinos der Welt“, unterschreiben. Auch ihr Lodderbast lädt unmittelbar zum Austausch ein, denn man steht direkt zwischen den 20 Kinosesseln, sobald die Kinotür aufgeht. Das Ehepaar kennt die Stammgäste oft beim Vornamen: „Wir duzen alle eisern, die hier reinkommen – egal, wie alt sie sind. Das ist schließlich unser Wohnzimmer“, sagt Johannes Thomsen dazu. Die Thomsens, die auch über ihrem Kino wohnen, schaffen für jeden Kinoabend einen Rahmen: Es gibt eine Einführung und das plaudernde Kinogespräch danach mit einem Bier, oft sind auch die Filmemachenden vor Ort. „Verbindlich und authentisch“ nennt Wiebke Thomsen das Ambiente, das sie gern erzeugen wollen mit dem Lodderbast, in dem sie schließlich „Kino und Leben vereinen“.

Dazu passt auch, dass sie für die Gäste regelmäßig auch kochen oder Brot backen, analog zu den amerikanischen „Dine-In“-Kinos. Bei Pandemiebeginn schlossen sie sofort – und stellten auf Live-Online-Kino um, inklusive Filmgespräche. Das ist eine Komponente, die sie auch nach Öffnung der Kinos beibehalten möchten. Bei ihrem kuratierten Programm setzen sie auf junges, wildes deutsches Kino, Genrefilm, Themenschwerpunkte und Festivalkooperationen (beispielsweise mit den Hofer Filmtagen) – eine Kombination, die Leute inzwischen auch aus der Umgebung anreisen lässt. Nicht nur beim Filmischen gilt: Zum Lodderbast passt, was die Thomsens mögen und was das Kino gegenfinanziert – so boten die Thomsens auch im filmfreien Winter 2020/2021 Grünkohl und Bregenwurst als Mittagstisch an und konnten sich so über Wasser halten.

Vom Business-Plan weg möchte hingegen der 2014 von Malve Lippmann und Can Sungu gegründete bi’bak Projektraum in Berlin mit seinem im September 2020 gestarteten Sinema Transtopia, ein „Kino-Experiment“ als Erweiterung des vorher existierenden bi’bakino. Das Sinema Transtopia spricht internationale, migrantische Communities und People of Color an, sowie alle Menschen, die sich für Diskurse abseits des Mainstream interessieren. Als ausschließlich durch Förderung finanziertes Projekt sind sie frei in ihrer Programmierung, und präsentieren zur Ausrichtung des bi’bak passende kuratierte Filmreihen mit Fokus auf transnationale, postmigrantische und postkoloniale Narrative, die sich sonst wenig auf den Kinoleinwänden wiederfinden, zum Beispiel ein vom Kollektiv un.thai.tled kuratiertes Festival mit ungewöhnlichen Einblicken in das thailändische Filmschaffen. Für Can Sungu ist es diese Form des kuratierten Kinos, die ein Zukunftsmodell für das Kino überhaupt sein könnte, ermöglicht durch eine bedingungslose Basisfinanzierung.

Die Film-Veranstaltungen des bi’bak waren schon vor dem Sinema Transtopia sehr nachgefragt. Das liegt auch daran, dass das bi’bak mit seinen Zielgruppen eng in Kontakt steht: Der Projektraum hat ein großes Netzwerk mit potentiellen Kuratorinnen und Kuratoren und kann so ein auf die Communities zugeschnittenes Programm auf Augenhöhe anbieten: „Wir wollen nicht ein Programm über die Communities machen, sondern mit ihnen zusammen“, sagt Can Sungu dazu. Dazu gehören Filmgespräche, Workshops als Safe Spaces von und für People of Color und der Aufbau eines Filmarchivs. Eine bedingungslose Förderung, wie es sich das bi’bak für eine Erneuerung der Kinolandschaft  wünscht – das wäre für die Thomsens in ihrem Lodderbast-Kino undenkbar, sagt Johannes Thomsen: „Wir würden uns niemals unter das Joch stellen, ein rein gefördertes Kino zu werden, denn damit macht man sich ja auch abhängig. Wir wollen keine linientreue Kunst, sondern auch unbequeme Sachen machen. Und das geht eben nur, wenn man komplett unabhängig ist.“